Für seine letzte Neuinszenierung als künstlerischer Leiter am Teatro alla Scala hat Riccardo Chailly Nabucodonosor gewählt, das Werk, das den eigentlichen Beginn von Giuseppe Verdis außergewöhnlicher Karriere markierte. Die Reaktion des Publikums auf dieses denkwürdige Ereignis war außergewöhnlich. Vom Moment seines ersten Auftritts im Orchestergraben an war der Applaus überwältigend und von Herzen kommend. Während eines Szenenwechsels löste ein lautes „Bravo Maestro!“ aus dem Rang eine Ovation aus, die den Dirigenten und das Orchester in eine warmherzige und liebevolle Umarmung hüllte.

<i>Nabucodonosor</i> &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Nabucodonosor
© Brescia e Amisano | Teatro alla Scala

Chailly dirigierte das Orchester der Scala mit viel Liebe zum Detail: kraftvoll, zuweilen leidenschaftlich, dabei stets mit Blick auf die Klangfarben des Orchesters, wobei er billige Effekte vermied, zu denen die Partitur gelegentlich neigt. All dies wurde mit Eleganz und Raffinesse gestaltet. Seine Aufmerksamkeit für die Bühne war vorbildlich; er unterstützte die Sänger sorgfältig, wann immer sie Gefahr liefen, von einer Fortissimo-Passage übertönt zu werden, und führte sie mit fester, erfahrener Hand. Der Chor der Scala lieferte eine großartige Darbietung, dessen Dynamik raffiniert und dessen Musikalität erstaunlich war. Der Applaus nach „Va’ pensiero“ dauerte fast fünf Minuten, begleitet von wiederholten Zugabe-Rufen, denen Chailly jedoch nicht nachkam.

Anna Netrebko (Abigaille) &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Abigaille)
© Brescia e Amisano | Teatro alla Scala

Die Besetzung wurde der Herausforderung voll und ganz gerecht. Anna Netrebko sang die ungemein schwierige Rolle der Abigaille und brachte alle erforderlichen stimmlichen und schauspielerischen Mittel in diese Partie ein. Ihr geschmeidiger, samtiger Sopran zeigte kaum Anzeichen von Ermüdung. Die tiefen Lagen waren kräftig und resonant und fügten sich nahtlos in den Rest ihrer Stimme ein: Ihre Eröffnungsphrase „Prode guerrier“ war perfekt getragen, voller Drohung und spöttischer Autorität. In ihrer großen Szene „Ben io t’invenni, o fatal scritto!“ stürzte sich Netrebko mit der für sie typischen Hingabe in die Rolle. Die Arie „Anch’io dischiuso un giorno“ war vielleicht ihr schönster Moment des Abends, ihre Pianissimi waren prachtvoll getragen, ihr Timbre üppig und samtig, mit einer frischen und fesselnden Nuance. Beim Einstieg in die Cabaletta „Salirò del trono aurato“ wurde das hohe Register brillant und strahlend und trug genau den richtigen metallischen Schimmer: eine überwältigende Wirkung. Ja, manchmal ließen die höchsten Töne eine gewisse Anstrengung erkennen, und sie vermied das abschließende hohe C der Cabaletta, doch solche Details verblassen angesichts der schieren Pracht ihrer Darbietung.

Luca Salsi verlieh dem assyrischen König Nabucodonosor Würde und Charisma: imposant und einschüchternd, als er sich selbst zum Gott erklärte, zurückhaltend und musikalisch respektvoll in der Wahnsinnsszene, zutiefst bewegend bei seiner Bekehrung zum Gott Israels. Sein „Dio di Giuda“ war von tiefer Gefühlskraft geprägt. Salsi bewies einmal mehr seine instinktive Affinität zu Verdis Stil; er versteht es, den Komponisten mühelos zu verkörpern, selbst in Rollen wie dieser, die vielleicht nicht ganz zu der sanften Lyrik seines Baritons passen.

Luca Salsi (Nabucco) und Ensemble &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Luca Salsi (Nabucco) und Ensemble
© Brescia e Amisano | Teatro alla Scala

Zaccaria wurde von Michele Pertusi gesungen, einer Stimme, die der Zeit selbst zu trotzen scheint. Zu Beginn war er noch nicht ganz in der Rolle angekommen, die Stimme wirkte gelegentlich etwas unsicher, doch schon bald fand er seinen Weg hinein und lieferte eine äußerst überzeugende Darbietung. Sein Bass war fest verankert und gut projiziert, die hohen Töne wunderschön gehalten und das tiefe Register sicher. Sein Vortrag war durchweg stilvoll, und Zaccarias Autorität strahlte aus jeder Phrase. Francesco Meli als Ismaele und Veronica Simeoni als Fenena gingen ihre vergleichsweise kleinen Rollen mit großer Hingabe und hervorragender Chemie an und trugen maßgeblich zum Erfolg des Abends bei.

Michele Pertusi (Zaccaria) und Chor &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Michele Pertusi (Zaccaria) und Chor
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Regisseur Alessandro Talevi präsentiert eine Inszenierung, die sowohl dem Libretto als auch Chaillys detailreicher, eleganter musikalischer Herangehensweise eng folgt. Die Hebräer sind in beige- und graue Lumpen gekleidet (Kostüme von Gary McCann), während die assyrischen Soldaten Gewänder tragen, die an das späte 18. Jahrhundert erinnern; die Hofdamen erscheinen in Kleidern mit orientalischen Akzenten. Die zentrale Idee, zugegebenermaßen nicht die originellste, ist, dass jede Epoche Herrscher hervorbringt, die von der Macht berauscht sind und sich selbst für göttlich halten. Die Hebräer werden häufig unter dem Schutz des Tempels gezeigt, der der Kuppel des römischen Pantheons ähnelt: in der Eröffnungsszene nach dem assyrischen Angriff zerstört, später in eine fast spirituelle Vision verwandelt und schließlich wieder in seinem früheren Glanz erstrahlt.

Zahlreiche unvergessliche Bilder zieren die Bühne: Nabuccos Auftritt auf einem riesigen, von skelettartigen Pferden gezogenen Streitwagen; der assyrische Turm, der sich spiralförmig aus dem Bühnenboden emporhebt; Nabuccos Fiebertraum während der Wahnsinnsszene, in dem er wankend auf einem Seil balanciert, während ein riesiger Vogel, der Abigaille symbolisiert, ihn bedroht und ihn schließlich zu Fall bringt; Abigailles Tod, wenn sie vom Blitz getroffen und auf der Bühne von Flammen verschlungen wird.

Anna Netrebko (Abigaille) &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Abigaille)
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Die Inszenierung umfasst auch die Ballette, die Verdi für die Brüsseler Aufführung von 1848 komponierte und die hier in ihrer ersten modernen Inszenierung präsentiert werden. Die Musik erweist sich als äußerst interessant und oft wunderschön, insbesondere im ersten Divertissement, das ein bezauberndes Cello-Solo enthält. Talevi entwirft ein Theater innerhalb des babylonischen Hofes, in dem ein Stück oder Ballett mit dem Titel Semiramide aufgeführt wird, wobei Abigaille selbst die antike babylonische Königin verkörpert. Netrebko – welche eine Königin spielt, die eine Königin darstellt – schien sich in diesem Konzept rundum wohlzufühlen.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

Anna Netrebko (Abigaille) &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Abigaille)
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<i>Nabucodonosor</i> &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Nabucodonosor
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Michele Pertusi (Zaccaria) und Chor &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Michele Pertusi (Zaccaria) und Chor
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Luca Salsi (Nabucco) und Ensemble &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Luca Salsi (Nabucco) und Ensemble
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Anna Netrebko (Abigaille) &copy; Brescia e Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Abigaille)
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