So brillant und dramatisch Puccinis Tosca auch sein mag, sie besteht aus vielen einzelnen Elementen, die zusammenwirken müssen, damit sie ihre volle Wirkung entfalten kann. Bei der diesjährigen Festivaleröffnung in Glyndebourne funktionierten viele – wenn auch nicht alle – dieser Teile einwandfrei, während andere das Gesamtwerk eher behinderten.

Caitlin Gotimer (Tosca) und Matteo Lippi (Cavaradossi) © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Caitlin Gotimer (Tosca) und Matteo Lippi (Cavaradossi)
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith

Das Highlight des Abends waren die Gesangsdarbietungen unserer drei Hauptdarsteller, von denen ich bisher noch keinen gesehen hatte (noch besser war wohl ein besonders schöner Auftritt des Trinity Boys Choir und des Glyndebourne Youth Chorus). Matteo Lippis Cavaradossi war warm, rund, mühelos vorgetragen, gelassen in „Recondita armonia“, kraftvoll heroisch unter der Folter im zweiten Akt, leidenschaftlich und bewegend in „E lucevan le stelle“. Caitlin Gotimer zeigte ein entzückendes Timbre und eine gelungene Phrasierung; sie brachte das Haus zum Beben mit dem wiederholten „Mal ihr schwarze Augen!“ im ersten Akt und erfüllte uns dann mit Pathos in „Vissi d’arte“. Auf einer Skala von brutal bis hinterhältig lag Vladislav Sulimskys Scarpia definitiv am hinterhältigen Ende, war aber dennoch stimmlich überzeugend: Dies ist eine elegante Baritonstimme, der ich gerne die ganze Nacht zuhören würde.

Erster Akt © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Erster Akt
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith

Das Problem ist, dass es nur mit geschlossenen Augen funktionierte, so sehr fehlte es den Darstellern an sichtbarer Chemie oder Feindseligkeit zwischen den Charakterpaaren. Man konnte die Romanze zwischen Tosca und Cavaradossi in ihren Stimmen hören, aber man konnte sie nicht in ihrer Körpersprache erkennen. Toscas Wandel von herrisch zu ängstlich und ihr verzweifeltes Ringen um die Wiedererlangung ihrer Selbstbeherrschung fanden in keinerlei äußeren körperlichen Anzeichen Ausdruck. Und Scarpias Auftreten vermag keine echte, instinktive Abscheu oder Angst zu wecken. Noch nie habe ich eine solche Diskrepanz zwischen stimmlicher Brillanz und wirkungslosem körperlichem Schauspiel gesehen.

Die Inszenierungsentscheidungen von Regisseur Ted Huffman sind durchaus nachvollziehbar. Er entscheidet sich klugerweise dafür, der Grundprämisse und dem dramatischen Fluss des Originals treu zu bleiben (ehrlich gesagt ist es bei Tosca auch kaum anders möglich). Die Bühnenbilder von Nadja Sofie Eller und die Kostüme von Astrid Klein verlegen die Handlung ins faschistische Italien, vielleicht in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, und reduzieren den ursprünglichen Schnickschnack der napoleonischen Ära auf das Wesentliche, was ästhetisch gut funktioniert.

Vladislav Sulimsky (Scarpia) © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Vladislav Sulimsky (Scarpia)
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith

Huffman fügt in jedem Akt einige Elemente hinzu, mit unterschiedlichem Erfolg. Am gelungensten ist die Verlegung des dritten Aktes vom Castel Sant’Angelo an einen Ort, der wie ein abgelegener Steinbruch wirkt und eindeutig ein Schauplatz außergerichtlicher Hinrichtungen ist. Ich stehe der Idee, dass Angelotti von einem nicht singenden Komplizen in die Kirche begleitet wird, dessen Hauptmerkmal darin besteht, dass er später von Scarpias Schlägern brutal zusammengeschlagen wird, eher neutral gegenüber. Wo ich jedoch mit Huffman nicht übereinstimme, ist die Verlegung des zweiten Aktes und von Scarpias „armem Abendessen“ aus seinen sehr privaten Gemächern in ein mit seinen Anhängern gefülltes Restaurant. Ich vermute, die Idee dahinter ist, zu zeigen, inwieweit seine Brutalität so normal geworden ist, dass die anderen Gäste sie kaum bemerken – was nach einem vernünftigen Konzept klingt, aber seinen Preis hat: Während eines Großteils des Aktes konnte ich meine Gedanken nicht davon abhalten, vom Geschehen abzuschweifen und mich zu fragen, ob es Scarpia gelingen würde, den Raum zu räumen, bevor er ermordet wird. Was wirklich schade war, besonders in „Vissi d’arte“, wo ich mich eigentlich voll und ganz auf Gotimers wunderbaren Gesang hätte konzentrieren sollen.

Matteo Lippi (Cavaradossi) © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Matteo Lippi (Cavaradossi)
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith

Die Höhepunkte des Mordes an Scarpia und dessen Folgen sind so zurückhaltend inszeniert, dass sie fast schon banal wirken: Der Geist von Sarah Bernhardt, deren meisterhafte Pantomime Puccini zu dem orchestralen Zwischenspiel nach dem Mord inspirierte, wäre wohl wenig beeindruckt davon gewesen, dass die Szene darauf reduziert wurde, dass Tosca die Leiche in die Restaurantküche schleppt und sich dann hinkniet, um den Boden aufzuwischen.

Was das Orchester betrifft, so zeigten Robin Ticciati und das London Philharmonic Orchestra durchweg Präzision, ein gutes Tempo und eine ausgewogene Klangbalance, wodurch reichlich Raum blieb, den Gesang zu genießen. Doch der Orchesterpart im ersten Akt ließ jene Intensität vermissen, die diese Oper eigentlich bieten kann. Vielleicht brauchten alle einfach etwas Zeit, um in Schwung zu kommen, denn im zweiten und vor allem im dritten Akt wurde diese Intensität deutlicher spürbar.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Obwohl es in dieser Aufführung viel zu genießen gab, hatte ich mir angesichts der Bedeutung des Anlasses – Glyndebournes allererste Inszenierung von Tosca – und angesichts des Rufs, den Huffman als Regisseur seiner ersten Glyndebourne-Produktion mitbringt, deutlich mehr erhofft.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

Caitlin Gotimer (Tosca) und Matteo Lippi (Cavaradossi) © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Caitlin Gotimer (Tosca) und Matteo Lippi (Cavaradossi)
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Erster Akt © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Erster Akt
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Vladislav Sulimsky (Scarpia) © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Vladislav Sulimsky (Scarpia)
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Matteo Lippi (Cavaradossi) © Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith
Matteo Lippi (Cavaradossi)
© Glyndebourne Productions Ltd | Richard Hubert Smith