Am Mittwoch fand die Premiere von Alcina statt, der zweite Teil der doppelten Wiederaufnahme von Händel-Produktionen, die Pierre Audi ursprünglich für das Schlosstheater in Stockholm entworfen hat. Wie in Tamerlano am Abend zuvor war die Inszenierung subtil und elegant. Les Talentes Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset, spielten exquisit. Aber es war die Besetzung der Superlative, angeführt von Sandrine Piau, die starke Emotionen entfesselte.

Das Bühnenbild von Alcina (abermals von Patrick Kinmoth) spiegelte das von Tamerlano. Anstelle von zwei Reihen von Säulen ist die Bühne diesmal von Wänden aus üppigem Laub gerahmt, gleich einem Labyrinth in klassischem Garten. Als Ruggiero im zweiten Akt von Alcinas Zauber befreit wird, wird das Bühnenbild herumgedreht, sodass das Publikum einen Blick von hinter der Bühne werfen kann – und entdecken, dass der überbordende Garten nur künstliche Requisite ist. Im dritten Akt schließlich, als Alcinas magische Welt in sich zusammenfällt, bleibt man als Zuschauer mit der gleichen leeren Hülle eines Theaters zurück wie in Tamerlano.

In dieser aufgeräumten Inszenierung, die, abgesehen von einem einzelnen Stuhl und horizontaler Beleuchtung, die Gesten und Mimik unterstreicht, ohne jegliche Requisite arbeitet, ist jeder Sänger auf der Bühne vollkommen exponiert. Es gibt wenig, das das Publikum in diesen langen, manchmal sehr langen Da-capo-Arien von ihrer Darbietung ablenkt. Die bewundernswert komplexe Regie gibt sich natürlich einige Mühe, die Emotionen darzustellen, doch das meiste muss aus dem Gesang kommen... und der Gesang am Mittwoch Abend war einfach phänomenal.

Von den Protagonisten bis zu den kleinsten Nebenrollen war die Besetzung ausgezeichnet. Giovanni Furlanettos Melisso strahlte sowohl Autorität als auch Wärme aus, als er Ruggiero an die Pflichten gegenüber seiner Frau erinnerte, und Chloé Brios jugendlicher Sopran war sehr überzeugend im Portrait des Knaben Oberto. Daniel Behles beweglicher Tenor ist so ansprechend, dass man in Anbetracht von Orontes Schicksal ausnahmsweise einmal Mitgefühl empfindet, und Angélique Noldus gelang die Darstellung einer Bradamante, die so unbeirrt wie berührend war.

Sabina Puértolas' Timbre ist kräftiger den viele der hellen Soprane, die man oft als Morgana hört. Ihre Koloraturen mögen vielleicht keine stratosphärischen Höhen erreichen, doch ihre Verzierungen in „Tormani a vagheggiar“ waren entzückend, und man muss ein Herz aus Stein haben, um von ihrem „Credete al mio dolore“ nicht entwaffnet zu sein. Maite Beaumont gab einen sehr ansprechenden, knabenhaften Ruggiero, zärtlich lyrisch in „Verdi prati“ und mit meisterlichem vokalem Feuerwerk in „Sta nell'incarna“.

Und dann war da noch Sandrine Piau. Die französische Sopranistin, die erst im letzten Jahr an der Pariser Oper in der Rolle der Morgana zu sehen war, ist der Rolle der jüngeren Schwester eindeutig entwachsen. Ihre Darbietung als Alcina war unvergesslich. Aus technischer Sicht konnte sie nichts aufhalten, nicht einmal die teuflisch schwere Chromatik in „Ombre pallide“, das die Zuhörer sprachlos machte. Ihre Stimme hat vielleicht nicht die natürliche Fülle einiger ihrer berühmten Vorgängerinnen, doch sie gewinnt mit ihrem Portrait einer Kreatur aus Fleisch und Blut: verliebt, verzweifelt, rachsüchtig, grausam.

Der Wendepunkt in der Handlung der Oper ist Alcinas Arie „Ah! Mio cor!“, als die Zauberin bemerkt, dass Ruggiero sie verlässt. Piaus Interpretation, die jede Strophe mit neuer Emotion auflud, war unfassbar schön. Man konnte sehen und hören, wie Alcina immer tiefer in den Abgrund der Verzweiflung hineingezogen wird. Ich schwöre, dass ich mich, und die Menschen neben mir, tief Luft holen hörte, als sie die letzten Töne dieser Arie sang. Die lauten Ovationen, die folgten, hielten minutenlang an.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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