In den letzten vier Jahrzehnten hat die Schweizer Gemeinde Ernen eine Renaissance erlebt, zum Großteil aufgrund eines erstklassigen Sommerfestivals, das Künstler und Besucher aus ganz Europa anzieht. Eine der großen Überraschungen der zweiten Woche des Musikdorfes Ernen war die atemberaubende Darbietung des 23-jährigen koreanischen Pianisten Chi Ho Han.

In der wunderbaren Dorfkirche aus dem 16. Jahrhundert – jede Bank voll besetzt – nahm Han ein höchst anspruchsvolles Repertoire in Angriff. Skeptiker mögen das dem Mut der Jugend zuschreiben, doch Han zeigte schnell, dass er kein Neuling auf der Konzertbühne war. Beethovens Klaviersonate Nr. 28 in A-Dur, Op.101 begann er zart, die Takte schienen in der Luft zu schweben, doch der Satz gewann schnell an Gewicht, kehrte wieder und wieder zum Thema zurück, als wolle es sein Ende aufschieben. Den zweite (Marsch-)Satz spielte er mit sehr inbrünstig; der Pianist wie im Gespräch mit seiner nervösen Erregung und pointierten Dissonanz. In der Tat sah er oft so aus, als spräche er leise mit den Tasten, als er spielte. Der dritte, langsame Satz des Satzes mag vielleicht ein wenig zu lethargisch begonnen haben, doch verstärkte dann schön die emotionale Kompetente, und die Energie des abschließenden Presto packte das Publikum.

Robert Schumanns Kreisleriana zeigte einen sehr ähnlichen Gestus in Bezug auf wechselnde Dynamik und tonale Variation, doch es steckte mehr Magie in der Interpretation dieses zweiten Werkes, das der Komponist als sein bestes Klavierstück bezeichnete. Darin zollt Schumann der E.T.A. Hoffmann-Figur Tribut, die seit Jahrzehnten unter der Frage „echt oder unecht?“ im Zentrum von Diskussionen der Forschung steht. Chi Ho Han gab diesem Stück noch größere Dimension, setzte unerwartete Akzente und betonte Bewegung. Es gab dabei viele wechselnde Segmente: das erste klang verblüfft, dann aufgeregt, ein anderes erfreut, dann plötzlich verwirrt – der Komponist arbeitet hier mit Gegenteilen, die er zu einer einzigen, außergewöhnlichen Zurückhaltung verschmilzt. Auch beschwört er eine Reihe visueller Eindrücke herauf: im dritten, „sehr aufgeregten“ Satz beispielsweise konnte ich den drohenden Sturm geradezu sehen, der die Beschreibung eines frühen Kritikers spiegelt, der von einer tobenden Gewalt berichtet, wie man sie selten sieht. Han traf hier den Nagel auf den Kopf.

Eine Programmänderung ließ dem ein faszinierendes Werk des französisch-kanadischen Marc-André Hamelin folgen. Pavanne variée beginnt mit der bekannten Renaissance-Pavane, öffnet sich dann zu einem Panoptikum musikalischer Stile, die in ihrer Gesamtheit die Geschichte der westlichen Musik mehr oder weniger ganz abdecken. Der Pianist gab dem Zuhörer eine wahre Achterbahnfahrt, zog ihn durch die Klänge Rachmaninows, Beethovens, Ligetis, Debussys, den Klang moderner Maschinen, von hämmerndem Regen, sogar dem Tönen von Kirchenglocken. Letzteres war ironisch, denn das Läuten der Kirchenglocken vor Ort in Ernen verzögerte den Beginn des Chopins um einige Momente. Doch Han füllte dieses zeitgenössische Stück mit einem Pathos, den man selten bei Künstlern seines Alters findet, und machte Hamelins Pavanne dadurch zu einer kraftstrotzenden Mischung bekannter Klänge und träumerischen Sequenzen, die zusammen die unendlichen Möglichkeiten des Klaviers darlegen. Es war mitreißend!

Zuletzt standen Chopins unvergleichliche 24 Preludes auf dem Programm, alle zwei Dutzend, gespielt in ihrer angedachten Reihenfolge, denn, so Jeffrey Kresky, sie sind „vierundzwanzig kleine Werke und ein großes“. Chi Ho Han erklärte, seine Programmwahl für den Abend sei davon gelenkt worden, dass er eine große Bandbreite an Emotion ausdrücken und übermitteln wollte, doch er wollte auch ein gewisses Maß an Fantasie teilen.

Von den gespielten Werken waren die 24 Preludes das Werk, das er am meisten zu spielen genoss, sagte Han. „Selbst die kürzesten dieser Preludes“, erklärte er, „die Nummer 9 – nur 12 Takte! Sie ist perfekt an ihrem Platz zwischen Nummer 8 und 10.“ Und er zitierte die Stücke als „so viele Arten von Musik, ein jedes von ihnen als stamme es von einer anderen Person.“ Außergewöhnlich war, dass dieser virtuose Pianist sowohl die Disziplin als auch die Poesie in seinen Fingern hatte, um jedes dieser Preludes sein eigenes zu machen.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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