Die Frau ohne Schatten, Richard Strauss' dunkles Märchen, das er auch als "Problemkind" beschrieb, ist ein großes Unterfangen für jede Operncompanie. Die Schwierigkeit, die fünf Schlüsselrollen mit Stimmen zu besetzen, die es mit Strauss' enormem Orchesterapparat aufnehmen können, und die monumentalen Herausforderungen, die Hofmannsthals Libretto an das Produktionsteam stellt, sind Schuld daran, dass es nur wenige neue Inszenierungen gibt. Die Entscheidung der Leipziger Oper, Strauss' 150. Jubiläum mit einer neuen Produktion der FroSch (wie er den Titel in seiner Korrespondenz abkürzte) zu begehen, ist deshalb eine deutliche Ansage. Ich habe die Generalprobe zwei Tage vor der Premiere besucht, dies ist also keine formale Rezension. Ein paar der Sänger haben ihre Rollen gelegentlich angerissen, und es gab das ein oder andere technische Problem. Was nun folgt wird, so hoffe ich, trotzem einen Eindruck der Produktion und der Aufführung geben, und diejenigen unter Ihnen in unmittelbarer Nähe dazu animieren, sich schnell eine Karte zu besorgen.

Simone Schneider (Kaiserin) und Doris Soffel (Amme) © Kirsten Nihof
Simone Schneider (Kaiserin) und Doris Soffel (Amme)
© Kirsten Nihof

Ulf Schirmer, Intendant der Oper Leipzig, entschied sich für die Partitur mit Karl Böhms Kürzungen, und erklärte das vor der Probe damit, dass sich die Oper ungekürzt ziemlich ziehen kann. Mit diesen Kürzungen und nicht allzusehr drängenden Tempi raste die Oper dennoch ziemlich dahin. Mit dem dunklen Streicherklang des Gewandhausorchesters war diese opulenteste von Strauss' Musiken einfach grandios, und der sorgfältige Aufbau der Orchestrierung - mit zusätzlichen Blechbläsern im letzten Akt - ergab aufregende Crescendi. Auch die Soli waren sehr gut, besonders das Mini-Violinkonzert für Keikobads Boten in Akt III, den die Produktion als Teufel zu erkennen gibt, der die besten Melodien stiehlt.

Der ungarische Direktor Balász Kovalik hat dafür eine sehr grobkörnige Inszenierung geschaffen, deutlich weniger märchenhaft als Claus Gluths aktuelle Produktion (La Scala und Covent Garden), die stark von Magritte, Freud und der Traumdeutung beeinflusst ist. Ein schlichter Palast, bevölkert von Marmorstatuen, ist das Zuhause des Kaisers und seiner Frau, wohingegen Barak der Färber in einem Armenviertel lebt, das er nach Ersatzteilen durchkämmt, um Fernseher zu reparieren. Heike Scheeles zweistöckiges Bühnenbild ist ein Wunderding und bringt das schäbige Viertel direkt zur Opernhaus-Opulenz, als die Amme Baraks Frau zu dem schrecklichen Handel verleitet, ihren Schatten (d.h. die Fähigkeit, Kinder zu bekommen) für ein Leben im Luxus einzutauschen. Gebäude heben und senken sich, verdrehen und verwandeln sich von einer Szene zur nächsten. In Akt III rauscht eine Brücke über die Bühne, auf der die letzte Konfronatation der Amme mit der Kaiserin und dem Geisterboten stattfinden.

Die Frau ohne Schatten, Akt I © Kirsten Nihof
Die Frau ohne Schatten, Akt I
© Kirsten Nihof

Strauss verehrte Mozart, und Hofmannsthals schwer symbolisches Libretto zu FroSch zog Parallelen zur Zauberflöte, genauso wie Der Rosenkavalier als Reaktion auf Die Hochzeit des Figaro betrachtet werden könnte. Der Kaiser und die Kaiserin sind das adlige Gegenstück zu Tamino und Pamina, während Barak und seine trainingsbehoste Frau die niederen Pendants zu Papageno und Papageno darstellen. Das Interessante an Kovaliks Idee ist die Andeutung eines "Frauentauschs"; die Erscheinung eines Jünglings, mit dem die Amme Baraks Frau versucht, ist eigentlich ein Doppel des Kaisers, der sie irgendwann in einem Gefährt entführt, das von Bediensteten in Lack und Leder gezogen wird. Barak - die einzig Person, die in dieser Oper (neben dem abwesenden Keikobad)einen Namen trägt - ist die "menschlichste" Figur, besonders dann, als er sich am Ende des zweiten Aktes dem leidenschaftlichen Kuss der Kaiserin hingibt.

Jennifer Wilson (Baraks Frau) © Kirsten Nihof
Jennifer Wilson (Baraks Frau)
© Kirsten Nihof

Einen kleinen Haken gibt es am Schluss aber doch. Wo wir daran gewöhnt sind, dass Papageno und Papagena am Ende der Zauberflöte inmitten einer Schar von Kindern ihr Duett bringen, so läuft man hier beim Überschwemmen der Bühne mit Kinderwagen Gefahr, das eigentlich sehr ergreifende Ende der Oper mit unbeabsichtigter Komik zu infizieren. Bis zu dieser Szene habe ich mich gefragt, warum der Falke von einem Kind dargestellt wurde, das zu Olena Tokars Stimme aus dem Off mimte.

Die Besetzung ist überwiegend sehr stark, angeführt von der herausragender Kaiserin Simone Schneider, deren kraftvoller Sopran ein Orchester teilen kann, aber dabei einen warmen, attraktiven Klang behält. Burkhard Fritz macht mit seinem heroischen Heldentenor sein Debüt als Kaiser. Die Rolle gibt nur begrenzt die Gelegenheit zu ausgedehnter schauspielerischer Darstellung, aber mir gefiel Kovaliks Entscheidung, den Kaiser in eine Zwangsjacke zu stecken, um sein Zu-Stein-Werden darzustellen. Jennifer Wilson als des Färbers Frau stand Schneider in puncto Kraft in nichts nach, nur mangelte es ihr gelegentlich an klanglicher Reinheit. Thomas Mayer sang einen soliden Barak, dem zwar stimmliche Farbe, nicht aber Stärke fehlt.

Die Frau ohne Schatten, Akt II © Kirsten Nihof
Die Frau ohne Schatten, Akt II
© Kirsten Nihof

Doris Soffels rotgekleidete Amme ist eine düstere Kombination aus weiblichem Mephistopheles und Fanny Craddock. Als sie die Mahlzeit für Baraks Rückkehr zubereitet, wird sie in ein Promi-Koch-Programm geschoben, komplett mit riesigem TV-Set - die fünf Fische (die die ungeborenen Kinder darstellen) werden von Kindern in grellen Fischkostümen in Mikrophone gesungen. Man befindet sich wahrlich in Teufels Küche. Soffel kann bereits auf eine lange Karriere zurückblicken und ist noch immer in der Lage, eine anziehende Vorstellung abzuliefern - die Entmachtung der Amme war ergreifend. Wie Gluth kann Kovalik nicht widerstehen, die Amme am Ende zurückzuholen, wenngleich ihre "Bewaffnung" mit Aktentasche hier zumindest andeutet, dass sie ihre Niederlage anerkannt hat.

Für eine einfallsreiche Produktion, feinen Gesang und großartiges Orchesterspiel verdient die Leipziger Frau ohne Schatten jeglichen Erfolg.

 

 

Mark Pullingers Flüge nach / von Leipzig wurden gesponsert von Ryanair.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.