Inmitten der Bühne steht eine Frau mit silbernem Haarschopf über einem scharlachroten, bodenlangen Ballkleid. Als hinter ihr Flammen emporschlagen, singt sie von einem unvergleichlichen Helden, von gemeinem Verrat, vom Schicksal der Welt, und reicht in unser tiefstes Bewusstsein seit unserer Kindheit gehörter Geschichten hinein. Sie sing mit absoluter Autorität, wechselt vom lautesten, lang gehaltenen Ton beinahe zu einem Flüstern. In Brünnhildes Opferszene humpelt Iréne Théorin auf einen Stock gestützt auf die Bühne, aber wir bemerken es kaum. Sie hat uns verzaubert.

Wenn die Théorin inmitten der Flammen das Bild ist, das mir im Kopf bleibt, so ist die Musik, an die ich mich noch lange erinnern werde, Sigfrieds Trauermarsch. Von den ersten doppelten Trommelschlägen an ließen Ádám Fischer und die MR Symphonics die Musik anschwellen und sich ausdehnen, bis sie einen völlig vereinnahmte. Ich habe die folgende ruhige Passage gebraucht, damit sich mein Puls wieder normalisieren konnte.

Die Götterdämmerung verweigert sich jedem Versuch, eine verständliche tiefgehende Rezension zu schreiben: sie ist so lang, so viele Dinge passieren, so viele Sänger haben so viele verschiedene Passagen, dass eine komplette Liste allein tausend Wörter in Anspruch nähme. Darum ist das, was hier folgt, aus reiner Notwendigkeit nur ein Ausschnitt.

Die Oper beginnt mit den drei Nornen, die den Schicksalsfaden spinnen, ein geschicktes theatralisches Hilfsmittel, um die mythische Hintergrundgeschichte darzulegen. Es bietet zudem die Gelegenheit für erlesenen Gesang von Erika Gál, Judit Németh und Polina Pasztircsák (die später auch als Rheintochter Woglinde in Erscheinung tritt), mit herrlichem Timbre bei allen dreien und einer Phrasierung, die uns in die Handlung hineinzieht. Die Szene setzt auch den Maßstab für eine Orchesterleistung, die voller individueller Brillianz ist. Der Refrain, als die Schwestern sich gegenseitig den Faden zuwerfen, wird von exquisiten Holzbläser-Zitaten begleitet. Später, wenn Hagen die Gibichsmannen zusammenruft, erklingen herrlich schallende Blechbläser; ein eindringlicher Trompetenstoß begleitet Alberich; Siegfrieds Hornruf ist virtuos; zahllose Passagen in den tiefen Streichern zeigen Detail und schimmerndes Timbre.

Aber dies war keine bloße Ansammlung an virtuosen Musikern. Über die ganzen viereinhalb Stunden hielt Ádám Fischer Form und Haltung in jedem Abschnitt und gab der Musik Platz zum Atmen. In den meisten Inszenierungen der Götterdämmerung hört man etwas, das sich musikalisch nicht ganz richtig anfühlt - ein Tempo, das etwas zu hektisch oder zu gemütlich ist, ein paar Instrumente, bei denen das Verhältnis zueinander nicht stimmt, oder Akzente, die keinen rechten Biss haben. Aber nicht hier: das Orchester spielte praktisch makellos.

Von den großen Szenen in dieser Oper erwarten wir, dass sie beeindrucken: Das Zusammenrufen der Gibichungen, Siegfrieds Mord, Alberich, der in Hagens Traum erscheint. Und sie beeindrucken wahrlich, besonders die Konfrontation, in der Brünnhilde den Ring an Siegfrieds Finger erkennt und den Betrug erkennt, und das darauf folgende, hervorragende Trio zwischen ihr, Hagen und Oskar Hillebrandts Gunther. Was ich aber bemerkenswert fand, war die Ausdruckskraft mancher Szenen, die ich zuvor lediglich als Verbindungselement gesehen habe. Waltrauts Besuch bei Brünnhilde beispielsweise erwies sich als Schlüsselmoment der Handlung, dem Marina Prudenskaya trotz einiger enger hoher Töne und starkem russischem Akzent große Kraft verlieh. Die Szene der Rheintöchter mit Christian Franz' Siegfried bot eine weitere Gelegenheit für großartigen Ensemblegesang, die nach einer kurzen Auflockerung deutlich an Pathos gewann, als Siegfried die Tragödie beinahe vermieden hätte, indem er den Ring in den Rhein wirft.

Die Produktion hat auch negative Seiten. Kurt Rydl enttäuschte als Hagen, denn trotz guter schauspielerischer Leistung hatte er eine Tendenz zu bellen und zu schreien, und nur in einer einzigen Passage habe ich wirklich seine Singstimme gehört. Ob das bewusste Charakterisierung war, oder ob seine einstmals großartige Stimme ihre Gewandtheit nicht mehr halten konnte, weiß ich nicht.

Der andere größere Negativpunkt war der unüberlegte Einsatz von Videoprojektionen. Wo die Projektionen in vielen Situationen zwar sehr gut passten (besonders in der Rheinszene und der abschließenden Feuersbrunst), so wurden parallel zu Siegfrieds und Brünnhildes Liebesszene Momente der Liebe und Hingabe einer eleganten jungen Frau in einem modernen Penthouse gezeigt, die das Erhabene zum Banalen reduzierten. Die Gibichungen-Szene fand vor einem sehr hochkontrastigen Schwarz-Weiß-Hintergrund von Büroangestellten statt, die saßen oder sich unterhielten, sich gelegentlich bewegten, und deren Sinn und Zweck mir völlig schleierhaft war. Eine Sequenz hätte brilliant sein können - eine Projektion von Erika Markovic als Gutrune, in die hineingezoomt wurde, bis ihre Augen den ganzen Bildschirm einnahmen. Sicherlich war sie als Hintergrund zu der Szene geplant, in der Siegfried den Liebestrank zu sich nimmt, doch leider kam sie ein paar Dutzend Takte vorher.

Für mich steht und fällt die Götterdämmerung mit der Anfangs- und der Schlussszene und der Fähigkeit des Orchesters, zwischen diesen beiden einen kontinuierlich vorwärts drängenden Druck zu erhalten. In dieser Produktion waren sowohl die Eröffnungsszene und alles von Siegfrieds Treffen mit den Rheintöchtern bis zum Schluss faszinierend, und das Orchester fesselte mich ununterbrochen. Trotz einiger Makel war das eine unvergessliche Vorstellung.

Rezensionen der anderen Opern des Rings aus Budapest finden Sie hier:

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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