Claus Guths Inszenierung von Debussys Pelléas et Mélisande für die Oper Frankfurt wurde nachvollziehbarerweise ausgezeichnet, als sie 2012 neu vorgestellt wurde. Damals auf Christian Gerhaher und Christiane Karg in den Titelrollen gestützt, tritt sie nun mit neuen Gesichtern in den Hauptrollen und straffer Regie wieder auf und zeigt, warum beim ersten Mal so viel Aufhebens darum gemacht wurde – es ist eine der am schönsten umgesetzten und zufriedenstellendsten Opernproduktionen, die ich je erlebt habe.

Gaëlle Arquez (Mélisande) und Björn Bürger (Pelléas) © Barbara Aumüller
Gaëlle Arquez (Mélisande) und Björn Bürger (Pelléas)
© Barbara Aumüller

Guths scharfsinnige Interpretation spielt auf faszinierende Weise Realismus gegen Mysterium aus. Christian Schmidts einfaches Bühnenbild ist ein zweistöckiger Ausschnitt eines eleganten Heims der Mittelklasse aus Debussys Zeit, wenngleich nordische Familiensaga weiterer visueller Referenzpunkt scheint. Über dem Esstisch hängt drohend ein Portrait von Golauds verstorbener erster Frau und man bekommt das beständige Gefühl, dass es sich um eine Hand voll Familienmitglieder handelt, die in ihrer eigenen Welt gefangen sind, einer Welt, die in der Vergangenheit lebt. „König“ Arkel spaziert herum, ohne wirkliche Autorität zu besitzen und ignoriert sichtlich absichtlich die Gewalt, die Golaud Mélisande im vierten Akt antut. Das Haus ist wie ein Käfig und Enkelsohn Yniold, der niemanden in seinem Alter zum Spielen gefunden hat, ist häufig präsent und Ärgernis für die Älteren. Die Liebe zum Detail in der Regie dieser sonst kleineren Rollen ist faszinierend, und während ich es üblicherweise ermüdend finde, wenn Regisseure ihre Produktionen mit verschiedenen Handlungsebenen zumüllen, ist das hier subtil gemacht und alles ergibt im Kontext des Ganzen Sinn.

Gaëlle Arquez (Mélisande) © Barbara Aumüller
Gaëlle Arquez (Mélisande)
© Barbara Aumüller
Sonnen- und Mondlicht fluten durch die Fenster dieser Szenen im Hausinneren, doch wenn das Bühnenbild zur Seite fährt und wir uns nach draußen bewegen, herrscht dort immerwährende Nacht, in der die Charaktere in einzelnen Strahlen schneeweißen Lichtes stehen und gesichtslose Gestalten im Hintergrund lauern. Hier scheinen wir uns in der wahren emotionalen Welt der Figuren zu befinden: Hier findet Golaud zunächst die verzweifelte Mélisande und stachelt später Yniold dazu an, für ihn zu spionieren; hier gestehen sich Pelléas und Mélisande endlich offen ihre Liebe und beide finden hier ihren Tod, er durch Golauds Hand, sie, indem sie in die Dunkelheit wandert, nicht ohne einen letzten erfolglosen, aber berührenden Versuch, Pelléas mit sich auf ihre Reise zu nehmen – letztlich gibt es vor der Einsamkeit Allemondes kein Entrinnen.

In Gerhahers und Kargs Fußstapfen treten dieses Mal Björn Bürger und Gaëlle Arquez. Bürger, Glyndebournes Barbier in der letzten Spielzeit und Harlekin in Ariadne diesen Sommer, ist ein besonders charismatischer Darsteller; hier aber hielt er sich bis zur Liebeserklärung im vierten Akt etwas zurück, mit schlagendem dramatischem Effekt. Sein lyrischer, subtil gefärbter Bariton passte zu Arquez’ oft üppigem und verführerischem Sopran – ihre Mélisande ist kein vernachlässigtes Kind, sondern Opfer ihrer eigenen Leidenschaft. Brian Mulligans robuster Golaud wuchs stimmlich und dramatisch im Laufe des Abends von einem eher blassen Anfang zu einer packenden Studie von Eifersucht und innerer Aufruhr. Anthony Muresans „kleiner“ Yniold präsentierte eine bemerkenswert gereifte Bühnenleistung für einen 14- oder 15-Jährigen; sein Gesang besaß Farbe und Subtilität, die eines erwachsenen Künstlers würdig waren. Er hat schon jetzt Auftritte in Berlin und Paris auf seinem Sängerkonto und wird gut und gerne in der Opernszene noch von sich hören machen. Judita Magyová gab eine herzliche Geneviève und Opernstudiomitglied Thesele Kemane machte einen hervorragenden Auftritt als Doktor in der letzten Szene.

Brian Mulligan (Golaud) und Gaëlle Arquez (Mélisande) © Barbara Aumüller
Brian Mulligan (Golaud) und Gaëlle Arquez (Mélisande)
© Barbara Aumüller

Zu guter Letzt muss die Orchesterleistung Erwähnung finden, geleitet von Joana Mallwitz, die als Generalmusikdirektorin in Erfurt nun in Frankfurt zu Gast war. Mit generell raschen Tempi (die Spieldauer belief sich auf knappe 15 Minuten unter der ursprünglich angekündigten) brachte sie jeden in Schwung in dieser mitreißenden Lesart von Debussys Meisterwerk, das nicht das kleinste Detail verlor; sie arbeitete jede Farbnuance der Partitur heraus und bot reichlich Stimmung wie Verve. Seit der Glanzzeit von Abbado und Boulez hat diese Musik nicht mehr so einzigartig schön geklungen.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.