Die Kombination von Schumann- und Brahms-Sinfonie des aktuellen Zyklus der Berliner Philharmoniker scheint rein auf Zahlen zu basieren: Schumanns Sinfonie Nr. 2 in C, die man zusammen mit Brahms‘ Sinfonie Nr. 2 in D hörte, war eigentlich die dritte, die er schrieb. Wäre es geplant gewesen, die Kompositionen chronologisch anzuordnen, dann hätte die 1841er Fassung dessen, was schließlich als Schumanns Sinfonie Nr. 4 in d-Moll veröffentlicht wurde, auch gut hier aufs Programm gesetzt werden können (stattdessen kann man sie aber später im Zyklus zusammen mit Brahms‘ Vierter hören). Nichtsdestotrotz brachte die Verbindung des vergangenen Abends einige interessante intertextuelle Entdeckungen mit sich: die Verwendung von metrisch kontrastierenden Trio-Abschnitten beispielsweise, die man sowohl bei Schumann im zweiten Satz als auch im dritten bei Brahms findet. 

Nachdem ich das grandiose Eröffnungskonzert des ersten Teils des Zyklus gehört hatte, saß ich sechs Tage später für die Wiederholung des zweiten Teils im Publikum. Während es auch darin viel zu bewundern gab, schien alles ein kleines bisschen weniger aufregend. Vielleicht lag es daran, dass es das sechste Konzert in Berlin innerhalb von sieben Tagen im Rahmen einer aufreibenden internationalen Konzertreise war, denn den Musikern konnte man die Strapazen anmerken. Daraus resultierten gelegentliche Momente, in denen die Konzentration nachließ - wie oft sieht man schließlich schon Streicher in Spitzenorchestern, die nicht synchron mit dem Register streichen? Außerdem gab es ein paar Momente, besonders im Schumann, in der man die Routine deutlich spüren konnte. Die Musiker spielten zwar mit viel Schwung in den extrovertierteren, leidenschaftlicheren Passagen, aber sie konnten mich nur zeitweise in den eher unterschätzten Sätzen begeistern, Sätzen wie dem wundervollen Adagio espressivo bei Schumann.

Zwei Symphonien zusammen zu programmieren ist bei weitem nicht neu, aber es formt die Erwartungshaltung des Publikums auf subtile Weise. In drei der vier Konzerte des Zyklus gestaltet eine Brahms-Sinfonie die zweite Hälfte des Programms, nur im dritten Konzert, in dem man Schumanns fünfsätzige Rheinische nach Brahms späterer Sinfonie Nr. 3 hört, wiedersetzt man sich der Tyrannei der historischen Abfolge. Da Brahms‘ Werke länger als ihre Schumannschen Gegenstücke sind und hier (wie bereits in der Kritik des ersten Konzertes erwähnt) mit größerer Besetzung gespielt werden, werden die Schumann-Sinfonien gezwungenermaßen in die Rolle des Eröffnungswerkes gedrängt, etwas leichtere Kost vor dem Hauptgang des Abends. Im Falle der Zweiten Sinfonie schien das besonders unvorteilhaft, denn sie ist seine längste und vielleicht beste Komposition dieser Gattung.

Die Vorstellung gestern Abend litt unter einigen kleineren, aber ärgerlichen Vorkommnissen von subobtimaler Koordination, besonders im ersten Programmteil. Die beständig kreisende Musik der Einleitung des ersten Satzes der Schumann-Symphonie wurde beabsichtigt statisch gehalten, was sich bezahlt machte, denn die Temperatur stieg beträchtlich hin zum Allegro ma non troppo. Das Thema des ersten Satzes hätte vielleicht etwas knackiger sein können, aber es besaß dennoch eine gewisse Eleganz. Das nicht zu unterdrückende Thema des Scherzo war schön fließend, aber auch hier hätte ich mir noch mehr Mendelssohnsche Frechheit gewünscht. An dieser Stelle muss ich den zweiten Violinen Lob aussprechen, denn sie haben alles aus ihren Einwürfen heraugeholt. Im ersten Trio gab es ein paar sehr schöne Registerkontraste, als die weichen Streicher die sprudelnde Melodie der Holzbläser beantworteten. Das Highlight des dritten Satzes war eine magische Umsetzung des Fugato in einem gerade noch gehauchten Unterton. Irgendwie war ic haber vom Finale deutlich weniger angetan als ich es gerne gewesen wäre.

Wie schon im ersten Konzert war die Brahms-Sinfonie das beeindruckendere Werk. Abgesehen von einem Moment der Unsicherheit, wenn das erste Thema ins forte wächst, war der erste Satz erfreulich, mit einem besonders charaktervollen zweiten Thema der Bratschen und Celli. Ein herrliches Solo des Registerführers der Hörner leitete über in eine schlicht hervorragende Coda. Die Celli glänzten außerdem auch zu Anfang des zweiten Satzes mit exzellent abgestufter Dynamik und Intenstität im Eröffnungsthema. Die Leidenschaft wurde beinahe greifbar, als sich die Musik gegen Ende des Satzes nach Moll wandte. Im neckischen Allegretto grazioso war das Oboensolo wohlgeformt, die beiden Trios kontrolliert und präzise (obwohl ich mir doch etwas Fantastischeres gewünscht hätte, vielleicht mehr in einem Schumannschen Duktus). Das Finale, ohne wirkliche Pause gespielt, führte die famose dynamische Kontrolle des Orchesters vor: das sotto voce im ersten Thema war geflüstert, verlor aber nie an Charakter, bevor es in der Wiederholung hervorsprang. Simon Rattle stellte später noch viele Nuancen vor, die über die Spielansweisungen in der Partitur hinausgehen, und die letzten Seiten besaßen all die Ausgelassenheit und die Überschwenglichkeit, an dem es dem Schumann gemangelt hatte.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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