Der Ring-Zyklus der Wiener Staatsoper stammt aus dem Jahr 2008; seine Inszenierung ist vergleichsweise einfach, mit sparsamem Bühnenbild und wenig Requisite, nutzt dafür effektive Projektionen. Die Darsteller bekommen die Gelegenheit, frei miteinander zu interagieren und das allgemeine Gefühl eines intimen Dramas, trotz der mitreißenden Narrative. Die aktuelle Wiederaufnahme läuft unter der Leitung von Sir Simon Rattle, der das Publikum an diesem ersten Abend auf eine frische, musikalische Entdeckungsreise entführte.

Die Ouvertüre begann langsam, und als die Streicher an Stärke gewannen, lag der Fokus deutlich auf den tieferen Instrumenten, insbesondere den Celli. Deren Prominenz untermauerten die gesamte Vorstellung und gaben ihr angemessenes Gewicht. Rattle lag viel daran, die Feinheiten und Nuancen der Partitur herauszuarbeiten, und konzentrierte sich auf die Balance des Orchesters. Blech- und Holzbläser bekamen ausreichend Gelegenheit, sich zur Schau zu stellen, und waren doch nie laut genug, um die Streicher oder Sänger zu übertönen. In dieser symphonischen Lesart des Rings wurden die Zwischenspiele, die die Szenen miteinander verbanden, majestätisch und bei geschlossenem Vorhang gespielt, damit man sich als Zuhörer ganz auf die Musik konzentrieren konnte.

Simon Rattles Tempo war oft reflektiert und langsam, besonders in der Ouvertüre, die in ihrer Untertreibung schon fast schmerzlich schön war. Auch die Szene mit Erda nahm er langsam und ließ das umgekehrte Naturmotiv als klaren Kontrapunkt der Ouvertüre artikulieren. Ganz gelegentlich schien die Musik zu erschlaffen oder in langen Pausen zu verharren und beraubte den Moment damit seiner dramatischen Unmittelbarkeit und seines Antriebs, doch diese Augenblicke waren flüchtig und minderten die generelle Pracht der Vorstellung kaum.

Das Staatsopernorchester war in seiner üblichen Bestform und folgte Rattle eng. Wenn er Tempo und Lautstärke anzog, oft unvermittelt, unerwartet und dramatisch, war das Orchester exakt mit ihm zusammen, und das Können der Musiker, besonders der dynamischen Streicher, wurde wieder einmal wunderbar sichtbar. Der ganze Abend war ein musikalisches Fest Wagner'scher Motive und Melodien, meisterhaft und aufregend umgesetzt von diesem mächtigen Orchester, geleitet von einem Dirigenten von superbem Wissen.

Auch die Qualität des Gesanges war durchweg hoch. Zwei Sänger, Richard Paul Fink (Alberich) und Mikhail Petrenko (Fafner) machten dabei ihr Staatsoperndebüt, wohingegen Tomasz Konieczny seine Rolle dort bereits im letzten Jahr gesungen hatte. Mit seinen 43 Jahren gab er einen angemessen jugendlichen Wotan voller Energie und bewies sich auch als ausgezeichneter Schauspieler, der einen arroganten,doch seiner Frau Fricka gegenüber liebevollen Anführer porträtierte. Sein starker Bassbariton war durchweg klar und beständig und zeugte von sehr guter Atemkontrolle. Er brachte seine Besorgnis durch nuancenreichem Gesang mit weich modulierendem Ton zum Ausdruck, doch seine Stimme öffnete sich auf aufregende Weise, als er seine Familie anhielt, Walhalla zu betreten. Sein Wotan ist herausragend, und man wird sich möglicherweise noch viele Jahre an ihm erfreuen dürfen.

Michaela Schuster gab eine angemessen ängstliche, nörgelnde Fricka. Ihre Stimme war warm und samtig, sie interagierte hervorragend mit den anderen Darstellern und wurde so zum emotionalen Kern des Ensembles. Mit einer Mischung aus Sprechgesang und starker Musikalität machte Veteran Herwig Pecoraro das Beste aus seiner kurzen Rolle als Mime. Richard Paul Fink nutzte seine manchmal raue Stimme effektiv für die Darstellung des Zwerges, und doch behielt seine Figur eine grundsätzliche Würde, selbst in den demütigendsten Momenten. Janina Baechle kam mit dem langsamen Maß von Erdas Musik bewundernswert gut zurecht, und obwohl ihrer Stimme vielleicht die dunkle Fülle für diese Rolle fehlt, so gab sie mit ihrem wunderschönen Legato trotz allem eine fesselnde Erda.

Die beiden Riesen waren angemessen wild und bedrohlich mit Peter Roses überraschend wirkungsvollem und mitfühlendem Fasolt und Mikhail Petrenkos listenreichem Fafner. Auf Stelzen und in schweren Kostümen waren sie großartig mit ihren dröhnenden Stimmen. Die drei Geschwister Freia (Olga Bezsmertna), Donner (Boaz Daniel) und Froh (Jason Bridges) waren ihrer Aufgabe gleichermaßen gewachsen, wobei Jason Bridges mit seinem klaren, durchdringenden Tenor besonderen Eindruck machte. Auch die drei Rheintöchter waren stimmlich ausgezeichnet, als sie Alberich neckten, während sie auf der Bühne herauf- und heruntergelassen wurden.

Einziges stimmlich schwaches Glied war Herbert Lippert im Rollendebüt als Loge. Seine hohen Töne öffneten sich nicht so, die die Musik es gebraucht hätte, und seine Stimme war recht einfarbig, um Loges gerissenen Charakter darzustellen. Er hatte keine besonders charismatische Bühnenpräsenz und schien sein Spiel zu übertreiben, anstatt die Musik erzählen zu lassen. Das war insofern unglücklich, als Loge eine der wichtigsten Figuren dieser Oper ist und in seiner Rolle als Verhandler mit den Riesen, den Zwergen und den Rheintöchtern den Gegenpart zu Wotan und den übrigen Göttern spielt.

Trotz des größtenteils sehr guten Gesangs gehörte der Abend ganz Sir Simon Rattle und dem Orchester, und während eine sehr kleine Minderheit mit Rattles Dirigat unzufrieden schien, so fand er doch eine neue, unerwartete Lesart der Musik, und das Publikum der nächsten drei Ring-Opern kann sich auf weitere Abenteuer und Entdeckungen freuen.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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