In Opern wird auf verschiedenste Weise gestorben – von einer Lawine erfasst, in einen Kessel kochendes Wasser geworfen, den Löwen zum Fraß vorgeworfen – doch der Duft der giftigen Blüten des Machinelbaums muss eine der ungewöhnlichsten sein. Dies ist Sélikas Schicksal am Ende von Meyerbeers selten aufgeführter Oper L’Africaine. Die Deutsche Oper präsentiert sie nun als Teil ihres Meyerbeer-Zyklus, in der Form, in der sie vom Komponisten hinterlassen wurde und unter ihrem ursprünglichen Titel Vasco da Gama als Schaustück für Roberto Alagna. Vera Nemirovas aktualisierte Produktion gefiel nicht jedem, doch sie ist intelligent gemacht.

Roberto Alagna (Vasco da Gama) und Sophie Koch (Sélika) © Bettina Stöss
Roberto Alagna (Vasco da Gama) und Sophie Koch (Sélika)
© Bettina Stöss

Die Handlung ist eine fiktive Beschreibung der Heldentaten des portugiesischen Entdeckers, der im späten 15. Jahrhundert als erster Europäer Indien auf dem Seeweg erreicht hat. Vasco gerät in drei Liebesdreiecke, deren Struktur sehr undurchsichtig ist (aber es ist französische Grand Opéra, wir haben also fünf Akte, um das Ganze zu lösen). Im Grunde ist Vasco gefangen zwischen seiner Liebe zur wunderschönen Inès, die Tochter des Admirals, und zu Sélika, einer der Sklavinnen, die er aus Afrika mitgebracht hat (daher rührt auch der letztendliche Titel L’Africaine). Der Großteil der Besetzung endet auf einem Schiff auf dem Wege nach Indien, das Nélusko, ebenfalls ein Sklave und selbst verliebt in Sélika, in die Felsen lenkt. Indische Einheimische greifen an und töten die meisten Europäer. Es stellt sich heraus, dass Sélika Königin von Indien ist, und sie rettet Vascos Leben, indem sie erklärt, die beiden seien verheiratet. Als Vasco hört, dass Inès hingerichtet werden soll, eilt er zu ihrer Rettung und erhält von der dann betrogenen Sélika ihrer beider Freiheit, bevor letztere sich das Leben nimmt.

Alle Bedenken darüber, eine Oper mit so stark gewichtetem historischen Kontext in die Gegenwart zu verlegen, beiseite, unterstreicht Nemirovas Inszenierung die politischen und religiösen Konflikte des Werkes. An Bord des Schiffes nach Indien zwingt der Großinquisitor Sélika in die Knie und zwingt sie, eine Nonne zu werden. Nélusko stellt sich als religiöser Fundamentalist heraus, und das Entern des Schiffes der indischen Piraten, die die Europäer am Ende des dritten Aktes mit Maschinengewehren niederschießen, verursachten am Premierenabend zahlreiche Buh-Rufe. Vasco, mit roter Baskenmütze und T-Shirt, auf dem sein Gesicht à la Che Guevara aufgedruckt ist, ist ein selbstsüchtiger Jäger nach Ruhm, selbst dann, als er am Ende Inès verlässt, um auf eine neue Expedition zu gehen. Das drängte Sélikas Tod in den Hintergrund, doch mit Alagna in der Titelrolle in dieser Version, die nach dem Entdecker benannt ist, war das ein vorhersehbarer – wenn auch unangemessener – Ausgang.

Roberto Alagna (Vasco da Gama) © Bettina Stöss
Roberto Alagna (Vasco da Gama)
© Bettina Stöss

Jens Kilians kluges Bühnenbild beinhaltete eine halbrunde, geweißte Karte, mal besetzt mit Sternen, die sich hoben und senkten, eingerahmt von mehreren gebogenen Segeln, auf die subtile Bilder projiziert wurden. Inès verzehrt sich nach der Rückkehr des (tot geglaubten) Vasco und bastelt Origamiboote; eine riesige Version der Boote dient sowohl als Vascos Gefängnis als auch als Vehikel ihrer Flucht aus Indien. Der vierte Akt wurde zum visuellen Fest aus Orange, die Bühne überflutet mit Blüten, Girlanden, Saris und Segeln. Nemirova fügt allem auch einen Hauch Übertreibung zu – Seemänner in blauen Mützen und gestreiften Unterhemden geben eine Tanznummer – und verhohnepipelt damit beinahe das Grand Opéra-Spektakel, während der vierte Aufzug mit einem etwas peinlichen Stammes-Kriegstanz ähnlich einem Haka eröffnet wird.

Meyerbeers Musik ist trotz einiger Längen im ersten Akt sagenhaft, und Enrique Mazzola trieb sie auf aufregende Weise voran. Es gibt ein paar mitreißende Chornummern – wenn die Inquisition Vasco verurteilt, und wenn die Inder seinen Tod verlangen – und das berühmteste Stück der ganzen Oper, die Tenorarie „O paradis“. Alagna war trotz erwähnter Erkältung stimmlich gut disponiert und forderte gelegentlich mehr von seinem Tenor als notwendig. Im Duett mit Sophie Kochs hinreißend gesungener Sélika zeigte er sich in honigsüßer Bestform auf ihrem Bett von MachinelblütenMachinelblüten im vierten Akt. Koch scheint keine typische Mezzo-Fülle zu besitzen, doch ihre Stimme besitzt nicht zu verleugnende Kraft, und sie beeindruckte immens. Ihre Diktion im Französischen allerdings war unklar.

Nino Machaidze (Inès) und Roberto Alagna (Vasco da Gama) © Bettina Stöss
Nino Machaidze (Inès) und Roberto Alagna (Vasco da Gama)
© Bettina Stöss

Im Seemannsanzug war Nino Machaidze eine optisch wunderbare Inès mit beeindruckender tiefer Lage, doch ihr Ton hatte einige Essig-Momente, mit böigen Spitzentönen. Wie Alagna glänzte sie im Duett mit Sophie Koch, ihre Passage in Akt IV tief bewegend. Die beeindruckendste Leistung kam an diesem Abend von Markus Brück, dessen Nélusko eine durchaus sympathische Figur war: er ist zwar ein unerschütterlicher Fundamentalist, doch gleichzeitig liebt er seine Königin leidenschaftlich, so sehr, dass er sich selbst opfert, um an ihrer Seite zu sterben – was in Vascos überraschender Rückkehr unterging.

Eine Frage bleibt. Wenn man den Großteil des vierten Aktes hindurch ohne auch nur ein Zeichen der Unpässlichkeit in einem Bett aus giftigen Blüten herumtollt, warum bedeuten dieselben Blüten im fünften Akt plötzlich den ziemlich unmittelbaren Tod? Kurz und gut, liebe Leute, das ist Oper.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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