Ist besonders nach dem Jubiläumsjahr nicht schon alles über Beethoven gesagt, seine Musik nicht schon ziemlich ausinterpretiert? Im Grundsatz vielleicht ja, aber sicherlich nicht im Detail. Und nicht an diesem Abend, wenn sich ein Ensemble wie das Balthasar-Neumann-Orchester des Komponisten annimmt – und auch nicht, wenn Isabelle Faust daran mitwirkt, eine Solistin, die sich immer wieder neu mit der Musik auseinandersetzt, die sie spielt – vom Barock bis in die Moderne. Ein Orchester, das seine Interpretationen historisch informiert ansetzt und auf Originalklang-Instrumenten spielt. Aber nicht wie meist stand an diesem Abend Thomas Hengelbrock am Pult, der das Ensemble vor 30 Jahren gegründet hatte, sondern der junge englische Dirigent Finnegan Downie Dear, der sich als Glücksfall erwies.

Isabelle Faust © Michael Bode
Isabelle Faust
© Michael Bode

Mit der C-Dur-Ouvertüre Zur Namensfeier zeigte das Orchester bereits im Eröffnungsstück seine besondere Qualität – ein tiefenscharfer, durchhörbarer Klang der knapp vierzig Musikerinnen und Musiker. Alle individuell präsent noch im stärksten Fortissimo und flexibel verwandlungsfähig hin zu den leisesten Momenten. Immer wieder waren es die Kontraste, die Finnegan Downie Dear mit seiner Linken zu enormen Spannungsmomenten formte. Hier wurde klar: Dirigent und Orchester sind eines Sinnes, sie musizieren aus einem Geist.

pbl
pbl

Eine glückliche Fügung, in die sich Isabelle Faust mit dem Violinkonzert unbedingt einreihte. Auch hier der starke Wille zur Gestaltung, ein regelrechtes Erforschen des musikalischen Gedankens. Abseits jeder Routine schienen Solistin, Dirigent und Orchester die Klangwelt Beethovens gleichsam neu erkunden zu wollen.

Bereits im Laufe der Orchesterexposition schlich sich die Solistin allmählich in die musikalische Linie ein und entfaltete ihren berückend schönen Geigenton, stets warm und natürlich im Klang. Sie weckte ihre Stradivari mit dem Beinamen „sleeping Beauty” zu wahrhafter Blüte. So führte die Solistin ihr Instrument in strahlende Höhen und besonders im zweiten Satz Larghetto in das feinste Pianissimo, das sich denken lässt. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, so gebannt folgte das Publikum diesem hochsensiblen Spiel. Nur zarte Farbtupfer einzelner Instrumente, der warm klingenden Holzflöten, Oboen und Fagotte boten der Geige einen sanften Untergrund. Mit zarten Rubati unterstrich Faust die musikalische Rhetorik des Komponisten. Faszinierend wie sie den Übergang zum dritten Satz gestaltete: erst die kleine Kadenz und dann ein fast schelmisch zurückhaltendes Hinübergleiten in das Rondothema.

Finnegan Downie Dear © Michael Bode
Finnegan Downie Dear
© Michael Bode

Im ersten Satz hatte die Künstlerin sich für die Paukenkadenz aus Beethoven Klavierbearbeitung des Violinkonzerts entschieden und zeigte hier alle Raffinesse ihrer technischen Souveränität: ein virtuoses Vibrieren in allen Lagen, ein Flimmern und Lodern des Klangs, elegantes Hinauf- und Herabgleiten der Töne, bis die plötzlich einsetzende Pauke das Soloinstrument zu entspannter Natürlichkeit in einer volksliedhaften Melodie drängte. Auch in ihrer Zugabe, einer Gavotte von Nicola Mattheis zeigte sie, wie zauberhaft sie die Geige singen lassen kann.

pbl
pbl

Pulsierender Rhythmus prägte natürlich auch die Siebente Symphonie, aber nicht im Sinne uniformer Gewalt, sondern auch hier achtete der Dirigent auf äußerste Differenzierung und subtil gestalteten Spannungsaufbau; wie im zweiten Satz die allmähliche Steigerung bis in die Mitte hinein und die ebenso stufenlose Zurücknahme, als würde ein Regler langsam heruntergedreht. Und das Orchester folgte in größter Konzentration und meisterhafter Konsequenz. Das Scherzo bestach durch den Reichtum der Kontraste zwischen den robusten Partien der Tuttigruppen und den beiden Trios der klangschönen Holzbläser; als habe Beethoven noch das alte Wechselspiel des Concerto im Ohr gehabt.

Im vierten Satz kannten Dirigent und Orchester kein Halten mehr. Markante Paukenschläge trieben die versammelte Energie voran, aber stets bleib der Klang trotz enormer Energieentfaltung kontrolliert. Wundervoll warm und perfekt intoniert trugen die Naturhörner und -trompeten zum hochdramatischen Klanggeschehen bei. Mit einem Begeisterungssturm beantwortete das Publikum diesen feurigen Sturmlauf des Orchesters.

*****