Mit der wilden Chasse royale et orage (Königliche Jagd und Gewitter) aus dem Opernkoloss Les Troyens von Hector Berlioz eröffnete die Swedish Radio Symphony Orchestra ihr Gastspiel in der Münchner Philharmonie und deutete mit ihrer dramatisch kompakten Interpretation das Programm des Abends bereits voraus. Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Daniel Harding offenbarten sie bereits mit diesem kurzen Ausschnitt die moderne Kraft, die sich in Berlioz‘ Oper und seiner Musik überhaupt entfaltet und die seine Zeitgenossen häufig überforderte.

Janine Jansen © Marco Borggreve
Janine Jansen
© Marco Borggreve

Fast schon kontrastierend mutete da das kühle, meditative Violinkonzert von Jean Sibelius an. Solistin Janine Jansen ist für die Saison 2018/19 Artist in Residence beim Veranstalter München Musik und setzte mit ihrer Interpretation des spätromantischen Solokonzerts gleich mal ein Ausrufezeichen. Nichts an diesem Repertoireklassiker klang bei Jansen abgegriffen, viel mehr gestaltete sie das Konzert mit vielen eigenen Impulsen. Zurückhaltend und fein wirkte das Pianissimo mit dem Jansen gleich zu Beginn ansetzte und das die Niederländerin im weiteren Verlauf in ein richtiggehendes violinistisches Feuerwerk verwandelte. Jansen dachte gar nicht daran, den nordisch trockenen Charme des Werks zu glätten und gerade hier lag der Kern, der ihre Interpretation so spannend machte. Zwingend und drängend wirkte Jansens Spiel im Kopfsatz und hier entwickelte sie die Themen sehr temperamentvoll. Radikal und plötzlich konnte sie sich in die Forti werfen oder aber in langen, wohl überlegten dynamischen Linien entwickeln. Klanglich bot Jansen dabei die komplette Bandbreite. Volle, dunkle Töne in der Tiefe verband sie mit brillantem, klarem Klang in den oberen Registern.

Ebenso geschickt variierte Jansen mit den Tempi, beschleunigte virtuose Läufe und kostete die sehnsuchtsvollen Melodien besonders im zweiten Satz aus, der sich als lyrisches Herzstück des Konzerts gerierte.

Eine ebenso gute Figur machten Harding und das Swedish Radio Symphony Orchestra. Der herbe Ansatz, den Jansen wählte, ermöglichte auch dem Orchester das Werk sehr farbenreich anzugehen. Kernig und mit vollem Sound präsentierte sich das Blech, während die Streicher klanglich durchlässig und transparent wirkten.

Nach der Pause gelang es den Schweden auch mit Beethovens Dritter Symphonie einen weiteren, ausgesprochenen Klassiker mit neuem Leben zu füllen. So frisch und unvorbelastet bekommt man Beethoven selten zu hören und da machte das Zuhören gleich doppelt Spaß.

Mit historischen Trompeten und Pauke im Originalklang fügte Harding seiner Interpretation einen interessanten Aspekt hinzu und überzeugte auch sonst besonders mit seinem Gespür für die energetische Kraft der Symphonie. Harding oszillierte mit dem Orchester zwischen luftig-leichter und dramatisch-intensiver Klangsprache und balancierte diesen scheinbaren Gegensatz wunderbar aus. Während Beethoven sein zeitgenössisches Publikum vor allem durch die Länge und inhaltliche Struktur seiner Symphonie herausforderte, besitzt die „Eroica“ auch über 200 Jahre nach ihrer Uraufführung eine ungeheure Faszination, die Harding sehr emotional und farbig präsentierte.

Der ausgedehnte Trauermarsch im zweiten Satz erhob sich düster aber stringent, während sich in das Finale neben sprühender Lebensfreude auch einiges Heroisches schlich.

Auch wenn sich das Swedish Radio Symphony Orchestra mit seinem Programm auf den ersten Blick auf bewährtem und sicherem Terrain zu bewegen schien, bewiesen die Schweden mit ihrem Gastspiel, dass auch Wohlbekanntes durchaus einige Überraschungen zu bieten hat, vor allem wenn sie so frisch und lebendig interpretiert werden, wie an diesem Abend.

****1