Nachdem Kent Nagano, der Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, zuletzt zwei Mahler-Symphonien dirigierte, ließ er zum Saisonausklang 2018/19 schweres Blech und hartes Schlagwerk gar nicht auf die Bühne kommen. Eröffnet wurde das Konzert mit Schuberts Ouvertüre „im italienischen Stil“ D-Dur. Nagano und das Orchester suchten in ihr nicht nach möglichen Rossini-Tönen, sondern nahmen Schuberts kleine „Orchesteretüde“ dazu, das Publikum auf die spätere gewichtigere Musik vorzubereiten.

Emanuel Ax © Marie Mazzucco | Sony Classical
Emanuel Ax
© Marie Mazzucco | Sony Classical

In Mozarts G-Dur-Klavierkonzert werden bedeutend größere Ansprüche an die MusikerInnen und die HörerInnen gestellt. Den Klavierpart spielte Emanuel Ax, der als Solist häufiger mit dem DSO aufgetreten ist. Nach Alfred Einstein bilden die Klavierkonzerte Mozarts darum den Gipfel seines orchestralen Schaffens, weil sich die kompositorische Phantasie des Komponisten immer dann besonders angeregt sah, wenn er einem Ensemble einen selbstverantwortlich agierenden Protagonisten gegenüberstellte. Zumeist agieren dann die Holzbläser noch als Solisten im Orchester. Diese Dialoge kosteten Ax und die MusikerInnen auf fast kammermusikalische Weise aus, so dass die Aufführung stilistisch genau auf der Schwelle stand, wo barocker Wettstreit in den aufgeklärten Dialog übergeht. In den heutigen Zeiten historisch informierter Aufführungspraxis wird aber alles gescheut, was sich „Romantizismus“ nennen ließe, weil es Gefahr läuft, als altmodisch und stilistisch falsch zu klingen. Die Aufführenden zahlen aber dafür, nun vermeintlich authentische zu spielen, den Preis, dass ihr Spiel oft die Tiefgründigkeit und das Dramatische dieser Musik vermissen lässt, das Mozart seinen Klavierkonzerten mitgegeben hat, wenn auch nicht so drastisch wie die Komponisten des 19. Jahrhunderts. So verliert sich die Harmonik des G-Dur-Klavierkonzertes in der „fantasie section“ des ersten Satzes – von einer Durchführung kann keine Rede sein – in die tiefen Regionen der Tonart und arbeitet sich von dort „nach oben“ zurück.

Doch was im ersten Satz noch vom Solisten und den von Nagano so unaufdringlich wie verhalten geleiteten MusikerInnen als kurzes Abtauchen und dann davon erholtes Erwachen überzeugend hörbar gemacht wurde, das ließ sich auf den zweiten Satz nicht so ohne Weiteres übertragen. In ihm verliert sich die Harmonik in fast unergründliche Bereiche: vom C-Dur, über das d-Moll des Mittelabschnitts bis nach cis-Moll und findet nur mit größter Anstrengung und fast gewaltsam nach C-Dur zurück. Mehrere Takte lang noch wirkt dieses Nachbeben weiter, und erst am Schluss des Satzes sitzt die Grundtonart wieder einigermaßen fest im Sattel. Das will doch inszeniert werden! Das bloß gepflegte Spiel reichte das Außerordentliche dieses Satzes nur an die produktive Einbildungskraft weiter. Problematisch wurde dadurch letztlich auch der dritte Satz, dessen errungene Heiterkeit nun nicht auf die Abgründe des zweiten Satzes reagierte. Immerhin ließen Ax und Nagano die Verunsicherung im fast gespenstischen Geschiebe der Synkopen in der Moll-Variation des Themas nachwirken. Dieses Hinauszögern steigerte dann die Erwartung und entlud sich im dann befreiten Jubel jenes eigenen Opernfinales, mit dem Mozart das Konzert beschlossen hat.

Als Zugabe spielte Emanuel Ax Schumanns C-Dur-Arabeske als kundiger, uneitler Erzähler, der das übersichtlich als Rondo mit zwei Minore-Couplets gegliederte Stück, schlicht vortrug und zum Glück nicht so „schwächlich ... und für Damen“ wie es nach Schumanns eigenen, möglicherweise aber doch ironisch gemeinten Worten komponiert worden war.

Transparent, hell und klar wurde die Exposition des Kopfsatzes Mendelssohn Bartholdys Vierter Symphonie gespielt: kompakt, lebendig und so möglicherweise wirklich von der Sonne Italiens angestrahlt. Den Untertitel „Italienische“ erhielt die Symphonie allerdings erst posthum. In der Durchführung exponiert Mendelssohn Bartholdy ein neues marschhaftiges Thema, das fortan den Gegensatz zum Hauptthema bildet, was von nun an den gesamten Diskurs beherrscht. Das Zusammenfinden der beiden Themen wurde fesselnd dargeboten. Doch wenn in der Coda das Hauptthema in den Blechbläsern, das Durchführungsthema in den Holzbläsern gleichzeitig erklingen, so wurde das darum nicht als Resultat des Entwicklungsprozesses erfahrbar, weil dem sonst für die leisen Töne und vorsichtigen Gesten bekannten, sehr bewusst agierenden Nagano gerade hier die Temperamentssicherungen durchbrannten. Er ließ unter ungewohnt heftigen Gebärden die Blechbläser schmettern, was zur Folge hatte, dass die Holzbläser nicht zu hören waren. Die Ohren für die vielen sehr gelungenen Dinge dieser Aufführung verstopfte mir dieser Fauxpass aber nicht. In schlicht klagenden Tönen wurde der wohl auf den Tod Goethes und Zelters komponierte zweite Satz als kleine Prozession über den gehenden Bässen dargeboten. Das Menuett mit dem Horntrio im Zentrum klang nach klassizistischer Sehnsucht in frühere Musikepochen. Fulminant gelang dann der letzte Satz. Nagano entlockte dem Orchester beim Triller zur Eröffnung tatsächlich die Klänge eines Tamburins. Die Klarinetten tanzten den Saltarello, die Streicher brillierten in den Triolen der Tarantella. Den Schluss charakterisierte Nagano dann sehr bedeutsam: Die Tradition, am Ende einer Symphonie auf das Kopfthema des ersten Satzes zurückzugreifen, nahm er, sicher ganz so wie vom Komponisten gewünscht, als elegischen Rückgriff, als wehmütige Erinnerung an den längst verklungenen Anfang, der in diesen virtuos abgeschnurrten Finalsatz hinein klang wie das Abschied nehmende Licht eines Sonnenuntergangs.

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