Für die Besprechung des Konzerts des WDR Sinfonieorchesters unter Chefdirigent Cristian Mačelaru sei mir gestattet, eine Metapher zu verwenden, um die Stücke in einen Kontext einzukleiden und dabei sogar den empfundenen Eindruck zu vermitteln. So thematisiert Karim Al-Zands im Rahmen der vom Sender gepflegten Reihe „Musik der Zeit“ erstmals in Deutschland aufgeführtes Werk für Streichorchester Luctus profugis den Schatten, der auf den Seelen der Geflüchteten und Untätigen liegt. Beethovens Violinkonzert ist – nicht nur im Lichte des großen Gedenkjahres – eine der meistaufgeführten Partituren überhaupt, das daher in keinerleis Schatten steht. Glücklicherweise immer mehr aus solchem tritt Camille Saint-Saëns. Die selten auf die Notenständer gelegte Zweite Symphonie, die Mačelaru für seinen Amtsantritt als Musikdirektor des Orchestre National de France erwählt hatte, wirft schließlich ihre Schatten voraus auf das hoffentlich leuchtendere Jubiläum des Komponisten 2021.

Cristian Măcelaru © WDR | Thomas Kost
Cristian Măcelaru
© WDR | Thomas Kost

Al-Zands Streicherelegie, die der in Tunesien geborene und in Kanada aufgewachsene Amerikaner laut eigener Beschreibung eben nicht nur als solche, sondern auch als Aufruf zum Handeln verstanden wissen will, fand seine Uraufführung 2016. Er hatte sie direkt unter dem Einfluss der Bilder komponiert, die im Laufe der wandernden Krise ab 2015 über unser aller Bildschirme und Gedanken lief. Entgegen der langen Strapazen symbolisiert das Vibrafon mit seiner fünfminütigen Dauerschleife aus einem Dreitonmotiv die mutige Hartnäckigkeit der Flüchtlinge auf ihrem Weg, dessen unausweichliche Leiden die Streicher mit schmerzlichen Harmonien einfangen. Sie weisen in ihrem Erscheinen klassisch gehaltene, typische Züge einer gestrichenen Wehklage auf, keine besonders kühlen Klangcluster mit neumodischen Spezialeffekten. Satte Tränenmeere, in denen die Konzertmeister-Violine mal einzeln hohe verzweifelte Schluchzer wortführend herausgreift, bestimmen den tragischen Schwarm der Vertriebenen. Die Musiker des WDRSO stießen dabei mit Bogen und Saite sforzierte Schübe aus, die mit ihrem rüttelnden Nachdruck Fingerzeig und andauernd überkommende Flüsse der bitteren Zähren versinnbildlichten.

Beethovens Violinkonzert besticht durch viel Licht, doch heißt es sprichwörtlich nicht umsonst: Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Nachdem Solist Emmanuel Tjeknavorian erklärt hatte, er habe in den Originalschriften des Stücks den Kämpfer Beethoven erblickt und die wilde Kadenz der Klavierfassung für den dritten Satz ausgewählt sowie eine eigene für den ersten geschrieben, erhoffte ich mir zumindest eine spezielle Radikalität und aufbrechende Kontrastierung. Sie sollte unerfüllt bleiben, ergoss sich die Herangehensweise in romanzierender Überraschungslosigkeit doch zu sehr in einer rührseligeren, vielfach eher auf breiteren Schönklang ausgelegten sinnlichen Idyllzeichnung. War das mit Tjeknavorians eigentlich gut gemeinten kammermusikalischen Zurückhaltung oder Einbettung gemeint, von der er zuvor redete? Wenn ja, dann verleiteten die geschlossenen Augen des Solisten zu einem einseitig warmen Traum, in dem dankenswerterweise die harten Pauken wie Beethovens Geistwecker vor zu arger Verklärungsgefälligkeit mahnten. Immerhin unvermittelt und erstaunend hatte er kurz die Neunte Symphonie in der autokomponierten, leicht energischeren Kadenz ertönen lassen, während das Finale im Ganzen zu brav daherkam. Ungeachtet allen dürfen darin die ausgeformtere Phrasierung der Melodiewellen und Tanzfiguren samt besonders genehmem Holz sowie der durchweg feinsinnige, sehr gepflegte und bestechend klare Ton herausgehoben werden, dem – wie beim orchestralen, etwas kleiner besetzen Partner – aufgrund hervorragender Aufnahmetechnik Fülle und trotz ausgiebigen Vibratos eine gewisse Transparenz beschieden war.

Die Beethovianisch gleiche Besetzung und anfangs vom Geigenton des Konzertmeisters und dem Holz eingefasste Einleitung nahe seines Vorgängers sorgte bei Saint-Saëns' Symphonie jedoch für den ansprechenden Ruck, indem das WDRSO freier und mit sehnsüchtig aufkeimenderem Einsatz aufspielte, der Mačelarus Plädoyer für eine neue Blüte dieses Werks überzeugender machte. Seiner Vorstellung nach ist es wie Strawinsky oder Rachmaninow zu sehen, was sich in den drei Sätzen nach dem Allegro appassionato zeigen sollte: ein vielschichtiges, nobles Adagio (mit kurzzeitigem Englischhorn) abgelöst von einem rhythmischen, würzigen Scherzo nachprägend russischer Schule; und zum Schluss ein Auf-den-Putz-hauen-Prestissimo, das bei ausgiebig leichter oder wach umherspringender, tänzerischer Attitüde und freudig-hymnischen Choralkanonen milde Zwischentöne hatte, die gen Ende nochmals zu einer Elegie führten.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des WDR rezensiert.

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