Wer hat denn wirklich die Hosen an? Und wer ist eigentlich das vermeintlich „schwächere Geschlecht“? Muss alles so bleiben? Fragen, die die in der Saison 2024/25 von Vincent Dumestres Poème Harmonique vorgestellte Satirik-Oper L’uomo femina Baldassare Galuppis aufwirft. Das 1762 in Venedig premierte, seinen Vorläufer Il mondo alla roversa ablösende sowie 2006 in einer kleinen Gemeinde in Viterbo von einem rein weiblich besetzen Orchester namens Accademia della Libellula neuzeitlich erstaufgeführte Werk kam nun auch zu den Wiener Resonanzen 2026. Und dort – das sei einleitend zumindest vorweggenommen – bestens an, bewahrheitete sich die Darbietung als krönender Abschluss des Alte-Musik-Festivals des Konzerthauses, das seine Edition unter die Beleuchtung und Würdigung der Frauen in den vergangenen Jahrhunderten stellte.

<i>L’uomo femmina</i> mit Le Poème Harmonique &copy; Carlos Suarez | Wiener Konzerthaus
L’uomo femmina mit Le Poème Harmonique
© Carlos Suarez | Wiener Konzerthaus

Librettist Pietro Chiari lässt zwei Schiffbrüchige auf einer Insel stranden, die fest, moralisch freier und – man kennt und erwartet es in der barocken Oper und Gesellschaft eben andersherum – ganz in Frauenhand ist. Cretidea beherrscht die eingeschüchterten, berougten wie perückten, zu Treue angehaltenen Männer, während sie einen maskulinen, zu Näharbeiten gezüchteten Harem unterhält, dessen adrettester Insasse, Gelsomino, sich mit der neurotischen Angst plagt, von ihr verlassen zu werden, wenn ihr seine Frisur nicht mehr stylisch genug erscheint. Offenbar trägt Roberto, einer der Angelandeten, sein Haar so fesch, dass sich die Regentin neben ihrer Hofdame Cassandra, später als Schwester des Angeschmachteten entpuppt, in ihn verguckt, selbst wenn dieser mit den Verhältnissen, Gesetzen und Rollenverständnissen auf dem Archipel am Ende der Welt nichts anfangen kann. Bis hierhin atmet einiges ein bisschen Alcina-Vibes. Jedenfalls entspinnen sich daraus die eingangs gestellten Überlegungen, die Cretidea als Herausforderung sieht, derweil Roberto mit Überlebenskollege Giannino – von Ministerin Ramira als Beute betrachtet – als Missionar mit den „Irrtümern“ aufzuräumen gedenkt.

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L’uomo femmina mit Le Poème Harmonique
© Carlos Suarez | Wiener Konzerthaus

Gemäß damaliger Aufführungsobligation gelingt es Roberto letztlich auch, im Gegenzug zu seiner Liebe zu Cretidea die auf den Kopf gestellte Weltordnung der Insel zu konventionalisieren, doch meldet sich Chiari im Schlusschor selbst zu Wort: „Wer Vernunft und eine gute Nase hat, kann ohne großen Aufwand verstehen, dass der Autor gewusst hat, wovon er schreibt.“ Nämlich, dass bisheriges Zwangsschema doch überdacht werden sollte, weshalb die drei Frauenfiguren vor dem Szenedunkel und imaginären Vorhangfall die revolutionäre Faust in die Höhe reckten. Und Dumestre wusste mit seinem Orchester und sensationellen Cast, was zu tun ist, um diese äußerst rare, von ihm dann 2014 zugetragene und durch drei andere Galuppi-Arien vervollständigte, nun erstmals in moderner Zeit in deutschsprachigen Gefilden gespielte Oper von vorne bis hinten außergewöhnlich ansprechend und überzeugend zu gestalten.

Dafür hatte er mit Cembalistin Elisabeth Geiger, Cellist François Gallon, Lautenist Victorien Disse und Theorbist Alon Sariel ein flüssig-knackiges, höchst exaktes, führungspräsentes Rezitativ-Continuo zur Hand, das mit dem temporeichen Arien- und Ensemble-Tutti Le Poème Harmoniques aus phrasierungs- und stilgewandten, dynamischen, ausbalancierten Streichern, formidablen Oboen und Topform-Hörnern Galuppis spätbarocke, galante, Mozart vorgreifende Musik in theatralische, melodiöse, intonationswohle Referenzqualität verwandelte. Sariel avancierte neben Oboistin Nele Vertommen (gemeinsam mit Bar Zimmermann) dabei zum solistischen Instrumentalstar und Flairzauberer schlechthin, als er zu Robertos süßlich-verzweifelten Monologen die wimmernde Mandoline zückte.

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Vincent Dumestre Le Poème Harmonique
© Carlos Suarez | Wiener Konzerthaus

Orientierungsgedanken des zunächst ungewiss-bedröppelten, in seiner zwischenzeitlichen Ehrverteidigung seines Herzens für Cassandra, später autoritätsarrangierten Begierdeobjekts Roberto, die extrem deutlicher, mit unverwechselbar wandlungselektrisierendem, angenehm pressfreiem Baritenor ausgestatteter Marc Mauillon äußerte. In letztlich schwesterlicher, zuvor aufgebrachter, unnachgiebig-zielorientierter Cassandra (Floriane Hasler) und resolut-beherzter, von Kontrollverlust zerfressener, nachher zum Kompromiss fähiger Absolutistin Cretidea (Eva Zaïcik) hatte er zwei Frauen an der Seite, deren kultivierten, lagenweiten, warmen und edlen Mezzi Willen und Gefühlsregung nachvollziehbar und vielschichtig transportierten.

Bei sich und dem Unverständnis für die Geschlechtersituation vor Ort hatte Roberto zudem Giannino, der durch François Rougiers kräftigen, gewichtig affektakzentuierten Tenor damit nicht hinter dem Berg hielt. In seinem Temperament prallte er auf jenes ausgeprägte Amazonenhafte der offensiv-burschikosen, weise und entschlossenen Ramira Lucile Richardots, die mit ihrer Verständlichkeit und Kommunikation, Altfarbe und Präsenz, Spielintensität und Gewissheit in den Bann zog. Diese Spielfreude, Diktionsbewusstheit, ausdruckswillig-kernige Stärke und Statur zeigte auch Bassbariton Alas Séguin, dessen bemitleidenswerter, von magenschmerzender, stürmischer, zum Verhängnis werdender Eifersucht angetriebener, durch Roberto final zur „Normalität“ verdammter Gelsomino sehr beeindruckte. Schließlich zeugten die herrlich vollmundig-rasanten Aktfinali von der insgesamt stimmigen Klasse und Wucht des gesamten Ensembles in Galuppis und Chiaris L’uomo femina.

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