Mit welcher Komposition eröffnet man ein Musikfestival? In Verbier ist man heuer auf eine überraschende Idee gekommen: Das zwei Wochen dauernde Klassikfestival in der französischen Schweiz begann mit der Schlussszene aus Richard Wagners Götterdämmerung. Mit der Szene also, in der Brünnhilde den ermordeten Siegfried beweint und sich anschickt, zusammen mit der Leiche ihres Geliebten den brennenden Scheiterhaufen zu besteigen. Die Liebe liefert auch das Stichwort für das Hauptwerk des Abends, die Turangalîla-Symphonie von Olivier Messiaen. Darüber hinaus sind es eine gigantische Orchesterbesetzung und die Verwendung von Leitmotiven, die die beiden Kompositionen miteinander verbinden. Dennoch sei die Frage erlaubt, ob denn die 80 Minuten dauernde Messiaen-Symphonie ohne Wagner-Vorspann nicht noch stärkere Wirkung entfacht hätte.

Esa-Pekka Salonen dirigiert das Verbier Festival Orchestra © Nicolas Brodard
Esa-Pekka Salonen dirigiert das Verbier Festival Orchestra
© Nicolas Brodard
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Eine Besonderheit des Verbier Festivals besteht darin, dass die Orchesterkonzerte mit residierenden Klangkörpern ausgeführt werden. Am Eröffnungskonzert spielte das Verbier Festival Orchestra unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen. Das VFO ist ein Ausbildungsorchester, für das sich junge Musiker zwischen 18 und 28 Jahren bewerben können. Die Konzertprogramme werden in einer dreiwöchigen Residenz von Mentoren vorbereitet und von namhaften Dirigenten in der Finalphase einstudiert und aufgeführt.

Wie bereits die Schlussszene aus der Götterdämmerung hören lässt, bewegt sich das VFO auf einem beeindruckenden Niveau. Mag auch nicht immer die letzte Perfektion in der Abmischung der Klangfarben und Lautstärken herrschen, so nimmt einen doch das engagierte Spiel dieser jungen Leute in Beschlag. In der Rolle der Brünnhilde tritt die amerikanische Mezzosopranistin Michelle DeYoung auf. Als erfahrene Wagner-Interpretin mit beeindruckendem Stimmumfang, breit gefächerten Lautstärkegraden und dramatischem Zugriff weiß sie die Rolle zu wahrem Leben zu erwecken. Wenn man den Inhalt der Oper allerdings nicht kennt, hängt die Schlussszene etwas in der Luft. Dasselbe gilt auch für die zahlreichen Leitmotive, die auf frühere Szenen der Götterdämmerung bzw. gar auf die drei vorhergehenden Opern des Rings verweisen.

Michelle DeYoung mit Esa-Pekka Salonen © Anne du Chastel
Michelle DeYoung mit Esa-Pekka Salonen
© Anne du Chastel

Liebe und Tod sind auch die Eckpfeiler von Messiaens Turangalîla-Symphonie. Von den zehn Sätzen des gigantischen Werks verweisen die beiden Chants d’amour, Jardin du sommeil d’amour und Développement d’amour auf das Thema. Stilistisch gehört das 1946 bis 1948 entstandene Werk noch zur vorseriellen Phase des Komponisten. Modern ist es jedoch in seiner Sprengung der herkömmlichen Symphonieform, in seinen komplexen, fernöstlich angehauchten Rhythmen und in seinen experimentellen Klangfarben. Mit ihrem üppigen Charakter, dem Wechselbad zwischen turbulenten, hymnischen und sinnlichen Abschnitten bildet die Symphonie ein geradezu ideales Betätigungsfeld für junge Musiker. Wenn da ein in der Musik des 20. Jahrhunderts erprobter Dirigent wie Salonen seinen hochmotivierten Adepten, von denen die meisten dieses Werk zum ersten Mal spielen, den richtigen Zugriff vermittelt, entsteht ein Resultat, das unter die Haut geht. Salonen tut dies mit einer messerscharfen Schlagtechnik und einem unaufgeregten Führungsstil.

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Großen Anteil am Erfolg der Aufführung haben die beiden Solisten. Der französische Pianist Lucas Debargue zeigt sich in Hochform. Den halsbrecherischen Solopart mit all den vertrackten Rhythmen und den flitzenden Tempi realisiert er mit Bravour. Während Messiaen das Klavier quasi als Perkussionsinstrument einsetzt, überlässt er das Melodische dem zweiten Soloinstrument, den Ondes Martenot. Cécile Lartigau gewinnt dem „vorsintflutlichen“ Elektroklavier, das vibratogeschwängerte Töne und sentimentale Glissandi hervorbringen kann, die Extreme seiner Möglichkeiten ab.

Dass das Verbier Festival unter seinen beiden künstlerischen Leitern Martin T. Engstroem und Hervé Boissière ein solch epochales Werk wie die Turangalîla-Symphonie als Eröffnung erklingen lässt, zeugt von Mut. Dass einige Zuhörer die Salle des Combins bereits vor dem Ende verlassen haben, sollte sie nicht beirren.


Thomas Schachers Pressereise wurde vom Verbier Festival bezahlt.

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