Welches Essen würde es wohl bei Mime und Siegfried zu Hause geben? Richtig, Wagner Pizza! Dies ist nur einer der nicht zu geizig gestreuten Gags in Tobias Kratzers Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper. Wer hier jedoch Klamauk oder gar Blasphemie dem Meister gegenüber vermutet, liegt weit daneben. In diesem Siegfried menschelt es wie auch in den vorangegangenen Teilen des Rings und Kratzer belegt, wie liebevoll er Figuren zeichnen kann und wie sehr ihm diese am Herzen liegen.

Auch alleinerziehende Väter haben es nicht leicht, sind sie doch meist in Erzählungen unterrepräsentiert. Und so sehen wir im ersten Aufzug, wie Mime versucht seinem Ziehsohn trotz der mangelnden Blutsverwandtschaft etwas beizubringen, ihn für das Leben auszurüsten. In der Sicherheit schenkenden, aber auch einengenden domestiken Umgebung der kleinen spießigen Wohnung versucht man sich ein Zuhause zu schaffen. Gemeinsam werden Pappschwerter gebastelt und man kämpft miteinander. Der kleine Siegfried ist jedoch schnell genervt, zerbricht die Schwerter und verschwindet in sein Zimmer, natürlich nicht ohne mit der Tür zu knallen – die Pubertät des Wotanenkels scheint sich langsam anzubahnen.

Während Benjamin Bruns vom Bühnenrand aus der Partitur singt, spielt ein etwa 10-jähriger Junge (gespielt von Felix Fröbel) den, nun ja, jungen Siegfried. Kratzer erzählt somit überaus nachvollziehbar das Großwerden des Titelhelden. Als es endlich um das Schmieden des Schwerts geht, springt Bruns in das Kinderzimmer seines jüngeren Alter Egos, durchbricht so eine Art vierte Wand, und gemeinsam wird das Zimmer zu einer Höhle umgebaut. Unterm Bettlaken verkriechen sie sich, hecken etwas aus – es raucht und blitzt und so schmieden beide das Schwert gemeinsam neu. Hier zeigt sich die transformative Kraft dieser Schlüsselszene. Der junge Siegfried ist nicht mehr – nur noch der erwachsene, wenn auch überwiegend adoleszente Siegfried, geht aus der Szene hervor und muss nun sein Leben bestreiten. Nicht nur Nothung wurde neu geschmiedet, auch Siegfried, so scheint es, erschuf sich neu.

Kratzer löst sich im Siegfried nahezu gänzlich von dem Religionsthema, dass das Rheingold prägte, und ändert auch szenisch wieder das Setting, ohne sich jedoch verbiegen zu müssen. Stattdessen ist der Ring des Nibelungen für Kratzer auch eine Geschichte (gescheiterter) familiärer Beziehungen – zwischen Liebenden, Geschwistern und Vätern und ihrer Kinder. Gekonnt verwebt er mehrere, parallel verlaufende Handlungsschienen ineinander und gibt jedem Charakter gebührend Raum. Seine Ideen, doppelte Charaktere zu schaffen, oder sie länger als üblich auf der Bühne verweilen zu lassen, geben dem Text immer wieder neue Deutungsebenen.
Wir erfahren äußerst clever gelöst und auf filmische Weise erzählt über Fafners Verbleib – sein Untergang vom gottesfürchtigen Mann, zu jemanden der sich selbst für Gott hält und daran zerbricht. Manuel Brauns Videos (in Zusammenarbeit mit Jonas Dahl und Janic Bebi), die Bühne von Rainer Sellmaier unterstützt vom Licht (Michael Bauer) greifen tief in die altbewährte Theatertrickkiste. Und das funktioniert ganz wunderbar. Die Inszenierung des Siegfried nimmt sich nicht allzu ernst und Kratzer weiß, wie man unverbrauchte Witze zünden lässt.

Auch die Frauen kommen im Siegfried nicht besonders gut weg. Während manche Regisseur*innen versuchen, Brünnhilde als selbstbestimmte Feministin zu deuten, ist Kratzer mit sich und dem Publikum ehrlich: Erda wird übergriffig angefasst, gefesselt und wie eine Hexe einer Water-Boarding-Tortur unterzogen. Die Frauen sind im Siegfried oft nur Mittel zum Zweck – dies anzuerkennen und zu thematisieren gehört auch dazu.
Matthias Klink als Mime, wohl eine seiner vielen Paraderollen, ist wie gewohnt hoch expressiv im Ausdruck und dennoch überaus textverständlich. Auch Georg Nigl, der ebenso wie Klink ein exzellenter Schauspieler ist, beeindruckt als Alberich durch sein dunkles, bedrohliches Timbre mit viel gestalterischen Ausschmückungen.

Die größte Überraschung und wohl am meisten antizipierteste Rolle war das Siegfried-Debüt von Benjamin Bruns. Wähend er sich zunächst nur den kleineren und mittleren Wagner-Rollen gewidmet hat, wagt er nun mit Siegfried den Aufstieg in die Königsklasse. Dies tut er mit hervorragendem Selbstbewusstsein und einem runden, tenoralen Timbre, bei gleichzeitiger kraftvoller Ausführung. Er strotzt nur so vor Stamina, behält jedoch stets die schönen Gesangslinien bei.
Simone Schneider erzeugt bereits bei ihren ersten Worten „Heil die Sonne“ Gänsehaut. Ihre betörend schöne Stimme, der eine Zeitlosigkeit innewohnt, weiß sie wie ein perfektes gestimmtes Instrument einzusetzen – von zarten Piani bis zu selbstbewusst kontrollierten Fortissimi bei zugleich perfektem Textverständnis ist sie eine Brünnhilde aus einem Guss. Eine Freude, dass Schneider, welche hauptsächlich in Stuttgart die großen Opernpartien verkörpert, nun auch einmal in München eine Premiere mitgestaltet.

Nicholas Brownlee, der sich immer wohler in der Rolle des Wotan, bzw. Wanderers fühlt, wächst auch stetig an ihr. Hier wächst einer der ganz großen Wotan-Darsteller der künftigen Generation heran. Mir warmen Timbre und überzeugender Darstellung zeichnet er den Göttervater als vielschichtigen Charakter.
Das Orchester der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung Vladimir Jurowskis war hervorragend aufgelegt. Der Generalmusikdirektor steigerte sich und erzielte die bisher beste musikalische Leistung in diesem Ring. Das Dirigat des Siegfried scheint ihm besser zu liegen als Walküre und Rheingold. Besonders im ersten und zweiten Aufzug geriet sein Dirigat hoch expressiv und dramatisch, dabei immer schlank und durchhörbar im Klang, die Leichtigkeit dieses heitereren Wagner-Stücks betonend. Im dritten Aufzug gelang Jurowski sogar ein rarer Moment entfesselter und klug akzentuierter, heransteigernder Orchestertutti, welche man zuvor in der Walküre schmerzlich misste.

Kratzer gelingt es mit einer detaillierten Personenregie, unter Ausnutzung vieler Überraschungsmomente aber besonders dank seiner erfrischend vielschichtigen und menschlichen Darstellung seiner Götter, Helden und all der Abtrünnigen des Rings, den Siegfried zu einem packenden Opernerlebnis zu erheben. Man kann kaum erwarten, wie es weiter geht und wie es ausgeht. Im Juni 2027 ist es mit der Götterdämmerung dann endlich soweit.























