Köln hat seine Oper zurück. In 14 Jahren Bauzeit, nach zahlreichen Pannen und immensen Kosten ist das Haus neu erstanden. Von Alexander Riphahn entworfen, 1957 eröffnet und nun originalgetreu wieder hergestellt, beeindruckt das Opernhaus erneut in seiner vom Bauhaus inspirierten Architektur mit dezenter Eleganz und hoher Funktionalität. Von allen Sitzen aus hat man beste Sicht und die Akustik ist exzellent. Allein dieses wieder eröffnete Haus ist schon die Reise nach Köln wert.

Als zweite Produktion nach einer umstrittenen Neuinszenierung des Rosenkavalier holte die Oper als Wiederaufnahme aus der Zeit vor der Renovierung Verdis Rigoletto zurück. Katharina Thalbach hatte seinerzeit, ohne ein Konzept überzustülpen, auf szenische Klarheit und Textgenauigkeit gesetzt. Das machte ihre Inszenierung tauglich auch für heute; eine solide Regiearbeit, welche die Geschichte einleuchtend erzählt.
Und wenn ein Bezug zu heute entsteht, so ist er leider immer noch von Belang: das Me-too-Thema zieht sich durch die Inszenierung hindurch. Der Herzog von Mantua greift sich die Frauen reihenweise und an seinem Hof herrscht ein libidinöses Treiben, das allerdings trostlos erscheint und voller Überdruss. Ein kopulierender Satyr und der geschwungene Riesenpenis aus Schaumstoff können nur noch Gähnen hervorrufen. Thalbach stellt das ohne übertriebenen Eifer und eher nüchtern zur Schau. Auch mit einem Schuss Ironie, wenn auf den Tischen Cancan getanzt wird – das Opernhaus in Köln steht am Offenbachplatz!
So deutlich wie die Umstände sind auch die Charaktere entwickelt. Die Regisseurin hat ein Händchen für genaue Personenzeichnung. Sie zeigt Rigoletto in seinem Konflikt zwischen beruflicher Rolle und persönlichem Schicksal. Er ist hier der Bucklige, der Außenseiter, der Narr von Beruf. Schon zum Vorspiel betritt er von außen die Bühne und holt seine Berufskleidung aus den Koffer, die er dann anlegt. Provokation ist sein Job, bis er überzieht und sich die Hofgesellschaft zum Feind macht. Vor allem aber Monterone, dessen Fluch er sich nicht entziehen kann. Insik Choi gab diese tragische Figur eindrucksvoll in all ihren Facetten. Vokal war er ein starker Rigoletto, kraftvoll bei Stimme und mit den gebotenen Farben von Zorn bis Hass gegen Herzog und Höflinge und von Vaterliebe bis Verzweiflung angesichts des Verlusts seiner Tochter.
Musikalisch am meisten berührten an diesem Abend die Vater-Tochter-Duette. Denn auch Enkeleda Kamani nahm als Gilda enorm für sich ein. Mit ihrer agilen Stimme machte sie aber auch die Verliebtheit dieser jungen Frau glaubhaft. Wenn sie sich an den (vermeintlichen) Namen ihres Schwarms erinnert, hört man in der Musik quasi die Schmetterlinge im Bauch flattern – und die Sängerin trällerte diesen Verzückungsrausch in tollen Sprüngen und meisterlich bewältigten Spitzentönen nur so heraus.

Im Duett mit dem Herzog kam eindrücklich das ungleiche Machtverhältnis zwischen dem ehrlich verliebten Mädchen und dem manipulativen Herzog zur Wirkung. Filip Filipović sang einen kraftvollen, ja präpotenten Herzog, der aber auch, wenn es nötig ist, enormen vokalen Schmelz verströmt, damit die erotische Eroberung gelingt. Filipović war grandios in diesem Doppelspiel. Man hätte seinem Herzog fast aufrichtige Gefühle abnehmen wollen, wäre da nicht auch der egozentrische Draufgänger gewesen („La donna è mobile”) – ein brillantes Rollenportrait.
Gut besetzt an diesem Abend waren auch die kleineren Rollen wie Nicole Piccolomini als selbstbewusste Maddalena und Christoph Seidl als zorniger Monterone (im Rollstuhl). Etwas neutral blieb allerdings die Rolle des gedungener Mörders Sprafucile, den William Thomas zwar mit solidem Bass sang, der aber als Charakter kaum Dämonie verströmte.
Überhaupt blieb die Atmosphäre der gesamte Szenerie etwas kühl und ausstrahlungsarm. Selbst das Gewitter im Schlussakt blieb eher ein Lüftchen. Die Lichtregie trug wenig zur Schauerlichkeit der Situation bei. Auch die gemalten Prospekte mit Motiven von auf dem Kopf stehender Renaissancearchitektur strahlten wenig Atmosphäre aus. Etwas Naturalismus vermittelte im dritten Akt die Brückenkonstruktion am Fluss. Am Schluss gleitet der Kahn mit der sterbenden Gilda einfach nur ins schwarze Nichts.
Das Übrige bleib der Musik überlassen. Mit großer dramatischer Wucht ließ Matteo Beltrami das Gürzenich-Orchester aufspielen. Seine Tempi waren zum Teil furios. Insgesamt aber war die Dynamik wenig ausgewogen und alles klang meist zu laut und etwas pauschal. Da ist sicherlich noch viel Gewöhnung an den neuen Saal erforderlich. Allerdings spielte das Orchester eminent klangschön und präzise. Auch der Herrenchor der Oper Köln war sehr gut in Form.



