Immer wieder werden Stimmen laut, die das Genre Oper als veraltet oder irrelevant bezeichnen, etwas, das keinen Wert hat in der heutigen Zeit. Solchen Zweiflern kann man kein besseres Argument, als die Opern von Martin Crimp (Libretto) und George Benjamin (Musik) entgegensetzen. Seit 2006 haben die beiden an vier Opern zusammengearbeitet und damit ihren Platz im Kanon der Operngeschichte gesichert. Die wohl gefeiertste und ein Plädoyer für die Relevanz des Genres im 21. Jahrhundert ist Written on Skin. 2014 beim Aix-en-Provence Festival uraufgeführt, hat sie seitdem mehrere Inszenierungen in Deutschland und Europa erlebt – keine Selbstverständlichkeit bei zeitgenössischer Musik.
Das Sujet ist ein Destillat menschlicher Abgründe, entnommen Boccaccios Decamerone und der Erzählung des Troubadours Guillem de Cabestanh – Le Coeur mangé (Das gegessene Herz). Ein mächtiger Gutsbesitzer, der Protector, beauftragt einen jungen Künstler, den Boy, sein Leben in einem illuminierten Manuskript zu verewigen. Doch die Kunst wird zum Katalysator der Befreiung: Agnès, die unterdrückte Frau des Protectors, erkennt im Spiegel der Bilder ihre eigene Begierde und ihre Unterwerfung. Die Dreiecksbeziehung endet in einer grausamen Katharsis, in der die Grenzen zwischen Fleisch und Pergament, zwischen Liebe und Kannibalismus verschwimmen.
Tatjana Gürbaca inszeniert Written on Skin an der Oper Frankfurt als zeitgenössisches Kammerspiel, eingebettet in eine karge, fast surrealistische Hügellandschaft (Bühne: Klaus Grünberg). In der Ferne erkennt man eine Miniaturstadt – ein Bild für die Isolation und Anonymität, in der sich dieses Drama abspielt. Die Kostüme von Silke Willrett zitieren verschiedene Epochen: Agnès beginnt in einem puritanischen, hochgeschlossenen Kostüm, das ihre soziale Kastration symbolisiert, bevor sie sich im Zuge ihres sexuellen und existenziellen Erwachen ein freizügigeres Kleid anzieht.
Ein starkes Bild setzt Gürbaca bei den Engeln, jenen Beobachtern, die das Geschehen wie Allwissende kommentieren, gar sezieren. Einem von ihnen wurden die Flügel gestutzt; zwei blutige Male auf dem Rücken zeugen von einer verlorenen Übermenschlichkeit. Dieser gefallene Engel ist der Boy, der das Paar nicht nur künstlerisch, sondern auch erotisch infiltriert. Doch hier liegt auch die Krux der Inszenierung: Durch die starke Karikierung der Engel und die sterile Distanz der Bühne entsteht ein emotionales Vakuum. Die Figuren wirken oft wie Spielfiguren in einer klinischen Anordnung. Wo das Werk eigentlich eine allzu menschliche, fragile Unmittelbarkeit verlangt, regiert in Frankfurt eine gewisse distanzierte Kühle, die das Publikum eher zum entfernten Beobachter als zum wissenden Zuschauer macht.
Das Archaische der Geschichte spiegelt sich auch in der Komposition Benjamins wider. Frei von historisierenden Klischees, hat er eine musikalischen Klang der Gleichzeitigkeit geschaffen. Die Viola da Gamba evoziert eine ferne Vergangenheit, während das reichhaltige Schlagwerk der Nervosität der Gegenwart entspricht. Besonders hervorzuheben ist der Einsatz der Glasharmonika, deren sphärischer, fast zerbrechlicher Klang die „Zwischenwelt“ der Engel illustriert.
Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters wählte Erik Nielsen jedoch einen Ansatz, der eher auf das Expressive als auf das Subtile setzte. Statt der feinen, impressionistischen Texturen, die Benjamins Musik innewohnen, dominierte eine expressive Lautmalerei. Nielsen forcierte die Orchestertutti bisweilen so stark, dass die sinnliche Fragilität der Partitur übertönt wurde und ihr einige ihrer geheimnisvollsten Schattierungen raubte.
Sängerisch hingegen trat ein stimmlich rundes und eindrucksvolles Ensemble auf. Bo Skovhus gab den Protector als kahlköpfigen, raubeinigen Patriarch. Sein kraftvoller Bariton verströmte eine subtile Brutalität, die jede Geste des Besitzanspruchs gegenüber seiner Frau untermauerte. Es ist eine Physis in seiner Stimme, die frösteln lässt – besonders in den Momenten, in denen er seine unterdrückte Zuneigung zum Boy fast zärtlich, aber doch bedrohlich offenbart.
Iurii Iushkevich als Boy war die perfekte Besetzung für diesen engelsgleichen Eindringling. Sein Countertenor besitzt eine schwerelose, fast jenseitige Schönheit, bewahrt aber in der Tiefe eine traurige Erdung. Die Leichtigkeit, mit der er die extremen Höhen meisterte, bildete den nötigen Kontrapunkt zur Schwere des Protectors.
Die Entdeckung des Abends war jedoch Elizabeth Reiter als Agnès. Mit einer bewundernswerten darstellerischen Intensität zeichnete sie den Weg einer Frau nach, die aus der totalen Erstarrung in eine lebensgefährliche Leidenschaft erwacht. Ihr schlanker, ungemein wandlungsfähiger Sopran bewältigte die expressiven Sprünge der Partie mit müheloser Sicherheit. Reiter verlieh der Figur eine Zerrissenheit, die in der ansonsten eher distanzierten Inszenierung für die dringend benötigten emotionalen Reibungspunkte sorgte. Cecelia Hall und Michael McCown ergänzten das Ensemble auf gewohnt hohem Frankfurter Niveau.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Written on Skin ist ein Werk, das den Zuschauer an die Kehle gehen muss. Gürbacas Deutung jedoch verharrt zu oft im gekünstelten ästhetischen Arrangement. Wenn die Messlatte durch die legendäre Produktion von Katie Mitchell aus Aix-en-Provence und deren Nachfolger in ganz Europa so hoch liegt, muss eine Neuinszenierung mehr bieten als nur eine solide Bebilderung. Es fehlte der Horror, die schockierende Tragik und vor allem die unerträgliche Spannung, die aus Crimps Text und Benjamins Musik erwachsen sollte. Ein handwerklich versierter Abend, der jedoch die Chance vertan hat, die ganze bittere Radikalität dieses modernen Klassikers spürbar zu machen.

