Was macht es wohl mit einer Familie, wenn der Sohn eines Morgens zum Käfer verwandelt in seinem Bett liegt, den Eltern kein Frühstück bereitet und sich weigert, zur Arbeit zu gehen? Wie schnell ändert sich die schlagartige Bestürzung darüber in die heraufdämmernde Gewissheit, dass ein wesentlicher Geldverdiener der Familie abhanden gekommen ist? Franz Kafkas skurrile Erzählung kennen viele noch aus dem Deutsch-Unterricht weiterführender Schulen. Michaël Levinas hatte bereits 2012 eine französische Vertonung über dieses Sujet geschaffen mit elektroakustischen Mutationen. Bei Gordon Kampes neuer Oper für das schweizerische Theater Winterthur sowie das Staatstheater Augsburg richtet der Librettist Philipp Löhle unseren Blick durch Gregor Samsas Zimmertür: Verwandlung erfasst draußen essentiell auch Vater, Mutter und Schwester des Insekts.

Franziska Zwink (Schwester), Kate Allen (Mutter) und Avtandil Kaspeli (Vater) © Jan-Pieter Fuhr
Franziska Zwink (Schwester), Kate Allen (Mutter) und Avtandil Kaspeli (Vater)
© Jan-Pieter Fuhr

An Kafkas Theaterstück Die Verwandlung hat sich der Augsburger Staatsintendant André Bücker noch nie gewagt. Die Adaption des Stoffs in Philipp Löhles Text lässt nun eine noch artifiziellere Form des Bühnengeschehens zu, in der Bücker gleichzeitig den Blick auf die Familie schärft und deren Transformation in den Mittelpunkt stellt. In Kafkas abgründiger Weltsicht, die Gordon Kampe in seiner Komposition durch den steten Wechsel von Stilen und Klangfarben noch sarkastischer und bestürzender ausmalt, dabei gleichzeitig ihre komödiantischen Züge heraushebt, bekommt die surreale Handlung durch Bückers Inszenierung einen grotesken Humor, der das Lachen provoziert und gleichzeitig ein Schuldbewusstsein darüber weckt.

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Kampe, bereits mit mehr als einem Dutzend Opern auf Bühnen präsent, gestand in einem Radio-Interview, neben Monteverdi schnörkelloser Tonsprache und Ravels Witz besonders Jacques Offenbach zu lieben, der zu lockerer Operettenseligkeit auch bösartige Intrigen ins Spiel brachte. Die Welt von Göttern und Drachen bei Wagner sei ihm ferner. Mit diesem Faible für menschliche Unzulänglichkeiten konnte er die Charaktere von Kafkas Geschichte mit Sympathie auf die Bühne bringen, wie in filigraner Tuschezeichnung ihren Reaktionen liebevoll beseeltes Klangleben einhauchen. Lust an Rhythmus, Freude an harmonischer Delikatesse, auch Stolz bei herausfahrenden Fortissimo-Wogen kamen beim Augsburger Publikum in den dicht gefüllten Parkettreihen bestens an.

Franziska Zwink (Schwester) © Jan-Pieter Fuhr
Franziska Zwink (Schwester)
© Jan-Pieter Fuhr

Felix Weinolds Bühne ist ein raumfüllendes Sofa mit aus der Mode geratenen geschwungenen Rücken- und Armlehnen, dessen Sitzfläche der eigentliche Spielraum ist und das geradezu aufdringlich bürgerliche Normalität ausstrahlt. Es ist die Welt der Familie Samsa, die dank des Einkommens von Gregor (der einzige übrigens, der einen Namen trägt) sogar ein Dienstmädchen angestellt hat. Versteckt, einem Käfig gleich, liegt Gregors Zimmer darunter. Bereits während der Ouvertüre wird in einer Videoprojektion, quasi in einer KI-generierten Aufzeichnung, die Wandlung von Gregors Konterfei zu einem Käferkopf nacherzählt, dessen eines Auge besonders groß und schillernd wird und während der späteren Handlung wie ein Argusauge mit Wimpernschlag als belebtes Wandbild Familie Samsas Wohnzimmer beobachtet.

Claudio Zazzaro, Wiard Witholt und Shin Yeo © Jan-Pieter Fuhr
Claudio Zazzaro, Wiard Witholt und Shin Yeo
© Jan-Pieter Fuhr

Das Fantastische des Käfers wird in Bückers Inszenierung übersetzt in ein vielbeiniges Käfer-Quartett von vier Sängern, die unter Führung einer Tänzerin die Handlung aus den unterschiedlichsten Richtungen betrachten und vokal wie körperlich, einem Modern Dance vergleichbar, akzentuieren (Helena Sturm in wunderbar fließenden Bewegungen, mit Rusnė Tušlaitė, Cláudia Pereira, Nicolas Julius Stegmann und Titouan Sevic). Das Unerklärliche, ja Bedrohliche an Gregors neuer Körperlichkeit wird durch mehrere säbelartige Spinnenarme dieses ungeheuren Lebewesens perfekt unterstrichen.

Schon der Prokurist aus Gregors Arbeitsstätte kann die Abkehr von Gregors gewohntem Verhalten („Nur nicht unnütz im Bett bleiben.“) nicht verstehen. Die Eltern jammern über das entgangene Frühstück, aber auch der Arzt oder ein Schlosser haben keinen Einfluss mehr auf ihn. Als aus finanziellen Erwägungen die Vermietung von Gregors Zimmer ansteht, ziehen sich drei interessierte Herren schnell wieder zurück, als sie dem Käfer begegnen. Fast slapstickartig agierten Claudio Zazzaro, Wiard Witholt und Shin Yeo im schnellen Wechsel dieser Rollen, teils mit technisch fordernden vokalen Läufen ihrer Geschäftigkeit.

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Kate Allen, Franziska Zwink; Oben: Cláudia Pereira, Rusné Tušlaité, Helena Sturm, Titouan Sevic © Jan-Pieter Fuhr
Kate Allen, Franziska Zwink; Oben: Cláudia Pereira, Rusné Tušlaité, Helena Sturm, Titouan Sevic
© Jan-Pieter Fuhr

Insbesondere leidet die Schwester unter der neuen Situation, der Gregor das Musikstudium ermöglichte und zu deren Geigenspiel er sogar aus seiner Höhle krabbelt. Franziska Zwink spielte und sang bravourös diese bewegende „Traumkönigin der Musik“, ließ für Momente die Last des Desasters vergessen. Absolut stimmig trafen Kate Allen und Avtandil Kaspeli Typus und Ton von Mutter und Vater, blieben auch musikalisch eindrucksvoll in Erinnerung. Dass sie aus dem Grauen schnell wieder in den Alltag finden müssen, zeigte die doppelte Bedeutung des Operntitels.

„Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar hingemacht!“ Einsam und entkräftet war das Insekt gestorben. Und das Hausmädchen brachte das Auffinden des toten Gregor in ihrer unumwundenen, fast spöttischen Ausdrucksweise auf den Punkt. Eine Paraderolle für Olena Sloia, welche die übrig gebliebenen Gebeine des Käfers ohne Zögern aufsammelt und im Müllcontainer entsorgt. Nicht ohne hinreißend in ariosen Koloraturen über die Gewohnheiten des ungeliebten bürgerlichen Standes zu räsonieren.

Kate Allen, Olena Sloia (Dienstmädchen) Franziska Zwink und Avtandil Kaspeli © Jan-Pieter Fuhr
Kate Allen, Olena Sloia (Dienstmädchen) Franziska Zwink und Avtandil Kaspeli
© Jan-Pieter Fuhr

Ivan Demidov hatte bereits drei Wochen zuvor die eigentliche Uraufführung des neuen Werks am Theater des Musikkollegiums Winterthur geleitet. Auch die Augsburger Philharmoniker waren zur deutschen Erstaufführung von ihm bestens einstudiert worden, musizierten mit Begeisterung durch die verschlungenen stilistischen Lagen von Kampes Partitur: da wechselten flugs kontratief schwerfälliger walking bass mit flirrend hohem Geigengezwitscher. Ohne Pause ein faszinierender Opernabend, der für Lachen und Nachdenklichkeit gleichermaßen sorgt!

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