Der 1937 im amerikanischen Baltimore geborene Philip Glass zählt zu den meistbeschäftigten Opernkomponisten der Gegenwart: mehr als 20 Opern füllen sein Werkverzeichnis, dazu über dreißig Filmmusiken und allein zwölf Symphonien. Seine Musik genießt Kultstatus und erreicht oft ein breites Publikum; sogar mit Legenden wie Brian Eno oder David Bowie hat er musiziert. Mit Komponisten wie Terry Riley und Steve Reich, wie Glass wichtige Vertreter der Minimal Music, hat er dem Musikleben seit den 1970er Jahren neue Bahnen geöffnet.

In den 1990er Jahren hat er zu drei Filmen des französischen Malers, Schriftstellers und Filmregisseurs Jean Cocteau neue Filmmusiken verfasst. Schon 1946 hatte Cocteau La Belle et la Bête, als Märchen der Jeanne-Marie Leprince de Beaumont bereits 1756 in Frankreich bekannt, in Schwarz-Weiß-Verfilmung mit originaler Filmmusik von Georges Auric auf die Leinwand gebracht, der als Mitglied der „Groupe de Six“ den musikalischen Impressionismus eines Claude Debussy oder spätromantische Musik von Richard Wagner durch einen einfacheren Stil ablösen wollte. Für die erste Version für Kammerensemble, die den intimeren Rahmen des Films unterstrich und für das Philip Glass Ensemble geschrieben war, sah Glass nur wenige Blasinstrumente zu Synthesizer und Harfe vor. Der Gesang auf der Bühne musste genau mit den Bewegungen der Lippen der Schauspieler auf der Leinwand abgestimmt werden, so dass die Musik perfekt zum Bild passte. Eine spätere Fassung war für großes Symphonieorchester gesetzt; nach Angaben von Glass' Wisemusic-Verlag ist diese in Deutschland bisher nur in Koblenz, Pforzheim und am Gärtnerplatztheater München aufgeführt worden. Die neue Produktion am Staatstheater Augsburg ist somit erst die vierte, hiesige Veröffentlichung.

Die Schöne und das Biest erzählt von einem reichen Geschäftsmann eines Familienclans, der in einem Landhaus mit drei Töchtern Félicie, Adélaïde und La Belle sowie einem Sohn Ludovic und dessen Freund Avenant lebt; Tiere laufen in Haus und Garten frei herum. Doch seine Geschäfte gehen schlecht; bei einer Heimreise verirrt er sich in einem Wald, gelangt zu einem geheimnisvollen Schloss, wo er verbotenerweise für Belle eine Rose pflückt. Ein Fabelwesen – Tier, Biest oder La Bête, – haust dort, fordert den Tod des Vaters oder eine der Töchter zur Frau. Während die luxusverwöhnten Schwestern ablehnen, stimmt Belle – hilfsbereit wie ein Aschenputtel – zu, mit dem geheimnisvollen Tier zu leben, erkennt hinter dessen erschreckendem Äußeren immer mehr sanfte und liebenswerte Charakterzüge, nimmt die Bestie in Schutz gegenüber ihren Geschwistern.

Die Regisseurin Susanne Lietzow abstrahiert von Cocteaus Vorlage und zeigt Glass’ vollständige Bühnenfassung zu vollem Orchester; mit der Video-Künstlerin Petra Zöpnek gestaltet sie hier moderne Videosequenzen hinter einem großen offenen Raum, der mit wenigen Utensilien Landhaus des Vaters ebenso wie verwunschenes Schloss des Tiers werden kann. Bühnenbreite Stores und Lichteffekte verstärken die märchenhafte Stimmung. Morgendliche Nebelszenen werden da durchaus gemischt mit einzelnen Reminiszenzen an Cocteaus sagenhafte Bestienwelt.
Die Opernhandlung findet direkt auf der Bühne statt, ohne dass Synchronisationsverschiebungen zu einem Film auftreten. Da die Gesangspassagen eigentlich auf die Dialoge des Films angepasst sind und somit in schnellerem Wechsel als üblich in der Oper ablaufen, müssen die Sänger*innen weniger arios als flexibel singen, was die Verständlichkeit des originalen französischen Librettos einschränkt. Hilfreich sind da die Übertitel, die auch die jeweils aktive Rolle benennen.

Lietzows Kunstgriff besteht nun darin, die Rolle des Bête mit zwei Darstellern zu besetzen: einem singenden, der die Seele ausdrückt, neben einem kämpferisch aktiven, den Belle anfangs allein wahrnimmt. Es ist beeindruckend, wie Georges Khoukaz, ausgebildeter Wrestler, durch seine ausgeklügelte Kampfchoreografie dem ebenso bedrohlichen wie behutsamen Fabelwesen faszinierende Ausstrahlung verleiht, das schrittweise mit kostbaren Roben um Belles Empfindungen zu werben beginnt. Wiard Witholt gestaltete überzeugend mit wohlklingendem Bariton die verborgene, gute Seite der Bestie.
Im Mittelpunkt Luise von Garnier als Belle, welche die Herzensgüte von Belle als Schwester und Tochter in der Familie vollendet im Spiel ausdrückte und das Vertrauen der Bestie gewinnt. Ihre Gesangspartie gestaltete sie wunderbar ausdrucksvoll, berührte mit der wärmenden Ausstrahlung ihres Mezzosoprans.

Shin Yeo zeigte in der Vaterrolle deutlich die Sorge um seine Familie. Kabelo Lebyana und Daniel Carison, als Sohn und Freund der Familie, spielten konsequent, wie sie das Leben im Luxus gewöhnt sind, wollen Belle aber auch schützen. Dass Félicie und Adélaïde angesichts ihres luxuriösen Lebensstils von Lietzows Personenregie auf übertrieben erotischen Auftritt reduziert werden, auch wenn es offensichtlich aktuellen medialen Vorbildern nachempfunden wird, ist schade bei Olena Sloias und Jihyun Cecilia Lees schöner gesanglicher Leistung.

Domonkos Héja und die Augsburger Philharmoniker regten im Orchestergraben schnell Glass’ melancholisch anmutenden Minimal-Music-Puls an, dessen Rhythmusschleifen und Motiv-Rotationen den Groove entfachten, dem man sich nicht so schnell entziehen kann. Die Poesie der filmischen Vorlage wird zwar nicht erreicht, doch gelingt es in der Augsburger Realisierung bemerkenswert gut, die Filmmusik als Oper in den Mittelpunkt zu stellen, und sie hält Spannung über die 90-minütige Länge. Das Premierenpublikum zeigte sich jedenfalls begeistert: kräftige Ovationen im martini-Park.





















