Vor 400 Jahren verstarb der in der „Epoche der Melancholie“ fast wie eine Marienstatue übergroß verehrte Lautenist und Komponist John Dowland. Es herrschten die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, der seinen Auslöser in einer Episode der Gegenreformation fand, die Dowland mit seiner persönlichen Katholisierung bereits vollzogen hatte. Sehr zum Missfallen seiner protestantischen Königin, Elizabeth I., die ihm trotz aller (heimlichen) Anerkennung seinen ersehnten Posten des Hoflautenisten verweigerte und 1598 ins Exil nach Kopenhagen trieb. Einen aus 27 ineinandergreifenden Werken bestehenden Querschnitt Dowlands Arbeiten stellte Lautenist Thomas Dunford für eine Hommage an die englische Kultfigur mit seinem Ensemble Jupiter in Köln vor, die nicht allein jubilares Pflichtprogramm für Lauten- und Gambenspieler war, sondern sensationelle Herzenskür.

Denn Jupiters Konzert – die Kölner Philharmonie dazu in schummriges, depressiv-intimes Licht getaucht – löste mit zuweilen zu vehementen Ausbrüchen der vokalen Homogenität durch Mélissa Petits trotz auch gezeigter ensemble- und stiltauglicher Muskelkontrollbefähigung natürlich vorhandenen Vibratoanlage trefflich ein, was Dowland auf dem Deckblatt zu Lachrimae vermerkte: „Tränen können nicht nur bei Traurigkeit vergossen werden, sondern manchmal auch bei Freude und Fröhlichkeit.“ Dies ging kaum affektstärker, theatralischer, ausdrucksgenauer und filigraner herauszukitzeln, als auf der Bühne stehend und gehend kommunizierender, seinen Kopf eng an die Saiten neigender Dunford der Sopranlaute im Pianississimo gepaart mit agogischen und rhythmischen Unmittelbarkeitseffekten nur hauchende oder im Kontrast folkloristisch-fruchtige Klänge entlockte. Um diese bitterlich-wundervollen Emotionen der Liebe dann in eben solch extremer Rhetorik, dialektaler Phrasierung und dynamischer Wallung von den rosig-sanften, charmanten, leuchtenden, gewitzten und erlesenen Gesangsstimmen Petits, Hugh Cuttings, Thomas Hobbs' und Florian Störtz' in berückender, intensiv-sinnlicher Fesselung nachempfinden zu lassen.
Und durch das gleichsam fabelhafte Gambenconsort (Treble viol bis Consort bass), das mit Dunfords anregender Laute als sogenanntes Broken Consort eleganteste, vitalste und erhabenste Charakterisierungen beziehungsweise Begleitungen in bestechender Intonation lieferte. Ob süßer, trauriger, humoristisch-turbulenterer oder andächtiger Schwank um Come again sweet love, Behold a wonder here, Go, crystal tears, Come away, come sweet love, Can she excuse my wrongs, Fine knacks for ladies, Come, heavy sleep und Shall I strive with words to move oder die Galiards, Pavans und Almands, das Jupiter Ensemble ergriff und bewegte mit spiritueller Leidenschaft.
Besonders seien noch fünf Lieder herausgegriffen: In darkness let me dwell und selbstverständlich berüchtigtes Flow my tears, die durch Cuttings blumiges wie reines, volumen- und affektgewichtiges Gestalten betörenden Eindruck hinterließen. Zudem I saw my lady weep und Time stands still, die jeweils mit Hobbs' geschmeidiger, luftiger sowie dynamik- und phrasierungsentfaltender Deutlichkeit begannen, um mit ebenso gewandtem Störtz in umwerfende, eben innehaltende Duette überzugehen. Und letztlich Weepe you no more, sad fountains, in dem sich Petits stilistisches und in leisesten Klangberührungen deliziös vorgetragenes Können entzückend darstellen sollte.
Nach chaconnehaftem Now, o now I needs must part mündete Dunfords Feier in einer Jamsession mit dem Publikum, die den universellen Glauben in die zeitlose Kraft Dowlands Musik und die ausstrahlende Hingabe des Ensembles einmal mehr in spezieller Manier erfahrbar machte.

















