Ein vierter Platz beim berühmten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau ist für einen Pianisten etwa das, was für einen Skirennfahrer die „Blechmedaille“ an den Olympischen Winterspielen ist. So erging es 2015 dem damals erst 25 Jahre jungen Pianisten Lucas Debargue. Doch die vermeintliche Niederlage verwandelte sich in einen strahlenden Sieg. Weil nämlich die russische Sektion der Jury gegen den Entscheid protestiert hatte, lud Valery Gergiev, der Schirmherr des Tschaikowsky-Wettbewerbs, Debargue zu einem Konzert ins Moskauer Konservatorium ein, wo dieser unter Begleitung des Mariinsky-Theater-Orchesters mit Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert und Rachmaninows Vierten Klavierkonzert triumphierte. Dies war der Startschuss für Debargues einzigartige internationale Karriere.

Elf Jahre später tritt der französische Pianist als Solist beim Zürcher Kammerorchester in der Tonhalle Zürich auf. Das ZKO, im Kern ein Streicherensemble, ist natürlich von der Besetzung her nicht mit dem Mariinsky-Orchester zu vergleichen. Entsprechend stehen nicht Tschaikowsky oder Rachmaninow auf dem Programm, sondern ein Klavierkonzert des hierzulande unbekannten polnischen Komponisten Miłosz Magin (1929-1999) und eines der selten gespielten Klavierkonzerte Mozarts.
Als durchaus passende Einleitungen zu diesen konzertanten Werken spielt das ZKO unter der Leitung seines Konzertmeisters Willi Zimmermann je eine Komposition der unbeschwerten Art. Die eröffnende Sinfonietta für Streichorchester der Polin Grażyna Bacewicz, ein nettes Werkchen im neoklassizistischen Gewand, gibt dem Streichorchester immerhin Gelegenheit, seine Qualitäten der rhythmischen Präzision und der klanglichen Homogenität zu beweisen. Bei Mozarts Symphonie Nr. 17 in G-Dur, KV 129, einem Opus des 16-jährigen Mozart, unternehmen es die Streicher, mit Verstärkung von zwei Oboen und zwei Hörnern, das Werk dramatisch und klanglich aufzumöbeln, was aber zum graziösen Charakter der Komposition nicht so recht passen will.
Das Hauptstück und die Entdeckung des Abends bildet die Schweizer Erstaufführung des Konzerts für Klavier, Streichorchester und Pauken Nr. 4 von Miłosz Magin. Die Affinität zu diesem Komponisten hat Debargue über seine Klavierlehrerin gefunden, die eine Schülerin Magins war. Die Musik des Polen begleitet Debargue seither konstant auf seinem künstlerischen Weg. Stilistisch und von der Besetzung her ist das Klavierkonzert ein Unikat. Die Kombination von Streichern, Pauken und Klaviersolo nutzt der Komponist in den Ecksätzen immer wieder für stampfende und lärmende Passagen, denen abwechselnd galoppierende oder lyrisch-melodiöse Abschnitte gegenübergestellt werden. Im Mittelsatz, Lento religioso, herrscht formal ein simpler Wechsel zwischen einem etwas kitschigen Streichersatz und zuckersüßen Klavierinterpolationen. Der Pianist legt sich kräftig ins Zeug und leuchtet die Extreme der Komposition bravourös aus.
Debargues Vielseitigkeit kommt dann auch in Mozarts Klavierkonzert und in den Zugaben zum Vorschein. Das Konzert KV 449, nicht zu verwechseln mit dem Konzert KV 482, das ebenfalls in der Tonart Es-Dur steht, erfreut sich bei den Pianisten keiner großen Vorliebe. Wenn man jedoch die Interpretation Debargues und des ZKO miterlebt hat, versteht man diese geringe Wertschätzung nicht. Die Musikerinnen und Musiker werden der Leichtigkeit, dem unangestrengten Fließen und dem melodischen Reichtum des Werks bestens gerecht und scheinen am Wechselspiel mit dem Solisten ihre helle Freude zu haben. Dieser zeigt sich in allen Sätzen als ein Meister der feinsinnigen, leichtfüßigen und differenzierten Gestaltung. Bemerkenswert die Kadenz des Kopfsatzes, die vermutlich eine Eigenimprovisation darstellt und den stilistischen Rahmen Mozarts überschreitet.
Genau in diese Richtung geht dann die Zugabe mit den von Debargues selber komponierten Alla-Turca-Variationen für Klavier und Orchester: einer fulminanten, stilistisch bis zu Jazzanklängen reichenden Musik über den dritten Satz von Mozarts berühmter A-Dur-Klaviersonate. Danach muss der Pianist das entfesselte Publikum mit einer Improvisation beruhigen, in der er nochmals eine andere Facette seiner Musikerpersönlichkeit offenlegt.

















