Er war einst das Enfant terrible der klassischen Musikszene. Geboren in Venezuela, musikalisch sozialisiert im Rahmen des Jugendprogramms El Sistema und als 18-Jähriger bereits Chefdirigent des Jugendorchesters Simón Bolívar, galt Gustavo Dudamel in Europa und den USA als junger Wilder aus Südamerika, als Revolutionär des verkrusteten Klassikbetriebs. Inzwischen ist der heute 45 Jahre alte Dirigent längst in den Betrieb integriert, steht dem Los Angeles Philharmonic Orchestra vor und wird in der Saison 2026/27 die Leitung der New Yorker Philharmoniker übernehmen.

An den Salzburger Festspielen dirigierte Dudamel, zum Abschluss der Ouverture spirituelle, die Symphonie Nr. 2 in c-Moll, die Auferstehungssymphonie, von Gustav Mahler. Und es zeigte sich schnell, dass er sein Temperament noch nicht verloren hat, wenn er auch nicht mehr der Spring-ins-Feld wie vor zwanzig Jahren ist. Als Klangkörper standen ihm im Großen Festspielhaus keine Geringeren als die Wiener Philharmoniker und der Wiener Singverein zur Verfügung. Gleich die eröffnenden Unisono-Blitze der Violoncelli und Kontrabässe, zackig und rasant gespielt, gaben einen Vorgeschmack darauf, was einen in den nächsten 80 Minuten erwarten würde. Im Vergleich mit anderen Dirigenten deutet Dudamel diese Symphonie äußerst temperamentvoll. Claudio Abbado selig dirigierte das Werk in seinen späten Jahren recht abgeklärt, Simon Rattle geht mit viel Temperament ans Werk, aber Dudamel betätigt geradezu den Turbolader. Was für ein Feuer! Was für Kontraste in diesem ersten Satz!
Die Wiener Philharmoniker machen alles mit und begeistern mit musikalischen Qualitäten, die ihresgleichen suchen. Die Streicher verschmelzen zu einem umwerfend homogenen Klang, die Solobläser sind Weltspitze, das Blech klingt selbst im Pianissimo noch astrein in der Intonation.

Nachdem der Eingangssatz sich an der oberen Grenze der zuträglichen Lautstärke bewegt hat, nimmt Dudamel die mittleren Sätze richtigerweise dynamisch zurück und setzt so die monumentalen Ecksätze zueinander in Beziehung. Das Andante moderato mit seinem etwas altväterisch anmutenden Tanzcharakter ist ein klarer Fall für die Wiener. Das Scherzo, die Instrumentalversion des Wunderhorn-Liedes Des Antonius zu Padua Fischpredigt, erzielt seine Wirkung in den Hauptteilen durch das hamsterrad-artige Drehen eines ostinaten Rhythmus, in den Einschüben durch Störungen und Gefährdungen dieser scheinbaren Ordnung. Mit dem Satz Urlicht setzt das vokale Element ein, vorerst in solistischer Form. Die russisch-schweizerische Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina füllt den Raum mit Volumen und trifft gleichzeitig den liedhaft-naiven Tonfall des Satzes ausgezeichnet.
Bis dann im Finale der Chor hinzutritt, dauert es gefühlt eine Ewigkeit. Dudamel holt aus den instrumentalen Vorbereitungsphasen ein Maximum an Spannung heraus: Wie in Beethovens Neunter nimmt das Orchester die Motive des Auferstehungs-Chors voraus, aus der Ferne (konkret aus Lautsprechern links und rechts) erklingen Bläserfanfaren wie aus dem Jenseits, ein Marsch treibt die Entwicklung voran, ein Flötensolo kündet von einer anderen Welt. Und die beiden Vokalsolistinnen beschwören die Bezwingung des Todes; die chinesische Sopranistin Ying Fang tut dies mit einer engelsgleichen Stimme. Und dann setzt der Wiener Singverein ein (Einstudierung: Johannes Prinz), a cappella und im vierfachen Piano, so dass einen der metaphysische Schauder ergreift. Die allmähliche vokal-instrumentale Steigerung in mehreren Wellen ist ebenso unwiderstehlich. Kurz vor Schluss betreten noch acht zusätzliche Trompeter und Hornisten die Bühne und führen die Massen zum ultimativen Höhepunkt, der bei den Worten „Aufersteh’n, ja, aufersteh’n wirst du, mein Herz, in einem Nu!“ erreicht ist.



















