Nicht alle Symphoniekonzerte des Lucerne Festival passen in gleicher Weise zum diesjährigen Motto „American Dreams“. Doch das Gastspiel des Metropolitan Opera Orchestra traf gewissermaßen den Nagel auf den Kopf. Zusammen mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra bildet das New Yorker Opernorchester die amerikanische Delegation unter den in Luzern auftretenden Spitzenorchestern. Und mit Yannick Nézet-Séguin stand gleich auch der Chefdirigent des Met Orchestra, wie es in der Kurzform heißt, am Pult. Als Sensation darf gewertet werden, dass die Mezzosopranistin Joyce DiDonato, die der Metropolitan Opera eng verbunden ist, zum allerersten Mal am Lucerne Festival singen durfte.

Joyce DiDonato und Yannick Nézet-Séguin © Manuela Jans | Lucerne Festival
Joyce DiDonato und Yannick Nézet-Séguin
© Manuela Jans | Lucerne Festival

Als Visitenkarte brachten die Gäste eine kurze Komposition von Missy Mazzoli mit, die zu den bekannteren Vertretern der jüngeren US-amerikanischen Komponisten zählt. Der Hauptteil des Konzerts mit Werken von Gustav Mahler erinnerte daran, dass dieser während seines New Yorker Engagements zwischen 1908 und 1911 mehrmals das Orchester der Met dirigiert hatte. 

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Künstlerisch ließ das Konzert keine Wünsche offen. Von der Programmwahl her muss allerdings bemängelt werden, dass Mazzolis Sinfonia (for Orbiting Spheres) nur gerade neun Minuten dauerte. Die Musik, die sich in der Vorstellung der Komponistin wie ein Planet um die Sonne bewegt, führt ein reiches Spektrum von statischen bis dynamischen Klängen in ganz unterschiedlicher stilistischer Beheimatung vor. Kurz, sie machte auf jeden Fall neugierig, mehr von der Komponistin zu hören.

Yannick Nézet-Séguin © Manuela Jans | Lucerne Festival
Yannick Nézet-Séguin
© Manuela Jans | Lucerne Festival

Die Kombination der Rückert-Lieder mit der Vierten Symphonie war ein Geniestreich der Programmierung: Beide Werke erhellen sich gegenseitig. Etwas zugespitzt kann man formulieren, dass der vierte Satz der Symphonie die Fortsetzung der fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert bildet. Bei der Besetzung der Singstimme muss man sich entscheiden, ob man eine jugendliche oder eine reife Sängerin wählt. Erstere würde für die drei ersten Lieder mit ihren Themen von Natur, Jugend und Liebe passen, letztere für das vierte und fünfte mit ihren existentiellen Themen. Joyce DiDonato vereinigt in ihrer Interpretation beide Seiten: Die bühnenerprobte Mezzosopranistin kann sich tatsächlich in die Rolle einer aufblühenden jungen Frau begeben, sie bringt aber auch die Reife und Erfahrung mit, die es insbesondere für das Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen braucht. Solche Stimmen muss man erst einmal finden!

Noch deutlicher treten die Qualitäten von Nézet-Séguin und seinem Orchester bei der Symphonie Nr. 4 in G-Dur zutage. Es gibt Dirigenten, die die Vierte als heitere Zwischenstation zwischen den Kolossen der Dritten und der Fünften deuten. Nézet-Séguin hat nichts Derartiges im Sinn. Gleich im ersten Satz führt er vor, wie die manchmal an Haydn gemahnende Heiterkeit nur eine Oberfläche darstellt, unter der Abgründe lauern. So forciert er die vielen Tempo- und Charakterwechsel, bevorzugt aufgeraute und grelle Klänge und spitzt insbesondere die Durchführung dramatisch zu.

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Joyce DiDonato © Manuela Jans | Lucerne Festival
Joyce DiDonato
© Manuela Jans | Lucerne Festival

Viele Überraschungen klanglicher und dynamischer Art bietet auch das Scherzo, dessen Ausdruckspalette vom Wiener Schmelz der Sologeige bis zu den beunruhigenden Zutaten der Holzbläser reicht. Sehr langsam und anfänglich völlig introvertiert nimmt Nézet-Séguin den dritten Satz, den er aber im weiteren Verlauf mehr und mehr aufheizt, bis dann im gewaltigen Orchesterausbruch im dreifachen Forte gewissermaßen das Tor zum Jenseits aufgestoßen wird. Klar, dieser Satz handelt vom Abschied von der Welt, und nicht zufällig zitiert Mahler in den Schlusstakten in den zweiten Violinen und den Bratschen den Anfang des entsprechenden Rückert-Liedes. Beim vierten Satz sind wir dann tatsächlich im Himmel, nicht so wie im Finale der Auferstehungssymphonie, sondern in einem märchenhaften Himmel, wie ein Kind sich ihn vorstellt. Di Donato, im Orchester neben der Harfe stehend, erzählt das Märchen erst lebhaft illustrierend, am Schluss aber in höchster Entrückung und Verzückung.

Wann wird ein Konzert zu einer Sternstunde? Subjektiv beantwortet: wenn dem Kritiker die Tränen kommen. Bei diesem Schluss sind sie mir tatsächlich gekommen. 

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