Ausverkauft! Eine bessere Reklame für eine Veranstaltung kann man sich nicht vorstellen. Der Hinweis auf der Website betraf das zweite Konzert der Berliner Philharmoniker am diesjährigen Lucerne Festival. Doch, so mag man sich fragen, benötigt dieses Orchester überhaupt Werbung? In Luzern ist es seit Jahrzehnten Stammgast, und viele Besucher halten die Berliner für das beste Orchester der Welt. Der Vorteil: Chefdirigent Kirill Petrenko kann auch mal eine Komposition jenseits des Kernrepertoires auf das Programm setzen, und die Leute kommen trotzdem ins KKL.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker © Priska Ketterer | Lucerne Festival
Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker
© Priska Ketterer | Lucerne Festival

So folgte denn auf Beethovens unsterbliches Violinkonzert mit dem Solisten Augustin Hadelich die wenig bekannte Symphonie Nr. 3 in c-Moll, Op.43 von Aleksandr Skrjabin. Dass das Werk wenig populär ist, hat zwei Gründe: Zum einen ist die 1904 vollendete Komposition ein Koloss in Riesenbesetzung, dessen drei ineinander übergehende Sätze die formale Orientierung erschweren. Zum andern hat Skrjabin (in den Worten seiner Geliebten Tatjana de Schloezer) der Symphonie einen theologisch-philosophischen Überbau verpasst, der schwer zu goutieren ist. Es geht um nichts Geringeres als um den Kampf des Menschen mit einer Gottheit, die ihn bevormundet, und der Entdeckung seiner eigenen geistigen Kraft, die ihn am Schluss selber gottähnlich werden lässt. Als Hörer kann man diesen Überbau natürlich negieren und die Symphonie einfach als grandioses Orchestergemälde genießen.

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Petrenko scheint die zweite Variante zu favorisieren. Jedenfalls feuert er die Klangmassen seines Orchesters nicht zu einer ultimativen Schlacht an. Die Kämpfe des ersten Satzes gestaltet er wohldosiert als Aufeinanderprallen der verschiedenen musikalischen Themen. Natürlich erscheint auch bei ihm das markante Posaunenthema des Anfangs, das sich als Motto (und Manifestation der Gottheit) durch den ganzen Satz zieht, als majestätisches Gebilde, aber es hat nicht wirklich einen bedrohlichen Charakter. Dosierung ist überhaupt ein Stichwort, mit dem sich Petrenkos Interpretation gut beschreiben lässt. Meisterhaft stimmt er die klanglichen Höhepunkte aufeinander ab, und häufig streckt er die linke Hand aus, um einzelne Instrumentengruppen zu bremsen.

Im Vergleich zu Vorvorgänger Claudio Abbado, der die großen Linien vorgab, und Vorgänger Simon Rattle, der einen sehr partnerschaftlichen Führungsstil zelebriert, ist Kirill Petrenko ein Kontrollfreak und ein Wirbelwind. Wenig andere Dirigenten geben so viele Einsätze und kümmern sich um derart viele Details wie er. Und ständig ist er in Bewegung, rudert mit den Armen, steht auf die Zehen und tanzt auf dem Podest herum. Diese Animationen scheinen beim Orchester gut anzukommen, jedenfalls setzt es sein Modellieren eins zu eins in Klang um. Nach dem konfrontativen ersten klingt der zweite Satz der Skrjabin-Symphonie in sinnlicher Schönheit, und der dritte entwickelt sich ganz unangestrengt zu einer Apotheose, bei der Petrenko das nach Dur gewendete Gottheit-Thema in den prächtigsten Farben leuchten lässt.

Augustin Hadelich mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern © Lena Laine
Augustin Hadelich mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern
© Lena Laine

Beethovens Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, Op.61 ist von allen Violinkonzerten das meistgespielte. Umso größer sind bei jedem Interpreten die Vergleichsmöglichkeiten. Augustin Hadelich, in diesem Sommer „Artiste étoile“ beim Lucerne Festival, gehört zu den zartbesaiteten (was für ein Ausdruck für einen Geiger!) Interpreten. Ausgestattet mit einem sensiblen Charakter und einer unaufdringlichen Virtuosität, überzeugt er durch absolute Authentizität. Indes gerät dabei der raumgreifende erste Satz zu wenig kraftvoll, zu verspielt.

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Ganz nach Hadelichs Geschmack ist dann das Larghetto, das er mit unnachahmlicher Delicatezza spielt. Bezüglich des extrem langsamen Tempos weiß man allerdings nicht, ob der Dirigent oder der Solist das so will. Spritzig und zugleich tänzerisch gerät das Rondo, bei dem Hadelich für das Filigrane, das Orchester für das Zupackende zuständig ist. Bei der Zugabe begeistert der Solist mit einer kühnen Bearbeitung von Schumanns Träumerei, bei der die Violine stets mehrstimmig geführt wird und am Schluss in höchste Höhen entschwebt.  

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