Ihr vorerst letztes Konzert vor der neuerlichen Schließung des Hauses eröffneten die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko mit Andrew Normans Sabina, der Bearbeitung des letzten Satzes seines Streichtrios The Companion Guide to Rome für Streichorchester. Der Komponist musikalisierte in dem Stück, wie in der Kirche Santa Sabina auf dem Aventin-Hügel in Rom das Sonnenlicht auf dem Marmorboden bricht. Fast unhörbar setzten die Streicher ein und steigerten sich zu immer weiträumigeren Arpeggien. Einzelne Motive stachen glitzernd  heraus. Das Licht verschwand allmählich. Davon, dass Norman das Lichterschauspiel bei einer Frühmesse beobachtete, zeugten Anklänge an einen Choral am Ende des Stücks.

Kirill Petrenko © Frederike van der Straeten
Kirill Petrenko
© Frederike van der Straeten

Mit den Metamorphosen von Richard Strauss folgte der erste Rückblick auf die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter Petrenkos Leitung erklang eine Musik, die voller Erinnerung ist. Motive waren hörbar, die sich umeinander rankten, nach Kontakt zueinander suchten, Kombination miteinander eingingen, die verdichtet, ja enggeführt wurden – und doch letztlich völlig einsam und ohne Beziehung für sich blieben. 23 Solostreicher musizierten mit Hingabe und blickten dabei gemeinsam auf eine Ruine: auf einen Sonatensatz, dessen Gehäuse keinen Halt mehr bot, weil es in sich zusammengebrochen war.

Aufkeimende Entwicklungen verebbten und die Orientierungspfeiler der Musik, z. B. die Aufhellung nach C-Dur, die Modulation nach Es-Dur  oder der Einsatz der Reprise, zeugten nur noch vage davon, dass mit derartigen Mitteln einst Prozesse gestaltet wurden, die auf ein gutes Ende zuliefen. Doch Strauss wollte die Kraft dazu nicht aufbringen, um künstlerisch zu gestalten, was im Leben nun nicht möglich war. Schwelgerische, oder larmoyante Töne ließ Petrenko in dieser Aufführung nicht zu. Hier klagte auch keiner mehr – hier schrieb einer gefasst und im Wissen darum, dass diese Art zu komponieren nach 1945 vorbei ist. Am Ende des Werkes erklang in den tiefen Streichern ein Motiv aus dem Trauermarsch der Eroica. Doch verhinderte ein verminderter Septimenakkord, den Beethoven selbst nicht gesetzt hatte, dass sich das Zitat in die Partitur einnisten konnte. Es wirkte wie ein Fremdkörper und ließ sich auch dann nicht in die Metamorphosen integrieren, wenn Strauss eines der Hauptmotive seiner Komposition von Beethovens Motiv abgeleitet hat.

Im letzten Werk dieses Abends richtete sich mit Schostakowitschs Neunter Symphonie der Blick auf die Seite der Sieger des Zweiten Weltkrieges. Doch was Stalin seinerzeit zu hören wünschte, konnte ihm der bedeutendste Komponist der Sowjetunion nicht bieten: den großen Triumph mit Chor und Orchester. Während ich dieser Musik lauschte, sah ich vor meinem inneren Auge Schostakowitsch auf dem Podium hin- und herlaufend „Zirkus, Zirkus“ vor sich hin murmeln – so wie es Zeugen berichteten, die den Proben zur Uraufführung beigewohnt hatten. Es erklang Musik aus der Manege, durchaus mit Slapstickeinlagen, etwa wenn Egor Egorkin auf der Piccoloflöte, von der kleinen Trommel angefeuert, das Seitenthema vortrug, das in der Reprise dann zur Marziale sich aufblies. Klagende Töne wurden im zweiten Satz hörbar. Doch ganz ohne Ironie breiteten Dirigent und Orchester den Danse macabre nicht aus, bevor dann das Scherzo durch den Saal fegte. Erst im vierten Satz erklangen erstmals düstere Töne im schweren Blech, wie aus den Katakomben der Bilder einer Ausstellung herbeizitiert. Stefan Schweigert spielte im Solofagott ein Rezitativ vor, das mich das Baritonsolo aus Beethovens Neunter assoziieren ließ: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere!“ Das Blech forderte abermals, der Toten zu gedenken, statt den Sieg zu feiern. Vergebens. Aus dem Rezitativ entwickelte das Fagott das Giocosothema des letzten Satzes. Petrenko und sein Orchester hatten sichtlich Spaß, diesen Galopp zu reiten, bis dann zu Beginn der Reprise alle Instrumente in einer inszenierten Eintracht als Parade zu marschieren hatten.

Der Beifall war groß und doch auch beklommen. Wann werden wir solche Konzerte wieder hören?

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