Als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra ist Sakari Oramo längst zu einem der wichtigsten Vertreter seines Berufs im Vereinigten Königreich geworden. Nicht zuletzt die regelmäßigen Dirigate der First oder Last Night of the Proms haben ihn zu einem Klassikstar avancieren lassen. In Deutschland ist Oramo allerdings eher noch ein unbeschriebenes Blatt, was vielleicht auch daran liegt, dass er nicht so sehr das Rampenlicht sucht wie einige seiner Kollegen. Beim Mozartfest in Würzburg trat er nun mit seinem anderen Orchester an, dem finnischen Ostrobothnian Chamber Orchestra, und widmete sich Werken, die auf den ersten Blick eigentlich gar nichts mit Mozart zu tun haben.

Sakari Oramo © Benjamin Ealovega
Sakari Oramo
© Benjamin Ealovega

Die Werke von Grieg, Tschaikowsky und Rautavaara haben aber alle auf eine andere Weise einen Bezug zum Österreicher. Aber auch Mozart durfte natürlich nicht fehlen, der mit seinem Dritten Hornkonzert den einzigen Beitrag zum Programm besteuerte, der über eine reine Streicherbesetzung hinausging. Die Besetzung mit Klarinetten und Fagotten statt der üblichen Oboen und Hörner war zu Mozarts Zeiten durchaus ungewöhnlich und klangtechnisch bereits ein Vorgriff auf die bevorstehende Romantik. Über den durchlässig modellierten Orchesterklang schwebte Solist Radovan Vlatković mit weichem, differenziertem Klang. Egal ob in den elegischen Linien der ersten beiden Sätze oder im Rondo mit Jägerfanfare, mit seinem sanglichen Spiel und den feinen Dynamikabstufungen präsentierte Vlatković das fröhliche Konzert als jugendlich frisches Mozartjuwel.

Bereits zuvor hatte das Orchester mit Griegs Suite aus Holbergs Zeit die nordische Musik mit hellen aber dichtem Klang erkundet. Besonders das Air, das Grieg als Andante religioso bezeichnete, gestaltete Oramo fernab von sakralem Prunk, sondern klar und mit großer musikalischer Tiefe. Den herben Streicherklang setzte Oramo mit dezenten Mitteln in szenische Klangfarben mit lyrischer Erzählkraft um.

Warum aber Oramo immer noch nicht in einem Zug mit den Superstars der Dirigentenszene – Rattle, Dudamel oder Nézet-Séguin – genannt wird, ist unbegreiflich, vor allem, wenn man Zeuge der zweiten Hälfte des Programms wurde.

Mit Pelimannit (The Fiddlers) hatten die Finnen eine fünfsätzige Suite ihres Landsmanns Rautavaara dabei, die ursprünglich 1952 noch zu Studentenzeit von Rautavaara für Klavier komponiert wurde und eine Hommage an das skandinavische Fiedelspiel ist. Die rustikalen, widerborstigen Miniaturen musizierte das Ostrobothnian Chamber Orchestra so grotesk überdreht und energetisch, dass man das Gefühl hatte, sie wollten mit der bodenständigen Ausgelassenheit eigenhändig den Stuck und Prunk von den Wänden des Kaisersaals der Würzburger Residenz kratzen.

Der Geniestreich gelang Oramo schließlich mit der Streicherserenade in C-Dur von Tschaikowsky, die bereits in den optimistischen, selbstbewussten Akkorden die emotionale Intensität andeuteten, mit der Oramo das Werk anging. Die klangliche Dichte, die er über die ausladenden Melodien des ersten Satzes spannte, kontrastierte hervorragend zum leichten, tänzelnden Walzer, der schon kurz nach der Uraufführung der Serenade zum Hit avancierte.

Die schattigere Elegie sangen die Streicher bis ins letzte Detail konsequent aus und fesselten mit ihrem Gespür für die dramatische Struktur der Partitur. Ebengleiche Sogkraft entwickelte schließlich auch das Finale, das mit messerscharfen Bogenstrichen und unbändiger Kraft noch einmal das Eingangsthema aufgriff und zur großen Apotheose steigerte.

Solche musikalische Kraft und Begeisterungsfähigkeit können nicht viele Dirigenten aus einem Klangkörper holen. Oramo kann das und schenkte dem Mozartfest ein Programm, dass die Zuhörer mit elektrisierender Kraft zurückließ.

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