Der Komponist? Heute quasi unbekannt! Das Werk? Fast 300 Jahre lang in Vergessenheit geraten! Die Spielzeit? Fast 4 Stunden! Die Besetzung? Trotz diverser Frauenrollen, nur Männer! Wer aktuell in den Spielplan des Theaters an der Wien schaut und dort die Opera seria Alessandro nell’Indie von Leonardo Vinci erblickt, wird wohl nicht erwarten, dass einem hier das Wiener Opernhighlight des Jahres entgehen könnte. Aber genau diese Meisterleistung gelingt Max Emanuel Cencic mit dieser Ko-Produktion. Auch fünf Jahre nach der Premiere beim Bayreuth Baroque Opera Festival präsentiert sich seine Inszenierung noch genauso frisch und unterhaltsam wie am ersten Tag.

Das Libretto stammt von Pietro Metastasio und hat die Komplexität eines nicht enden wollenden Schachtelsatzes. Am Fluss Hydaspes steht Alexander der Große auf seinem Indienfeldzug vor der Entscheidungsschlacht. Aber eigentlich geht es um Verrat, Intrige, Lüge, Liebschaften und Kleidertausch, während der siegreiche Mazedone gefühlt bei jedem Szenenwechsel zeigen kann, wie tugendhaft und gutmütig doch so ein Herrscher sein kann.

Dazwischen gibt es zwei Dutzend Arien, die durch Allegorien derart verklausuliert sind („Auch ohne Stürme verirrt sich der Steuermann, der unbesorgt am Bug den Tag verschläft“), dass offensichtlich selbst die päpstliche Zensur nichts auszusetzen hatte.

Cencic verfrachtet dieses sperrige Konstrukt ins Innere des Royal Pavillons in Brighton, wo sich rot-goldene Vertäfelungen im Mogulstil türmen. Der Titelheld markiert im Regency Style Gehrock sein neues Revier, während zwei englische karikatureske Gentlemen mit langen Nasen und gepuderten Perücken durch die Handlung führen. Der indische Teil des Ensembles steckt in Strass-verkrusteten Bollywood-Kostümen, die auch noch bis in die letzte Reihe funkeln.

Überhaupt wird nicht mit männlichen und weiblichen Reizen gegeizt – überdimensionierter Plastikbusen, Dekolletés bis zum Bauchnabel und verführerische Beinschlitze, soweit das Auge reicht. Überraschend auch: Heute wie damals zur Uraufführung im römischen Teatro delle Dame, steht nicht eine einzige Frau auf der Bühne. Was 1730 noch Kastraten waren, sind heute zwei Sopranisten und drei Countertenöre. Nur ein einziger Tenor sorgt für etwas Testosteron auf der Bühne. Selbst die Tänzer mussten sich Plastikbusen umschnallen, um in den Harem hereingelassen zu werden. Und genau diese überbordende Fülle an Farben, Stoffen und Eindrücken macht Cencics Inszenierung zum Geniestreich.

Wenn etwa zum Ende des ersten Aktes der vermeintlich düpierte indische König Poro gut zehn Minuten auf der Bühne seine „eifersüchtige Wut“ mit schier endlosen Läufen koloriert, dann könnte dies wohl selbst dem barockophilsten Menschen zu viel Sitzfleisch abverlangen. Cencic aber lässt kurzerhand Dirigentin Martyna Pastuszka in einem ponchoartigen Seidenmantel auf die Bühne huschen.

Von der Rampe aus begleitet sie den liebestollen König an der Geige und schon wird der barocke Allgemeinplatz zum außergewöhnlichen Happening. Auf ähnliche Weise wird das dürftige Skelett jeder der folgenden Da-Capo-Arien aufgewertet. Ein Team aus zehn Tänzern sorgt immer wieder in fantastischen Kostümen, mal mit Puppen und mal mit Masken, für Abwechslung im Hintergrund.

Nun ließe sich sicherlich anmahnen, dass Cencic mit dieser Inszenierung die eigentlich zutiefst ernste Oper rund um Krieg und Intrige ins Lächerliche zieht. Wenn der König auf einem Fahrrad in Elefantenform vorfährt, oder wenn Poro und Cleofide im Duett ihre Reprisen nutzen, um Mozart-Arien zu zitieren, dann wird das Drama unweigerlich zur Komödie. Einen gigantischen Goldphallus als Tribut hätten die meisten im Publikum bei der Lektüre des Librettos wohl auch nicht erwartet.

Wenn dieser Ansatz am Ende des Abends aber zu Standing Ovation führt, wenn das Publikum so energisch applaudiert, dass Chor und Orchester zu einer Zugabe anstimmen, dann muss es selbst dem schärfsten Kritiker schwerfallen, einen Fehler zu finden.

Der frenetische Applaus gilt an diesem Abend aber insbesondere auch den formidablen Sängern. Allen voran sicherlich Bruno de Sá als Königin Cleofide, der nicht zuletzt mit seiner zutiefst berührenden Arie „Digli ch’io son fedele“ die Grenzen klassischer Gesangsfächer sprengt, und vom tosenden Szenenapplaus sogar auf die Bühne zurückgeholt wird. Jake Arditti besticht als ruhige und besonnene Erissena mit eher dunkleren Tönen, während Stefan Sbonnik als Gandarte tapfer als einziger Tenor gegen die stellaren Höhen seiner Kollegen ansingt.

Dennis Orellana zeigt seinen König Poro meist von der zarten, zerbrechlichen Seite, während Maayan Licht als Alessandro quirlig und experimentierfreudig durch nicht enden wollende Koloraturen gleitet. Aufpassen muss der Sopranist bisweilen, dass er nicht zu seiner eigenen Karikatur wird. Gleichzeitig kann nicht abgesprochen werden, dass hemmungslosen Übertreibungen, etwa wenn er im ersten Akt in einem Koloratur-Wetterstreit mit einer Trompete im Graben tritt, den eigentlichen Reiz dieser Aufführung ausmachen.

Wider den Erwartungen, sind es genau diese Noten und Improvisationen, die nicht in der etwas betagten Partitur stehen, die diese Inszenierung so authentisch rüberkommen lassen. Das nahtlose Zusammenspiel mit dem {oh!} Orkiestra Historycznai ist da nur der letzte Funkelstein in der Krone. Wer es noch nicht gesehen hat, sollte sich dieses barocke Spektakel vom Allerfeinsten nicht entgehen lassen. Vier Stunden haben sich noch nie so kurz angefühlt!




























