Auch wenn Johann Sebastian Bach persönlich nie in Ansbach war: seit 1948 ist die Bachwoche dort ein Treffpunkt von Bach-Enthusiasten, die nach dem Krieg einen unversehrten Spielort suchten. In der romantischen Kleinstadt, Sitz der Regierung von Mittelfranken und Knotenpunkt wichtiger Eisenbahnstrecken, stießen sie in beeindruckenden Hauptkirchen und in der barocken Residenz auf prachtvolle Räumlichkeiten sowie eine gastfreundliche Stadt und Musikszene. War das neue Festspiel anfangs noch streng auf Bachsche Kompositionen ausgerichtet, aber bereits damals durch hervorragende Interpreten wie Ferdinand Leitner, Ludwig Hölscher oder Karl Richter geprägt, hat sich die alle zwei Jahre stattfindende Bachwoche nun inhaltlich weitgefasster aufgestellt. Junge Künstler und Preisträger internationaler Wettbewerbe bringen geradezu „unerhörte“ Klänge zwischen Bachs Orgeltoccaten oder Cellosonaten: in diesem Jahr beispielsweise der Trompeter Simon Höfele oder der Perkussionskünstler Simone Rubino.

Jörg Halubek und Il Gusto Barocco © Bachwoche Ansbach | Hans von Draminski
Jörg Halubek und Il Gusto Barocco
© Bachwoche Ansbach | Hans von Draminski

Jörg Halubek und sein Ensemble Il Gusto Barocco hatten bereits 2015 einen szenischen Kantatenabend in Ansbach vorgestellt. Als Kammermusik-Ensemble mit gemeinsamer Liebe zu historischen Instrumenten vergrößern sie den Kreis der beteiligten Instrumentalisten je nach Konzertprojekt. 2019 haben sie schon Monteverdis Marienvesper am Mannheimer Nationaltheater in der Regie von Calixto Bieito aufgeführt, in Ansbach firmierten sie nun als Orchestra in Residence, das beim diesjährigen Musikfest-Motto „Avec plusieurs instruments“ besonders umfangreiche Aufgaben bei einer Reihe von weltlichen Kantaten und Konzerten „mit mehreren Instrumenten“ zu lösen hatte, so auch im Brandenburgischen Konzert Nr. 2 F-Dur.

Bach hatte die Sammlung dieser Konzerte noch zu seiner Zeit als Köthener Hofkapellmeister im Auftrag des Kurfürsten Ludwig von Brandenburg geschrieben. Er wählte durchaus ausgefallene Besetzungen in der Concertino-Gruppe, die oft einzigartig in der Musikgeschichte sind; er schrieb die Konzerte zumeist in dreisätziger Form, ohne die damals noch üblichen Tanzsätze ins Werk einzufügen. Für die Stücke erhielt Bach vermutlich kein Honorar, vielleicht hat der Kurfürst sie nicht einmal aufführen lassen, da die Solisten von Ludwigs Hofkapelle nicht genügend ausgebildet waren. Im Zweiten Konzert besteht die Concertino-Gruppe aus Naturtrompete (Tromba), Flöte, Oboe und Violine; in Ansbach schafften es Frans Berglund, Janine Janker, Georg Fitz und die Konzertmeisterin Anais Chen, neben aller spieltechnischen Perfektion gerade den schwierigen klanglichen Ausgleich zwischen zarter Blockflöte und herausstechender Trompete auszuformen. Es entwickelte sich ein straffes Wechselspiel zwischen den Solisten und dem Orchester, das (bis auf die Celli) hier stehend spielte, von Jörg Halubek mehr als Maestro al Cembalo denn Dirigent mit nur wenigen Gesten angeleitet. Leider kämpfte Frans Berglund immer wieder mit den Tücken der Naturtrompete, die wegen des Fehlens von Ventilen nur die Naturtonreihe angelegt hat und bei schnellen Läufen nicht immer tonrein ansprach. Im zügig vorgetragenen Andante gefiel das Instrumental-Terzett (ohne Trompete) über dem flüssigen Generalbass von Cello und Cembalo. Mit vorsichtigerem Ansatz gelang der fanfarenhafte Einstieg ins hurtige Final-Allegro überzeugender.

amarcord © Bachwoche Ansbach | Hans von Draminski
amarcord
© Bachwoche Ansbach | Hans von Draminski

Im großen hallenartigen Saal der Orangerie am Hofgarten taten sich die Instrumentalisten schwer, die eher intime Gestaltung ihrer Partien im ganzen Raum vollkommen anklingen zu lassen. Gerade im hinteren Saalabschnitt gingen manche gestische wie musikalische Details verloren. Zu Beginn des Konzerts Nr. 4 G-Dur hatte das Orchester nochmals intensiv gestimmt, um die Einflüsse der sommerlichen Temperaturen zu mindern. Das Concertino bilden nun Violine und zwei Flöten, deren Part im Andante oft mit Echoeffekten spielt. Hier überzeugte Anais Chen wiederum in virtuoser Beweglichkeit und gehaltvollem Aufblühen ihres Geigentons im Solopart, Janine Janker und Georg Fritz prägten das Konzert mit purer Spielfreude und sensibel differenziertem Ausdruck. Das vom Ensemble bravourös vorgetragene Presto mit seiner beeindruckenden fünfstimmigen Fuge blieb auch wegen seines tänzerischen Anstrichs neben formaler Raffinesse als brillanter Schluss im Gedächtnis!

Zusammen mit dem um hohe Stimmen erweiterten Vokalensemble Amarcord aus Leipzig nahmen sich die Künstler dann eine eher unbekannte Seite des großen Thomaskantors vor: eine der für das gesellschaftliche Leben in Leipzig verfassten weltlichen Kantaten Bachs, die er anlässlich der Amtseinführung des Universitäts-Juristen Gottlieb Kortte geschrieben hatte. Das gewissermaßen zum Doppelquartett vergrößerte Vokalensemble schmückte im prunkvollen Eingangschor (eines unbekannten Textdichters) das Herbeilocken der lüsteren Hörer aus: „frohlockende Töne, rollender Paukenknall, vermehrerter Schall“ wurden im Dramma per Musica Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten vielfarbig ausgemalt. Das Vokalquartett (Anna Kellnhofer, Stefan Kunath, Robert Pohlers, Holger Krause), als Allegorie von Glück, Dankbarkeit, Fleiß und Ehre, konzertierte im bilderreichen, teils undurchschaubaren Arientext der Huldigungsmusik virtuos mit den Orchestersolisten; nur der in der Höhe flach wirkende Altus von Stefan Kunath blieb blass, ein weiblicher Alt hätte womöglich mehr Stimmkraft beim Einätzen von Korttes Ruhm „in härtesten Marmor“ aufbringen können. Mitreißend furios das Finale „Kortte lebe, Kortte blühe“, dessen überbordender Lobgesang mit Trompetengeschmetter, melodiös perlenden Flötenläufen und festlichem Streicherglanz den geehrten Kortte imposant über die Schar der Neider triumphieren ließ.

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