Karneval und Klassik, Klassik und Unterhaltungsmusik – dass diese Elemente nicht in Widerspruch stehen, sondern eine so unterhaltsame wie musikalisch hochkarätige Einheit eingehen können, zeigte Blechschaden, das Blechbläserensemble der Münchner Philharmoniker, anlässlich des Faschingskonzerts im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens. Ein buntes Programm aus klassischen Hits wie Bachs Toccata für Orgel in d-Moll und modernen Popsongs wie etwa Norwegian Wood der Beatles sorgte für beschwingte Stimmung, in der Karnevalisten ebenso wie Liebhaber klassischer Konzerte auf ihre Kosten kamen. Besonders spannend erwies sich dabei die direkte Konfrontation von modern und klassisch in einzelnen Arrangements.

Blechschaden © Ulrich Haas
Blechschaden
© Ulrich Haas

Musik aus der Krimiserie Peter Gunn eröffnete stimmungsvoll das Konzert; Bob Ross, der Dirigent der Gruppe, stellte sich als Büttenredner vor und führte mit Witz und Humor durch das Programm. Dass das Ensemble eine Einheit aus Klassik und Unterhaltungsmusik versuchen würde, dass hier scheinbar unüberwindbare Gräben überbrückt werden würden – man denke an Leslie Fiedlers Wahlspruch „cross the border – close the gap“ – wurde schon mit dem nächsten Titel deutlich: Monteverdis Ouvertüre zu Orfeo, eine der ersten Opern überhaupt. Monteverdi und Karneval, fragte man sich, wie würde das zusammenpassen? Das tiefe Blech begann mit dem tiefen, fast geräuschhaften Eingangsakkord, auf dem die Trompeten fein artikuliert jene kreisende, skandierte Melodie anstimmten, mit deren Klangcharakteristik Monteverdi die Tiefen der Unterwelt nachzeichnet. Die so überzeugend dargestellte musikalische Dramatik jedoch brach jäh auf. Es war ein plötzlich wahrnehmbarer, flotter Rhythmus des Schlagzeuges, der ankündigte, dass hier nicht mehr Monteverdi allein zu hören war. Posaune und Piccolotrompete mischten schließlich Motive des bekannten Tiger Rag ein und transformierten so gekonnt die dramatische Opernouvertüre in einen unterhaltsamen Jazzhit, der ebenso plötzlich abbrach, wie er begonnen hatte.

Einer der Höhepunkte des Abends war die beeindruckende technische und musikalische Leistung der  beiden Trompeter Bernhard Peschl und Guido Segers in den Concertino-Partien des Concerto grosso HWV 318 von Georg Friedrich Händel. Eigentlich für Streichinstrumente komponiert, stellen die virtuosen Läufe der solistischen Concertino-Passagen eine veritable Herausforderung für Blasinstrumente dar. Beiden Trompetern gelang eine saubere Artikulation der Läufe und Figurationen bis in die höchsten Lagen – das Tutti beantwortete diese dialogartig und überwiegend präzise. Klangschön waren auch die ausgedehnten Vorhaltspassagen, die den ruhigen Gegenpol zu den bewegten Läufen darstellten.

Ebenso wie klassische Arrangements standen auch Werke der traditionellen Blasmusik wie der Kameradschaftsmarsch, Tanzwerke wie Astor Piazollas Libertango oder Rockstücke wie das bereits erwähnte Norwegian Wood der Beatles auf dem Programm. Als karnevalistischer Gag gemeint war wohl das Elvis-Medley im Arrangement von Kullmann. Hier übernahm der Schlagzeuger Arnold Riedhammer die Gesangpartie. Laienhaft bisweilen rau klang seine übertrieben verstärkte Stimme; nichtsdestoweniger gelang es ihm, das sonst eher zurückhaltende Publikum mitzureißen und zum Schmunzeln zu bringen.

Wer nun dachte, dass die Mischung aus Klassik, Pop, Rock, Jazz, Tango, traditioneller Blasmusik und Gesang nicht mehr zu übertreffen sei, wurde mit Gershwins I got rhythm im Arrangement Janottas eines Besseren belehrt. Dieser so bekannte Jazztitel aus dem Musical Girl Crazy fand sich kombiniert mit Motiven aus Peter Tschaikowskys Vierter Sinfonie, mit den Eingangsmotiven aus Richards Strauss' Also sprach Zarathustra und Passagen aus dessen Till Eulenspiegel, mit Läufen des Trompetenkonzerts Johann Nepomuk Hummels, mit Elementen einer Bach-Fuge und schließlich mit Musik der Muppet Show. Umso erstaunlicher war es festzustellen, dass diese disparaten Elemente sich in ein geniales Musikstück zusammenfanden, in dem ein jeder Freude daran fand die einzelnen Zitate zu erkennen.

Verbindendes Element war das stets in tiefster Lage von der Tuba vorgetragene viertönige I got rhythm-Motiv, das vom tiefen Blech aufgegriffen wurde und in das sich die Motive der anderen Werke hineinmischten. So schienen die Eingangsakkorde aus Also sprach Zarathustra genauso homogen aus dem Werk Gershwins hervorzugehen wie die meisterhaft von den Trompeten artikulierten Sechzehntelläufe der Bach-Fuge. Die Kluft zwischen Klassik und Unterhaltungsmusik war hier überzeugend überbrückt. Nicht im Widerspruch standen die verschiedenen Elemente, sondern vereint in einem musikalischen Ganzen und doch erkennbar in ihrer individuellen Charakteristik.

Ganz im Sinne dieses Konzeptes verabschiedete sich das Ensemble vom Publikum mit einer Reihe von Zugaben, von denen die spektakulärste der auf Gartenschläuchen geblasene Triumphmarsch aus Giuseppe Verdis Oper Aida war. Lange und kurze Gartenschläuche erlaubten ein Spiel in unterschiedlichen Tonbereichen genauso wie auch die Verwendung als Spielzeug, etwa wenn dieses „Instrument“ kurzerhand als Lasso verwendet wurde. Ironie und Witz, Verbindung von klassisch und modern, von Gewohntem und Ungewöhnlichem, und ein scheinbar unendlicher Ideenreichtum – all dies erlaubte einen neuen und spannenden Blick auf Musik, die man eigentlich zu kennen glaubte und hier doch ganz neu erleben durfte.

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