Die Münchner Philharmoniker lassen unter ihrem aktuellen Chefdirigenten Valery Gergiev die lange Bruckner-Tradition des Orchesters mit einer Kompletteinspielung der Symphonien wieder aufleben und nicht zufällig tummeln sich zu Beginn der neuen Saison gleich mehrere Symphonien des Linzers auf dem Programm. Am Freitag setzten die Philharmoniker Bruckners monumentale Achte aufs Programm, die mit ihren achtzig Minuten Aufführungszeit bei ihrer Erstaufführung neue Maßstäbe für das symphonische Genre schuf.

Valery Gergiev
© Alberto Venzago

Gergievs Brucknerinterpretationen mit dem Orchester waren in den vergangenen Spielzeiten sicherlich nicht unumstritten, waren sie doch meistens eher eine Suche. Mit der ausschweifenden, dramatisch intensiven Symphonie gelang Gergiev allerdings eine spannende Interpretation, die fernab von kathedralem Übermaß und mystischem Nebel lag. Dunkel tönten die Philharmoniker, die mit großem Streicherapparat, zehn Kontrabässen und den vorgesehenen drei Harfen den Platz auf der Bühne der Philharmonie knapp werden ließen. Die Musiker wirkten klanglich geschärft und als Ergebnis belohnten sie das Publikum mit luxuriösem, geschliffen homogenem Klang.

Bereits die tastenden ersten Takte des Allegro moderato hatten bei Gergiev mehr handfesten Charakter – ein Ansatz, der sich in der interpretatorischen Gesamtschau als durchaus schlüssig erwies. Gergiev interessierte sich mehr für die dramatischen Umbrüche der Symphonie, die er schroff, bisweilen erbarmungslos abreißen ließ. Saftige Klangströme gehörten in dieser Interpretation ebenso dazu wie kernige Blechchoräle. Kein Wunder also, dass diese Achte passagenweise Assoziationen zu Richard Wagner hervorriefen. Mit fast zärtlicher Zurückhaltung endete der erste Satz schließlich in den Streichern.

Im zweiten Satz, dem Scherzo, agierten die Philharmoniker sehr agil und gleichzeitig mit rustikalem Charme. Die kreisartigen Repetitionen des Themas führte Gergiev mit konsequenter Stringenz fort und stellte das Trio mit kammermusikalischer Transparenz heraus.

Das ausschweifende Adagio bildete für Gergiev das Herzstück der Symphonie und gerade hier stellte er die Erhabenheit der Musik mit ihrer warmen Harmonik hervor. Laut dem Bruckner-Schüler Joseph Schalk werde man im Adagio (nicht wirklich authentisch) dem all-liebenden Vater der Menschen in seiner ganzen, unermesslichen Gnadenfülle gewahr. Gergiev siedelte seine Interpretation dahingegen mehr im Irdischen an. Auch hier differenzierte Gergiev nicht allzu stark in der Dynamik, sondern setzte vielmehr auf den Fluss der Musik. Das Orchester wirkte klanglich dicht, die Harfen stachen kaum aus dem Klang hervor; das große Ganze stand im Mittelpunkt. Große Linien hervorgerufen durch große Gesten spannten den dramatischen Bogen des dritten Satzes, der so konsequent auf das strahlende Dur hinarbeitete, dass der darauffolgende resignative Zusammenbruch in dieser Interpretation umso intensiver nachklang.

Das Finale marschierte schließlich in raschem Tempo und viel dunklem Blech. Die Philharmoniker spielten sehr detailreich und gleichzeitig sehr zwingend. Gergiev ließ das Orchester durchaus kraftvoll spielen, dennoch ging die farbige Vielfalt, die die Philharmoniker bereits den gesamten Abend gestalteten, keineswegs verloren. Das gipfelnde Finale strahlte, bevor Gergiev es schließlich ohne Verzögerung abreißen ließ. Der Effekt war unmittelbar und gestattete der Musik einige Sekunden nachzuwirken, bevor der Applaus einsetzte.

Ganz große Offenbarungen konnte Gergiev mit seiner Interpretation der Achten zwar nicht schaffen, dennoch war sein dramatischer Ansatz durchaus interessant. Große Bögen, Detailreichtum und der satte Klang der Münchner Philharmoniker erzählten von der intensiven Arbeit, die das Orchester und Gergiev in ihr großes Brucknerprojekt gesteckt haben.

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