Gleich vier außerordentliche Premieren werden dem Kölner Publikum an diesem Abend dargeboten. Noch nie spielte das Gürzenich-Orchester Ravels ursprünglich für Klavier geschriebene Valses nobles et sentimentales. Zweites und noch spektakuläreres Novum: die Eroberung Vaughan Williams’ Sechster Symphonie in e-Moll. Das Violinkonzert in d-Moll von Britten erklang auch erst einmal in der rheinischen Philharmonie: 1993, mit Ida Haendel. Für die chinesische Violinistin Tianwa Yang ist es die erste Begegnung mit diesem Orchester, das ebenfalls zum ersten Mal Nicholas Collon mit inspiriertem Taktstock führt. Beiden gelingt ein außerordentliches Kölner Debüt in einem intelligent konzipierten und anspruchsvollen Programm von tiefer Dramatik und Emotion.

Nicholas Collon © Benjamin Ealovega
Nicholas Collon
© Benjamin Ealovega
Die Orchesterfassung der Valses nobles et sentimentales ist ein feuerwerkartiges Beispiel für die Fähigkeit Ravels, seinen eigenen Kompositionen einen vollkommen neuen Charakter zu verleihen. Wer diese acht Walzer in der Konzertsuite-Fassung (1912) hört, kann sich nur schwer vorstellen, dass sie original einem einzigen Instrument zugeschrieben waren. Das karnevalserfahrene Publikum schätzt im ersten die Farbenvielfalt und Rhythmik; der langsame zweite wirkt durch sein sehr gefühlvolles Flötensolo bestechend weltvergessen. Kokett eröffnet die Oboe den dritten Tanzreigen über den Pizzicati der Streicher, dann ergießen sich Klangwellen von der Harfe bis zum Becken über den Saal. Mit Nicholas Collon am Steuer würde man auch gerne den Wiener Opernball eröffnen, nachdem man seine Interpretation des schubertschen Erbes im „fast langsamen“ fünften Walzer gehört hat: eine echte kleine Viennoiserie mit soviel rubato und portamento wie nötig, um vom Parkett der Philharmonie abzuheben. Die Bandbreite der Nuancen ist ausgezeichnet in den beiden folgenden Tänzen, aber der Epilog ist noch einmal eine Klasse für sich: Seine Melancholie mündet in ein subtiles Decrescendo, das eine Richtlinie für die Finale der anderen beiden Programmpunkte setzt.

Die sportlich auf die Bühne tretende Tianwa Yang ist mit einer ganz besonderen Energie gesegnet, die in Brittens sich mittlerweile zu einem Klassiker des Violinrepertoires entwickelnden Konzert in d-Moll (Op.15) auch eine conditio sine qua non ist. So manches Mal glaubt man, sie wird aufstampfen; ihr dann zwar gemäßigt aufsetzendes Bein lässt dennoch die Kraft eines jungen Fohlens erkennen, das sich in diesem virtuosen ersten Satz richtig austoben kann. In den eher lyrischen Momenten gleicht ihr gleichzeitig schwereloses und intensives Vibrato dem Flügelschlag eines Kolibris – bevor sie dann doch wieder mit dem Bogen ausholend in den virtuosen Kadenzen zum Florettfechten im Diskant ansetzt.

Im Vivace laufen Fagott und Violine um die Wette, während der Rest des Orchesters zur Großwildjagd bläst: die Dramatik dieses Satzes ist unüberhörbar. Die Geige tanzt jetzt auf einer Rasierklinge, so klingt die von Tianwa Yang erzeugte Spannung auf den Saiten. Die Piccolo-Flöten übernehmen zwitschernd den Kolibri-Part, den die Tuba kontrastiert. Der chromatische Aufstieg der Hörner gipfelt in einem gewaltigen Forte des gesamten Orchesters – aus dessen piano subito nur noch die Solistin hervorgeht, die in ihrer Kadenz jetzt alle Register zieht. Erstaunliche, dissoziierende Doppelgriffe entlocken ihrer Guarneri del Gesù-Geige einerseits einen immer noch gespannten Dauerton mit dem Bogen, während die linke Hand das charakteristische rhythmische Motiv des Werks wie magisch gleichzeitig hervorzaubert.

Die homogenen Posaunen leiten die finale Fuge der Passacaglia ein und singen in diesem Schlussteil oft einen Cantus firmus, um den herum sich Violine und Orchester weiterentwickeln. Britten verblüfft immer wieder: Plötzlich tanzen Geige und Flöte Walzer und knüpfen an Ravel an. Dann verstummt auch dieses Werk, und die Philharmonie liegt Tianwa Yang nach einem fulminanten Debüt zu Füßen, das sie um zwei großzügigen Zugaben erweitert: Ebenso intensiv und virtuos wie zuvor Britten, und schließlich eine langsame, folkloreartige Kantilene piano sostenuto.

Der Einstieg in Vaughan Williams Sechste Symphonie in e-Moll ist ein hochdramatisches Unisono unter Paukenwirbel, das sich dann langsam auffächert und eine nie nachlassende Spannung erzeugt. Nicholas Collon arbeitet auch die bunten Einsprengsel in die geladene Grundstimmung fein aus, wie die Zirkusmusik, in der schwere Elefantenfüße taumeln. Das zweite, lyrische Thema verweben die Streicher auf Harfengrund. Dann Filmmusik: Wie eine lange Planwagenkarawane scheint das Orchester in den amerikanischen Westen zu ziehen. Diese kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Musik zeigt aber auch ihre Aggressivität, die sich in Maschinengewehrsalven oder Bombengrollen ähnlichen Passagen entlädt. In sehr ungewöhnlichen Soli verzaubern Xylophon oder Tenorsaxophon, die seltene Gelegenheit erhaltend, sich in symphonischem Rahmen zu äußern. Das in plötzliche Stille hineinsingende Englischhorn lockt die anderen Stimmgruppen herbei, und epische Kraft und Breite schafft sich erneut Raum. Seltsam verklingt diese Sinfonie: Der meisterhaft dirigierende Nicholas Collon vergleicht in der Werkseinführung das minutenlang schwebende Piano mit der gespensterhaften Atmosphäre nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima. Und er mag Recht haben mit seiner subtilen Interpretation eines Werks, das wie die zwei vorhergehenden in einem Gänsehautpiano endet. Die Musik stirbt: letzte Takte wie letzte Atemzüge.

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