Mit dem Alter wird man vielleicht weiser, schlauer aber nicht – diese Lektion erteilen die lustigen Weiber von Windsor dem finanziell und moralisch abgehalfterten Ritter Falstaff. Ähnlich wenig Durchblick hat sein Rivale Ford, dessen Intrige gegen die eigene Ehefrau publikumswirksam fehlschlägt, sodass er letzten Endes nicht einmal seine Tochter an den von ihm vorgesehenen Mann bringen kann. Die Shakespeare’schen Turbulenzen in Verdis letzter Oper sind grundsätzlich für einen bunten Abend im Repertoire gut, aber mit einem Duo Infernale wie Carlos Álvarez und Simon Keenlyside wird das zu einem besonders bittersüßen Zuckerl.

Carlos Álvarez (Falstaff) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Carlos Álvarez (Falstaff)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Beide geben in dieser Aufführungsserie Falstaff respektive Ford erstmals, doch waren in der hier besprochenen zweiten Vorstellung an der Wiener Staatsoper keinerlei Debüt-Unsicherheiten zu bemerken. Um den Ritter von der lächerlichen Gestalt darzustellen, braucht es einen ganz besonders erfahrenen, charismatischen und doch uneitlen Sänger, und mit Álvarez hat man hier einen besonderen Glückgriff gemacht. Natürlich ist Falstaff eine Witzfigur mit ausgestopftem Bauch und ein präpotenter Tölpel obendrein, aber auch sehr viel mehr als das: er ist der theatralische Archetyp eines Mannes mit später, aber umso ausgeprägterer Midlife-Crisis – einer, der einmal erfolgreich war und es nicht billiger geben will, sondern sich in Zweckoptimismus übt. Wissend, dass die einst verlässlichen Waffen stumpf geworden sind, greift er zur List und scheitert trotzdem. All das vermittelt Álvarez auf köstliche Art und Weise, und noch viel mehr: Wenn er singt, was Falstaff von der Ehre hält (nämlich nichts), so kommt noch zynische Abgeklärtheit dazu; nach dem unfreiwilligen Bad in der Themse auch ein guter Schuss an geradezu wienerischem Grant und Geraunze.

Simon Keenlyside (Ford) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Simon Keenlyside (Ford)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

An Grant und Zynismus fehlt es auch Simon Keenlyside nicht, aber vor allem spuckt sein Ford wohldosiert Gift und Galle gegen den aufgeblasenen Ritter, der es auf seine Frau abgesehen hat. Hier treffen zwei große, schönstimmige Baritone aufeinander, und dieses waffenlosen Duell der Antihelden manifestiert sich en miniature in der folgenden kleinen Szene: Wenn sie höflich darüber streiten, wer wem den Vortritt beim Verlassen des Wirtshauses zum Hosenband lassen sollte, und die einvernehmliche Lösung so aussieht, dass Keenlyside am Arm von Álvarez gegen den Türstock knallt, merkt man, dass die beiden alle Theatertricks beherrschen.

Monika Bohinec, Margaret Plummer, Olga Bezsmertna und Hila Fahima © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Monika Bohinec, Margaret Plummer, Olga Bezsmertna und Hila Fahima
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Das hat natürlich auch mit der hübschen, detailverliebten Inszenierung von Sir David McVicar im Bühnenbild von Charles Edwards zu tun, in der auch die Parallelhandlungen gut zur Geltung kommen (da es bei Falstaff buchstäblich drunter und drüber geht, macht insbesondere der Holzsteg über dem Wirtshaus Sinn). Dass man einen Tweed-Typen wie Keenlyside in kirschroten und Álvarez in goldgelben, zwiebelturmgroßen Pluderhosen bewundern darf, ist ein Highlight und Gabrielle Dalton zu verdanken.

Ryan Speedo Green (Pistola), Carlos Álvarez (Falstaff), Herwig Pecoraro (Bardolfo) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Ryan Speedo Green (Pistola), Carlos Álvarez (Falstaff), Herwig Pecoraro (Bardolfo)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Auch beim finalen Geister- und Elfenreigen hat sie sich ausgetobt, wobei Falstaff an einen eiförmigem Papageno mit Hirschgeweih erinnert. Dass man bei Falstaff einen Mann (Herwig Pecoraro als Bardolfo mit Mime-Anklängen) in ein Brautkleid stecken darf, ist für eine Kostümbildnerin bestimmt auch eine Aufgabe, der man sich besonders gern widmet. Dezenter ging es bei den Damen zu, aber diese wussten sich auch so in Szene zu setzen: Olga Beszmertna als Alice Ford führte mit stimmlicher Durchschlagskraft das Kommando, Margaret Plummer war die ein wenig schüchterne Meg Page, und Monika Bohinec als Mrs. Quickly beeindruckte mit stimmlicher Tiefe. Das junge Liebespaar Nannetta (Hila Fahima) und Fenton (Jinxu Xiahou) zeigte schöne Stimmen, aber auch ein paar Unsauberkeiten, was aber den allgemein positiven Eindruck nicht trübte. Ryan Speedo Green bildete mit dem bereits erwähnten Herwig Pecoraro ein sympathisches Schnapsbrüderpaar, und dem vokal überaus präsenten und wortdeutlichen Dr. Cajus von Michael Laurenz hätte man ein netteres Ende als das eines übertölpelten Bräutigams gewünscht – dieser Herr ist ein Glücksgriff für das Ensemble. Auch die übrigen Beteiligten inklusive Chor, Ballettakademie und Komparserie zeigten an diesem Abend eine beachtliche Leistungsschau.

Carlos Álvarez (Falstaff) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Carlos Álvarez (Falstaff)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Anregend und spritzig war das, was James Conlon am Pult des Staatsopernorchesters aus der bunten Partitur holte – die „komische“ Fuge am Schluss gelang ebenso wie die beinahe Händel-artigen Schlüsse der Gesangsstellen im ersten Akt, und auch die für einen gelungenen Falstaff unabdingbare Kongruenz zwischen Bühnentrubel und musikalischen Pointen war stets gegeben.

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