Noch zehn Minuten vor Beginn des Konzertes sitzt Ivo Pogorelich mit knalliger Strickmütze und grauem Schlabberoutfit am Steinway und bringt seine Finger auf Betriebstemperatur. Ein-, zweimal schaut er von der Bühne auf die hereinströmenden Besucher, als ob diese sich im Raum geirrt hätten. Eine Viertelstunde später sitzen Frack und Fliege perfekt. Der Kroate ist in seiner Karriere den Kontroversen um seine Person nun wirklich nicht aus dem Weg gegangen und zeigte eine gewisse Unbekümmertheit auch in seinem Klavierrecital im Münchner Herkulessaal, bei dem er ein sehr breit gefasstes Programm vorstellte.

Ivo Pogorelich © Alfonso Batalla
Ivo Pogorelich
© Alfonso Batalla
Auf Grund seines verlängerten Aufwärmens und des dadurch verspäteten Einlasses war es noch recht unruhig im Saal, als Pogorelich die Bühne betrat. Was sich bei den meisten Pianisten wohl auf das Spiel ausgewirkt hätte, irritierte Pogorelich nicht im Geringsten. In feinem Piano begann er den ersten Satz von Beethovens Sonate Nr. 22 und ließ es immer wieder auf expressive Oktaven prallen. Mit spielerischer Leichtigkeit variierte er die Triller dynamisch und klanglich, sodass diese einen sanften, klaren Charakter bekamen. Diesen Charakter übertrug er auf die gesamte Sonate, wodurch diese einen wohltuend fließenden Klang erhielt, dabei aber eher nach Romantik als nach Beethoven klang.

Den ersten virtuosen Höhepunkt setzte Pogorelich dann mit der Toccata C-Dur von Robert Schumann, die mit ihren ununterbrochenen Spielbewegungen höchste technische Ansprüche stellt. Mit kräftigen Akzenten gab er den Phrasen Konturen, wobei er auch innerhalb der einzelnen Abschnitte mit fein nuancierter Dynamik einem mechanischen Charakter der Stückes entgegenwirkte. Damit hielt er die Musik in einem ständigen Fluss, sodass die abgesetzten Motive wie aus seiner Hand zu strömen schienen.

In starken Kontrast zur Toccata stellte Pogorelich GranadosSpanische Tänze und bewies dabei seine lyrischen Fähigkeiten. Drei der 12 Tänze hatte er ausgewählt, die vor allem mit ihrer Farbigkeit und ihrem leicht melancholischem Charakter hervorstachen. Das erste Thema des ersten Tanzes (Nr. 4, Villanesca) interpretierte Pogorelich innig, mit sehr feinem Anschlag im Piano. Das Thema entwickelte er schließlich mit kräftigerem Anschlag fort, verlor dabei aber die innige Grundstimmung nicht. Gelegenheit zu expressiveren Momenten gab ihm der Neunte Tanz, den er mit explosiven Akkorden einleitete, doch auch hier gelang es ihm, die volle Farbigkeit und Erzählkraft der Musik beizubehalten.

Den Höhepunkt des Abends aber bildeten für mich Rachmaninows Six Moments Musicaux, in denen Pogorelich seine virtuosen Fähigkeiten mit einer ordentlichen Portion Emotion mischte. Endlich bot sich Raum auch für den ausladenden Klang, wobei Pogorelich auf übertriebene Effekthascherei verzichtete. Dass er das Programm nicht auswendig spielte, wurde ihm hier jedoch zum Verhängnis. Da die Notenwenderin die Seiten der Partitur nicht unter Kontrolle bekam, griff sie Pogorelich andauernd in die Noten - ein Ärgernis, das allzu sehr von der Musik ablenkte. Dabei entfaltete Pogorelich diese mit so differenziertem Ausdruck. Das Andante cantabile eröffnete er mit großen, klangvollen Akkorden und gestaltete ganz im Sinne von Rachmaninows Idee des Liedes ohne Worte. Trotz der innigen Stimmung verlor Pogorelich nicht den Kontakt zum Publikum, sondern baute vielmehr eine große Spannung auf. Diese mündete in das virtuose Presto, das er mit rasanten, perligen Läufen in der linken Hand darbot. Das Maestoso zum Abschluss spielte Pogorelich wie einen Hymnus, der mit einem kräftigen Anschlag und verträumten Läufen in der rechten Hand von der großen Variabilität in Pogorelichs Spiel zeugten.

Ivo Pogorelich ließ mit diesem Programm seine Weltklasse an vielen Stellen erkennen, dennoch wollte der Funke nicht so recht überspringen. Das mag am Programm gelegen haben, allerdings schien auch Pogorelich an diesem Abend nicht wirklich an seine Grenzen gehen zu wollen und wirkte teilweise etwas zu kontrolliert. Damit versöhnte sein feines Gespür für die vielfältigen Klangmöglichkeiten des Programms.