Ist ein bestimmter Tanz Ausdruck von nur einer Kultur? Und wie können sich Menschen aus anderen Kulturen diese Tänze aneignen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Kyle Abraham in Live! The Realest MC, das er bereits 2011 choreografiert hat und das nun zum ersten Mal, mit einem Debüt in Paris, durch Europa tourt. Man darf ihm für eine gewisse Form von tänzerischer Aufklärung danken. Er setzt gekonnt Szenen nebeneinander, die von Straßenkultur und Hip-Hop, ironischen und popkulturellen Tönen geprägt sind. Diese Szenen werden mit elektrischen Bässen, dem gehauchten Gesang von James Blake und Videomaterial unterlegt, sodass ein vielschichtiges Ereignis auf der Bühne stattfindet, die sonst nüchtern leer gehalten ist. Der Abend verweist auf eine soziologischen Relevanz und bringt durch den Tanz Themen auf die Bühne, die Abrahams Aufwachsen in den Vereinigten Staaten und die Probleme reflektieren, die damit einhergehen können, wenn man dunkelhäutig ist.

<i>Live! The Realest MC</i> © Théâtre des Abbesses
Live! The Realest MC
© Théâtre des Abbesses

Zu Beginn steht die Frage im Raum, wie sehr man von einer sozialen Schicht ausgegrenzt werden kann. Jeremy Jae Neals Einstiegssolo zeugt von einer Bewegungssprache, die abgehackt und beschnitten ist. Die Füße halten das Gewicht nicht, die Hand ist keine Stütze, alles sackt in sich zusammen. Aufrecht zu stehen scheint ein Kampf. Ein Hoffnungsschimmer aus dieser Situation blitzt in den Kostümen auf. Mit goldenen Pailletten bestückte Shirts und Trainingsanzüge bilden in dunklen Situationen Lichteffekte und bieten Halt, stehen kontrapunktisch für das Schöne, das jedem Individuum trotz des Kampfes innewohnt. Abraham stellt in den ersten Szenen einen Bezug zwischen der tänzerischen Sprache seiner Subkultur her, getanzt in battles, die sich flüssig lösen und dann wieder kulminieren, und einem sozialen Diskurs. Die Ausdruckssprache ist dabei nicht nur auf klassische moves begrenzt: Locking and Popping meets Ballet. Während das Ballett historisch auf einen Corps aufbaut und dem Einzeltänzer eine Hierarchie zur Organisation von Gruppen und einem Bewegungskanon auferlegt, sind dem Hip-Hop keine solche Grenzen gesetzt. Er erscheint zuallererst als Individualstil ohne schematisierte Bewegungen. Diese beiden konträr wirkenden Stiele zu verbinden, kann ein Wagnis sein, dem der Abend nicht in jedem Moment standhält. Abraham vermeidet stille, klassische Posen und gibt den unterschwelligen Ballett-Momenten den Puls der Subkultur. Gesprungene Attitüden bekommen dadurch frischen Aufwind und zielen nicht auf einen stillstehenden Moment im Sprung ab. Mit der gleichzeitigen Projektion von kurzen Videosequenzen, die abstrakte Bilder, Suburbs und Jugendliche zeigen, entsteht zuerst eine etwas wirre Collage, die in tänzerische Codes gehüllt ist, die nicht jedem Auge zugänglich sind.

<i>Live! The Realest MC</i> © Théâtre des Abbesses
Live! The Realest MC
© Théâtre des Abbesses

Der ironisch gefärbte Höhepunkt lässt nicht lange auf sich warten. Als bühnenfüllende Projektion, ohne tänzerische Interventionen, wird ein Video gezeigt, das man auch unter „The Worst Hip Hop Class Ever“ finden kann. Eine jazzige Tanzlehrerin vertanzt und verklärt Hip-Hop-Moves. Sie gibt sich als authentische Hopperin, ist sich aber nicht bewusst, dass man ihre „Street-Credibility“ nicht vorhanden glauben mag. Mit weiten Klamotten und Baggy Pants kleidet sie sich in einen sozialen Habitus, der im Widerspruch zu ihrer Art zu stehen scheint. Damit gelingen Abraham gleich zwei Kniffe: Er zeigt, wie wenig ausreichend die Sprache dazu gemacht ist, Tanzbewegungen zu beschreiben. Hört man dem Video zu, stellt man fest, dass die Dame typisches Vokabular benutzt. Auf verbaler Ebene glaubwürdig, in tänzerischer Manier und im Habitus höchst unglaubwürdig. Es sind ihre gewollten Bewegungen, die das Publikum auflachen lässt, und die sie einfach authentisch nachmachen kann. Anschließend persifliert Abraham dieses Video mit exakten sprachlichen Anweisungen, die von zwei Tänzern befolgt werden. Der eine (Matthew Baker) setzt jedes Wort im Straßen-Hip-Hop um, der andere (Claude “CJ“ Johnson) inkorporiert die Beschreibungen durch Voguing. Beide befolgen exakt den Befehlen, das Resultat könnte dennoch nicht unterschiedlicher sein. Es wird klar, dass die Körpersprache anders funktioniert, als die verbale, und auch nicht ohne weiteres tiefgreifend erlernt werden kann. Und damit stoßen die Tänzer die Debatte an, wie sehr ein kulturelles und soziales Erbe auch den Tanzstil formt. Zusammen mit kleinen Gesten des Richtens der Kleider und leeren Schminkbewegungen eröffnet sich im Stück eine Ebene, die das herstellen von sozialer und normativer Ordnung in Frage stellt.

<i>Live! The Realest MC</i> © Théâtre des Abbesses
Live! The Realest MC
© Théâtre des Abbesses

Abraham gelingt mit Live! The Realest MC ein einfühlsames Konglomerat, das einige Fragen unserer Zeit aufwirft. Whitewashing von Subkultur, soziale Diskriminierung, Rassismus: Wie kann man als Betroffene, Betroffener angesichts solcher Existenzfragen umgehen? Ein Lebensbedürfnis hat jeder Mensch, ein Lebensrecht wird noch lange nicht jedem Menschen zugesprochen. Darauf macht das Stück aufmerksam. Man kann sich den zu Beginn gestellten Fragen als Individuum einer bestimmten kulturellen Identität nähern, egal welcher Herkunft. Abrahams Aneignung des Balletts ist keine rohe Nachahmung von einem bürgerlichen Tanzstil. Er nutzt sein Verständnis und die Finessen unterschiedlicher Stile, um aus Ihnen einen Nutzen zu ziehen und in ein Stück zu integrieren, das zeigt, dass man es ehrlich und ernst meinen muss und viel Empathie und Übung braucht. Er umgeht dabei das Problem des Stilpluralismus mit den ungewöhnlichen Profilen seiner Tänzer, die ihre Bewegungssprache, zwischen Ballett und Hip-Hop, als persönlichkeitsbildend präsentieren und nicht als leere soziale Gesten oder erlernte Floskeln.

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