„Habt ihr uns gerade Weiber genannt? Das ist ja diskriminierend!“ „Das Frauenbild, das hier propagiert wird, ist ja überhaupt nicht mehr zeitgemäß.“ So echauffieren sich Valencienne und Hanna mit kräftiger Unterstützung von Sylviane, Olga und Praskowia über den Operettenschlager Das Studium der Weiber ist schwer und fordern als Antwort darauf das gesamte weibliche Publikum auf, in ihre Version, nämlich Das Studium der Männer fällt leicht, einzustimmen. Regisseur Olivier Tambosi setzt bei Lehárs Lustiger Witwe auf eine moderne, kitschfreie und höchst unterhaltsame Inszenierung, die in den Dialogen viel Platz für aktuelle politische Anspielungen, Wortwitz und das bewusste Spiel mit Klischees bietet.

Ivan Oreščanin (Graf Danilo Danilowitsch) & Christiane Bösiger (Hanna Glawari) © Dimo Dimov | Oper Graz
Ivan Oreščanin (Graf Danilo Danilowitsch) & Christiane Bösiger (Hanna Glawari)
© Dimo Dimov | Oper Graz
Die Kostüme, entworfen von Carla Caminati, reichen von schrill, etwa in Form von quietschbunten Trachten, über unkonventionell (Handtücher!) bis gewagt, wenn im dritten Akt der gesamte Damenchor und die Tänzerinnen der Tanzkompanie als Grisetten erscheinen. Für eine flotte Choreographie ohne übertriebene Walzerseligkeit sorgte Stephan Brauer. Auf den drohenden Bankrott des Operettenstaates Pontevedro wird mit rauschenden Festen und der Hoffnung auf die zwanzig Millionen der Witwe reagiert – und das ganze Publikum ist Teil dieser Festgesellschaft. Immer wieder werden Damen und Herren aus dem Publikum direkt angesprochen, zum Tanzen oder eben zum Mitsingen und Klatschen aufgefordert. Um diese Interaktivität zu ermöglichen, reicht die Bühne in Form einer Treppe direkt ins Parkett, die Handlung spielt sich zum Großteil dort ab, wo eigentlich der Orchestergraben sein sollte. Das Orchester wurde dafür auf der Hinterbühne auf einem sich immer wieder drehenden Podest platziert.

Die Entscheidung, die Handelnden näher ans Publikum zu bringen, war zwar für das Spiel von Vorteil, ging jedoch zu Lasten der Musik. Das Orchester klang bedingt durch seinen Standort matt und spielte dadurch eine sehr passive, untergeordnete Rolle. Den Umständen zum Trotz gelang Marius Burkert am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters eine schwungvolle Umsetzung von Lehárs Musik und eine gute Koordination zwischen Orchester, Chor und Solisten, doch Details der dynamischen Gestaltung und Interpretation gingen auf dem Weg von der Hinterbühne zum Zuschauerraum verloren.

Christiane Boesiger brachte eine moderne, emanzipierte Hanna Glawari auf die Bühne und stattete sie mit angenehm timbrierten Sopran aus. Sie meisterte die Partie in allen Lagen sehr souverän und konnte immer wieder tolle Spitzentöne einstreuen. Besonders schön gelang das Vilja-Lied im zweiten Akt, in dem sie mit fein gesponnenen Piani glänzen konnte. Als Danilo Danilowitsch durfte Ivan Oreščanin um die reiche Witwe herumscharwenzeln und den Grafen mit viel Witz und Nonchalance porträtieren. Stimmlich wäre stellenweise etwas mehr Schmelz und Lockerheit – vor allem bei „Lippen Schweigen“– wünschenswert gewesen, insgesamt lieferte Oreščanin aber eine gesanglich durchwegs sichere und darstellerisch sehr stimmige Leistung. Zusätzlich zu gut harmonierenden Stimmen bestach das Zusammenspiel von Boesiger und Oreščanin durch Charme, kleine Tanzeinlagen und launiges Geplänkel, bei dem immer im Vordergrund stand, dass beide Charaktere nur zu stolz sind, einander ihre Gefühle zu gestehen.

Ivan Oreščanin (Graf Danilo Danilowitsch) & János Mischuretz (Njegus) © Dimo Dimov | Oper Graz
Ivan Oreščanin (Graf Danilo Danilowitsch) & János Mischuretz (Njegus)
© Dimo Dimov | Oper Graz
Als kongeniales komisches Gespann präsentierten sich Götz Zeman als Baron Zeta und János Mischuretz als Njegus. Mit Anspielungen auf das aktuelle politische Geschehen, aber auch mit Witzen aus dem Urtext von 1905 hatten sie die Lacher des Publikums stets auf ihrer Seite. Vor allem Mischuretz, der als Njegus zwar in praktisch jeder Szene vorkommt, aber als Diener eben doch nicht dazugehört, konnte sein komödiantisches Talent voll ausleben.

Die zwei Franzosen St. Brioche und Cascada, die den zwanzig Millionen beziehungsweise deren Besitzerin die ganze Operette hindurch nachlaufen dürfen, wurden von Martin Fournier und Ivan Naumovski stimmlich sehr schmachtend, allerdings etwas blass in der Darstellung, verkörpert. Auch die übrigen kleinen Rollen waren gut besetzt, wobei die Damen sowohl gesanglich als auch darstellerisch deutlich präsenter und energiegeladener waren. Auch die Damen und Herren des Chors bewiesen einmal mehr, dass sie nicht nur ausgezeichnete Sängerinnen und Sänger sind, sondern auch viel Freude am Schauspiel haben und sich dabei auch nicht von gewagten Kostümen abschrecken lassen.

Dass in einem Genre, in dem sich idealerweise Gesang, Tanz, Schauspiel und Musik zu einem Ganzen fügen, Abstriche gemacht werden müssen, ist selbstverständlich. An diesem Abend war es leider die Musik, die sich dem Spiel unterordnen musste. Arrangiert man sich jedoch damit, erlebt man einen überaus vergnüglichen Abend mit guten gesanglichen Leistungen, nach dem man das Opernhaus mit einem Lächeln auf den Lippen und Lehárs wunderbaren Melodien im Kopf verlässt.

***11