Ich habe die Zweite Symphonie Mahlers unter Simon Rattle während seiner Zeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker drei Mal gehört. Bewegend waren alle Aufführungen – doch in seiner jüngsten mit der Staatskapelle Berlin, die ihn tags zuvor zum Ehrendirigenten gekürt hatte, hat er seine Einstellung zu Mahler als Symphoniker vertieft. Er ist auf dem besten Weg, zu einem der ganz großen Mahler-Dirigenten zu werden.

Sir Simon Rattle © Peter Adamik
Sir Simon Rattle
© Peter Adamik

Dass er die gesamte Aufführung auf das Finale hin ausgerichtet hat, könnte als Selbstverständlichkeit angesehen werden, trifft aber, so wie Rattle sie vorgenommen hat, ins Herz der Aufführung. Bislang, so schien es mir, hatte Rattle die Zweite wie ein Naturgeschehen dargestellt, das die Welt in Gang hält und die Menschen, ob sie mit ihm musizieren oder ihm zuhören, durchrüttelte, indem er sie wechselweise in Abgründe führte, Idyllen auskostete oder auch (vermeintliche) Triumphe feierte.

An diesem Abend verschob er die Perspektive auf den prophetischen Gehalt der Symphonie und gestaltete sie als tönende Zukunftsgeschichte. Der Klang blieb nie im Raum des gegenwärtig Gegebenen hängen. Rattle und das ihm vertrauensvoll folgende Orchester gestalteten diese Musik ganz im Sinne der Verheißung. Sie lebte nicht von augenblickshaften Affektwechseln, sondern davon, dass diese Kontraste als aufeinander bezogene Wechselwirkungen aus Prophezeiung und Erfüllung, Ankündigung und Ausführung zu großen Bögen gespannt wurden. Wo wäre dies angemessener zur Grundlage einer Aufführung erhoben worden, als in der einer Symphonie, die der Komponist dem Kerninhalt des christlichen Glaubens verschrieben hat, den Weg aus der Todesangst hin zur Zuversicht auf Auferstehung zu vertonen?

Diese Grundauffassung war von Anfang an leitend. Rattle ließ den Beginn als Rezitativ in den tiefen Streichern mit ruppigem Bogenstrich intonieren und sich darüber in den Bläsern einen cantus-firmus als Hauptstimme erheben, der einen regelrecht frostigen Charakter annahm. Dieses Thema war nur mit regelrechter Gewalt zu beenden. Wenige Takte mussten genügen, um diesen Ausdruck schonungsloser Realität im Seitenthema zu dem einer zu diesem Zeitpunkt noch lediglich vage angedeuteten Zuversicht zu transformieren: Diese Kantilene kostete Rattle nicht allein als „schöne Stelle“ aus, sondern stellte sie, in kluger Disposition, auf einen doppelten Boden, weil das Es-Dur hier noch gar nicht leuchten darf, sondern erst in den letzten Takten der Symphonie als Ziel jener Verheißung strahlen darf. Und in dieser Art wurde der gesamte Kopfsatz als Prophezeiung zum Klingen gebracht.

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Sir Simon Rattle, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor, Christian Karg und Karen Cargill
© Peter Adamik

Rattle und das Orchester samt Chor und den beiden Solistinnen, Christiane Karg und Karen Cargill, brachten aber keine Analyse zum Klingen, sondern eine vom Gedanken getragene, lebendige Musik. Sie fanden im zweiten Satz nostalgisch-zärtliche, im dritten spöttisch-sarkastische Töne. Im Urlicht setzte Cargill ihr Vibrato zum Ausdruck einer noch zweifelnden Unsicherheit ein, die sie erst in den letzten Takten in frei entfaltete Kantabiltät umschlagen ließ, in dem nun der Ton von Gewissheit Gestalt angenommen hat.

Das Finale war eine gewaltige Orchester-Kantate, in der die im Kopfsatz und im Urlicht noch behutsam in Aussicht gestellte Erlösung regelrecht herbeibefohlen wurde. Doch diese Drastik diente nicht allein dazu, Furcht und Zittern zu erzeugen, sondern eine „Theologie des Willens“ zu inszenieren. Im Finale des Finales zog der von Dani Juris glänzend einstudierte Staatsopernchor die Summe des Ganzen: vom kaum Hörbaren im dreifachen Pianissimo des ersten Einsatzes bis zum donnernden, in sich ruhenden, weil am Ziel angekommenen Schluss in Es-Dur. 

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