Jung, schön, manipulativ und mehr an Luxus, denn an Liebe interessiert – die Geschichte einer solchen Frau würde heutzutage wohl keinen Society-Journalisten mehr hinter dem Ofen hervorlocken. 1731 sorgte der von Abbé Prévost veröffentlichte Roman Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut jedoch für einen handfesten Skandal. Und trotzdem wurde das Werk zu einem Bestseller und zur Vorlage gleich zweier Opern. Die Geschichte der Manon hat dabei dank ihrer zeitlosen Handlung und ihrer gleichermaßen kapriziös wie faszinierenden Titelheldin über die Jahrhunderte nichts an Aktualität verloren und lässt sich problemlos in das 21. Jahrhundert verlegen, wie Elmar Goerdens Inszenierung von Massenets Oper in Graz nun beweist.

Iulia Maria Dan als Manon © Werner Kmetitsch
Iulia Maria Dan als Manon
© Werner Kmetitsch
Manon kommt zu Beginn nicht bei einer Poststation an, sondern, angepasst an die modernen Reisegewohnheiten, auf einem Flughafen, auf dem sie in der Ankunftshalle zunächst dem Piloten De Brétigny und kurz darauf dem Rucksackreisenden Chevalier Des Grieux begegnet. Die Handlung büßte durch die Modernisierung prinzipiell nichts an Schlüssigkeit ein, aber ab dem zweiten Akt begann es sich für mich dennoch zu spießen. Statt gemeinsam nach Paris zu gehen, wie es der Text suggeriert, stranden Manon und Des Grieux hier schon in der Abflughalle.

Überhaupt spielt sich die gesamte Handlung auf dem selben Flughafen ab, wodurch der Duty-Free-Shop zum Cours-la-Reine und eine Raucherkabine zum Kloster Saint-Sulpice werden. Die zeitliche und räumliche Distanz zwischen den Szenen und Personen ging dadurch immer wieder verloren. So stellte sich mir beispielsweise die Frage, warum Lescaut seine Cousine Manon im zweiten Akt suchen muss, wenn sie sich doch die ganze Zeit am selben Flughafen aufgehalten hat? Im Gegensatz zur modernen Optik seiner Inszenierung blieb Goerdens Personenregie weitgehend traditionell, einzig Manons Sterbeszene wartete mit einer überraschenden, aber für eine moderne Inszenierung stimmigen, Wendung auf.

Die Manon verkörperte Iulia Maria Dan als naives, vom Luxus gelocktes junges Mädchen, das sich sowohl in Des Grieux als auch in Geld und Vergnügen verliebt hat. Dieser Ambivalenz verlieh die rumänische Sopranistin auch stimmlich Ausdruck; sie wechselte mitunter blitzschnell zwischen dunklen, melancholischen Momenten und lebensfrohen hellen Spitzentönen. Sie verfügt über ein ganz spezielles Timbre, dessen Wirkung man sich, obwohl nicht immer makellos klingend, vor allem in den dramatischeren Passagen schwer entziehen kann. Stimmlich war Dan dabei besonders in der ersten Hälfte des Abends allerdings weitaus präsenter als darstellerisch, so lag die Koketterie der Gavotte etwa einzig und allein in der vokalen Gestaltung, während die Darstellung den gewissen Pep vermissen ließ.

Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch
Chor der Oper Graz
© Werner Kmetitsch

Nur lauwarm gestaltete sich obendrein die Interaktion zwischen Manon und dem Des Grieux von Andrej Dunaev. Von der obsessiven Liebe zwischen den zwei Figuren war durchwegs wenig zu spüren und zu sehen. Dabei schaffte es Dunaev durchaus, in seinen zwei großen Arien der schwärmerischen Liebe mit warm-lyrischem, höhensicheren Tenor und samtigen Piani Ausdruck zu verleihen, doch das Zusammenspiel mit Iulia Maria Dan köchelte höchstens auf Sparflamme. Sogar im letzten Akt, im Angesicht des Todes von Manon, wirkten sie so reserviert, als stünden sie zufällig gemeinsam in der Abflughalle. Dabei hatten beide, jeder für sich betrachtet, ausgerechnet im fünften Akt ihre stärksten und berührendsten Momente: Dunaev als völlig überforderter Des Grieux, der noch einmal sämtlichen Schmelz in seiner Stimme aufzubringen versuchte, um Manon einen Lichtblick zu bieten, und Dan als lebensmüde Manon, die nicht an einer Krankheit stirbt, sondern sich die Pulsadern aufschlitzt, da sie keine Zukunft für sich sieht. Dabei gelang es ihr, ihrer Stimme sämtlichen Glanz zu nehmen um so die völlige Hoffnungslosigkeit der Figur zu vermitteln. Leider fügte sich diese individuelle Intensität der beiden trotzdem nicht zu einem Ganzen, auf mich wirkte das Zusammenspiel sehr distanziert.

Eine gewisse Eigenbrötlerei und Distanz haftete auch, hier aber rollenentsprechend, Wilfried Zelinka als Comte Des Grieux an. Obwohl er rein optisch die Vaterrolle ganz und gar nicht verkörpert, strahlte er durch seine an dunkle, flüssige Schokolade erinnernde Stimme eine unheimliche Autorität und Würde aus und schaffte es, mit schönen Phrasierungen seinem kurzen Auftritt nachhaltigen Eindruck zu verleihen.

Abdellah Lasri (Chevalier Des Grieux) und Iulia Maria Dan (Manon) © Werner Kmetitsch
Abdellah Lasri (Chevalier Des Grieux) und Iulia Maria Dan (Manon)
© Werner Kmetitsch
Ausgesprochen farbenreich präsentierte sich auch das Grazer Philharmonische Orchester. Chefdirigent Dirk Kaftan holte das Maximum aus der Partitur heraus und ließ das Orchester dabei in Massenets Melancholie ebenso schwelgen wie in seiner Lebensfreude jubilieren und in seinem Schmerz leiden. Den Großteil des Abends über herrschte eine gute Balance zwischen Sängern und Orchester, hin und wieder ließ sich Kaftan, vor allem in dramatischen Momenten, aber dazu hinreißen, die dynamische Bandbreite voll auszukosten und dabei die Sänger auf der Bühne zu übertönen. Zumindest mich hat das ehrlicherweise nicht gestört, da es eine Freude war, ausnahmslos dem Orchester Gehör zu schenken. Die größten Emotionen dieses Abends kamen nämlich ohnehin aus dem Orchestergraben: Die gesamte Gefühlspalette verklanglichte das Orchester eindrucksvoll, wirklich mithalten konnte in diesem orchestralen Gefühlsstrudel der Leidenschaften eigentlich nur Iulia Maria Dan als Titelheldin der Oper.

Ein hervorragendes Orchester, eine leidenschaftliche Manon und ein schwärmerischer Des Grieux – leider fügten sich diese Ingredienzien nie zu einem Ganzen zusammen, wodurch der Vorstellung ein schaler Beigeschmack anhaftete.