Gustav Mahlers letzte vollendete Symphonie bietet üblicherweise als alleiniges Werk ein praktisch abendfüllendes Programm. Die ungewöhnliche Aufführung eines zweiten Werkes lohnt eine genaue Betrachtung der Verbindung zwischen seiner circa 80-minütigen Neunten und den zwölf Minuten dauernden Sechs Stücken für großes Orchester von Anton Webern.

Münchner Philharmoniker © Wildundleise.de
Münchner Philharmoniker
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Als Ausgangspunkt kann sicherlich dasselbe Entstehungsjahr 1909 dienen, und auch die Uraufführungen – 1912 bei Mahler und 1913 bei Webern (im sogenannten Watschenkonzert) – fanden am selben Ort, dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins statt. Bei der inhaltlichen Betrachtung von Gemeinsamkeiten fällt auf, dass beide Komponisten sich mit dem Verlust einer Ordnung in der Tonsprache beschäftigen. So hat Mahlers Symphonie Nr. 9 keine Tonartbezeichnung und Webern ist ein wichtiger Repräsentant freier Atonalität der damals jungen Zweiten Wiener Schule. Aus gesellschaftspolitischer Perspektive könnte der Zeitgeist des Wegfallens von für ewig geglaubten Werten am Beispiel der zerbröckelnden kaiserlich-königlichen Monarchie einen weiteren verknüpfenden Ordnungsverlust darstellen. Leonard Bernstein sieht in Mahlers Abschiedssymphonie sogar eine Vorwegnahme der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die meiner Meinung nach entscheidende Verknüpfung der beiden Werke aber ist von autobiographischer Natur. Die Themen Abschied, Tod und Loslassen treten für mich in beiden Werken in den Vordergrund und die Finale enden im Nichts. Webern verarbeitet musikalisch die Chronologie des Todes seiner Mutter; Mahler als Person verabschiedet sich in diesem Werk von Gefühlen der Erde (wie der Liebe oder Jugend) und nicht zuletzt von der Erde selbst.

„Nicht bauen, sondern ausdrücken“, sagte Arnold Schönberg, Weberns Freund und Kompositionslehrer, über Musik. Er stellt einen starken Gegenentwurf zur Spätromantik dar, der auch auf das expressionistische Werk Sechs Stücke für großes Orchester zutrifft. Dirigent Fabio Luisi steuerte die Vielzahl der Dynamikstufen in den ersten beiden Stücken des Werkes exakt und penibel, brachte dadurch Klangfarben nuanciert zum Ausdruck und ließ darin den eher melancholischen Gemütszustand spürbar zu Tage treten. Kleinste Klangveränderungen der Münchner Philharmoniker beeinflussten die Gesamtwahrnehmung des Stückes auf beeindruckende Weise. Klagende, aber versöhnende Klänge knapp an der Grenze des Hörbaren beendeten den ersten Teil des Konzertes und riefen starke Emotionen der Erinnerung und Ergebung an das Schicksal hervor.

Mahler notierte im Autograph des Andante comodo unter anderem „O Jugendzeit!“, „O Liebe! Verwehte!“ sowie „Leb’ wohl! Leb’ wohl! Leb’ wohl!“ und gibt mit weiteren verbalen Eintragungen eine Interpretationsrichtung vor. In diesem Satz entwickelte Fabio Luisi eine zerbrechliche Jugend durch einen fein abgestimmten Orchesterapparat und bewegte sich oftmals am unteren Ende der vorgegebenen Parameter für Dynamik und Tempo. Stetig kontrollierend und steuernd ließ der Maestro einen transparenten Klang zu, verhinderte jedoch leider damit emotionale Momente von Liebe und ergreifende Todesvorahnungsrufe. Einer hiervon wird in der Partitur als „mit höchster Gewalt“ beschrieben, die aber war nicht vollständig wiederzufinden. Lediglich das kadenzähnliche Zusammenspiel des Soloflötisten und des durchwegs ausgezeichneten Hornsolisten vermittelten ein Gefühl von (Lebens-)Liebe, und letzterer sorgte während des ganzen Konzertes immer wieder für Eindrücke von wehmütiger Erinnerung und Sehnsucht – bravo!

Fabio Luisi © Barbara Luisi | Balu Photography
Fabio Luisi
© Barbara Luisi | Balu Photography
Der von Luisi gewählte analytische Ansatz, möglichst viele Details der Partitur hörbar zu machen, sollte den beiden Mittelsätzen zu Gute kommen, jedoch fand der engagierte Dirigent weder den vollen Zugang zu den tänzerischen, sich überschlagenden Momenten des zweiten Satzes noch zu der drastischen Kontrapunktik der Burleske. Es lässt sich diskutieren, ob die im zweiten Satz gewählte langsame Gangart dem „Tempo eines gemächlichen Ländlers“ entsprach, was dazu beigetragen haben könnte, dass der Funke bei dem ersten Scherzo nicht vollständig auf mich übersprang. Zwar gelang es der Trompete an diesem Abend nicht, den Zuhörer mit seinem Solo des dritten Satzes restlos zu beeindrucken, die kammermusikalischen Stellen der Bläser in den Mittelsätzen aber wurden lustvoll musiziert und waren schön abgestimmt.

Hervorzuheben ist die herrlich gespielte, eröffnende Streicherkantilene des Adagio. Insbesondere die verschiedenen Passagen im leisen Klangspektrum in diesem Satz waren unheimlich fein differenziert und feinschattiert wahrnehmbar. Fabio Luisis große Erfahrung im Operndirigat half hier sicherlich, die klangliche Abstimmung zwischen Solisten und Orchester in vorzüglicher Weise zu gestalten. Zum Höhepunkt gerieten die abschließenden Takte, die der Anweisung „ersterbend“ in jedem Sinne gerecht wurde, wobei gleichzeitig möglichst viele Details durch die hervorragende Orchesterbalance hörbar blieben. Die Interpretation mag im Ganzen nicht für jeden überzeugend gewesen sein, doch sie war zweifelsohne kohärent und gekonnt umgesetzt.

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