Die erfolgreichsten Klavierduos bestehen aus zwei Geschwistern. Wir alle kennen Güher und Süher Pekinel oder Katia und Marielle Labèque. Noch nicht ganz so bekannt sind Lucas und Arthur Jussen aus den Niederlanden. Die beiden Brüder, 32 und 29 Jahre alt, hatten die Ehre, im 4. Philharmonischen Konzert des Orchesters der Oper Zürich unter Daniele Rustioni als Solisten mitzuwirken. Seit der laufenden Saison veranstaltet das Opernhaus die Hälfte der Philharmonischen Konzerte, konkret drei von sieben, im Großen Saal in der Tonhalle. Gründe dafür sind die bessere Akustik, die höhere Anzahl an Zuschauerplätzen und die bessere Sichtbarkeit des Orchesters.

Poulencs Konzert für zwei Klaviere und Orchester in d-Moll entstand 1932. In seinem polystilistischen Ansatz ist es in einer antiromantischen Manier gehalten und spielt auf Ravels kurz zuvor entstandenes Klavierkonzert sowie, im zweiten Satz, auf Mozarts Klavierkonzert in d-Moll, KV 466 an. Zudem sind Einflüsse aus Unterhaltungsmusik und fernöstlicher Exotik herauszuhören. Dieser Mix bildet eine Steilvorlage für die Brüder Jussen. Zwei trockene Eröffnungsakkorde des Orchesters dienen gleichsam als Zündung für eine pianistische Rakete. Stupende Virtuosität, Angriffslust und Showtalent gehen da eine sensationelle Mischung ein. Der motorische und mechanische Charakter dieses ersten Satzes kommt in der Interpretation blendend zur Geltung. Und wenn man die Augen schließt, kann man kaum erkennen, dass da zwei Pianisten am Werk sind: Perfekt synchronisiert hört sich das Spiel der beiden Brüder – Lucas als Primo und Arthur als Secondo – an.
Das Mozart-Zitat im langsamen Satz kommt in flottem Tempo daher und wird um kein Haar zerdehnt oder romantisiert. Zum eigentlichen Showpiece gerät das Finale: Das Klavierthema mit den vielen Tonrepetitionen bietet für Ohr und Auge die pure Attraktion. Und im Weiteren reißt einen die explosive und grelle Interpretation des Duos sprichwörtlich vom Stuhl. Showtalent beweist auch Rustioni, der das Opernorchester, das bisweilen wie ein balinesisches Gamelan-Ensemble klingt, souverän führt.
Die Solisten bedanken sich für den tosenden Applaus mit zwei Zugaben, von denen die erste nochmals eine Steigerung bringt: Strausseinander von Igor Roma, eine Bearbeitung von Melodien aus der Operette Die Fledermaus. Dies passt punktgenau, da am Opernhaus eben die Vorstellungen dieser Johann-Strauss-Neuproduktion zu Ende gegangen sind.
Bei Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique sind dann andere Qualitäten gefragt: Nach dem antiromantischen Poulenc nun das hochromantische Seelendrama. Rustioni bewältigt diese Herausforderung mit Bravour und fordert eine theatralische, spannungsgeladene und klangfarbenorientierte Interpretation ein. Ein klarer Fall für das Orchester der Oper Zürich, dem solche Musik auf den Leib geschrieben steht. Einmal dem Orchestergraben entronnen, geniessen die Musikerinnen und Musiker das Rampenlicht der Tonhalle und steigern sich zur Höchstleistung. In der Symphonie fantastique begleiten sie nicht Sängerinnen und Sänger, sondern sie selbst sind die Protagonisten: der unglücklich verliebte Künstler, der die untreue Geliebte ermordet und deshalb zum Richtplatz geführt wird; oder die Geliebte, die dem Künstler beim Hexensabbat als Fratze erscheint.
Viele Belege könnte man für diese faszinierende Interpretation anfügen. Stellvertretend sei der dritte Satz, die Scène aux champs, erwähnt. Beim eröffnenden Duo von Englischhorn und Oboe antwortet Letztere aus dem Off, was eine raffinierte räumliche Wirkung erzielt. Die danach einsetzende Streichermusik breitet zunächst eine friedliche Stimmung aus, wird aber zunehmend erregter, um dann, nach dem Erklingen der Idée fixe, ausser Rand und Band zu geraten. Das ist Seelendrama pur! Rustioni, der sowohl als Konzert- wie als Operndirigent tätig ist, und dessen Stern in den letzten Jahren international aufgegangen ist, hat ein untrügliches Gespür für alle diese dramatischen Wendungen. Als Hörer fiebert und leidet man mit und hat erst Ruhe, nachdem der letzte Akkord der Nuit du Sabbat verklungen ist.

