„Meine Wunderharfe“, so nannte Richard Wagner liebevoll die Sächsische Staatskapelle Dresden, der er Mitte des 19. Jahrhunderts für kurze Zeit als Kapellmeister vorstand. Diesem wohlklingenden Beinamen sollte das Dresdner Ausnahmeorchester am 11.9. im Münchener Gasteig wieder einmal alle Ehre machen.

Christoph Thielemann und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger
Christoph Thielemann und die Staatskapelle Dresden
© Matthias Creutziger

Das Konzert begann mit dem berückend schönen Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur KV 467 von Wolfgang Amadeus Mozart. Als Solist spielte der erst kürzlich zum renommierten Gramophone Artist of the Year 2016 nominierte Igor Levit seine eigene Wunderharfe, einen brillant intonierten Steinway Konzertflügel. An einigen Stellen war die klangliche Brillanz fast schon klirrend und damit über der Grenze Mozart'scher Klangästhetik. Ohnehin interpretierten Levit und Christian Thielemann, der die Sächsische Staatskapelle stets souverän im Griff hatte, das Klavierkonzert derart brillierend rasch, dass manche Passagen leicht überhastet klangen. Angesichts der diffizilen Akustik im großen Konzertsaal des Münchner Gasteigs hätten die Musiker gut daran getan, ein wenig das Tempo zu drosseln. Dies tat jedoch dem generellen musikalischen Genuss dieses Abends keinen Abbruch, denn Levit spannte einladend großzügige musikalische Bögen und gestaltete zugleich jede Nuance und jedes Motiv mit überwältigender Hingabe und ansteckender Freude über die seriöse Verspieltheit dieser unfassbar genialen Komposition.

Bis auf einige minimale Abstimmungsschwierigkeiten in der Durchführung des ersten Satzes und im abschließenden Allegro vivace begleitete das Orchester sensibel und äußerst klangschön. Überzeugend traten die Musiker in den Dialog mit dem Solisten und zeigten besonders im unendlich dahinfließenden berühmten zweiten Satz (Andante) ihre ganze Klasse, ohne je aufzutrumpfen. Die reduzierte Besetzung ermöglichte einen kompakten und elegant-flexiblen Orchesterklang, bei dem neben die fein ausbalancierten Streicher und das Soloklavier ein dritter Gesprächspartner trat, der besondere Erwähnung verdient: das Bläserensemble. Nicht nur bei Mozart, sondern auch im Verlauf der anschließenden Bruckner-Symphonie freute man sich jedes Mal, wenn die Bläser ihre perfekt einstudierten Solo-Passagen erklingen ließen.

Wo soll man mit dem Lob beginnen? Die Holzbläser intonierten vollendet sauber und klangschön, fein nuanciertes dem Stil des jeweiligen Komponisten angepasstes Vibrato, hochmoderne Instrumentaltechnik eben, besonders auffällig bei Oboe und Flöte, und auch Trompeten, Posaunen und vor allem die Hörner musizierten makellos. Lediglich in der Dritten Bruckner-Symphonie waren zwei Attacken ein wenig ausgefranst. Diese Einsätze der Horngruppe nach Generalpausen exakt synchron hinzubekommen ist allerdings immer ein Lotteriespiel. Levit, Jahrgang 1987, tupfte als Zugabe noch das unschuldige Waltz-Scherzo aus den Puppentänzen von Dimitri Schostakowitsch auf die Bühne, freute sich diebisch über diese musikalische Humoreske und beendete damit elegant den ersten Teil dieses kurzweiligen Konzertabends.

Igor Levit © Gregor Hohenberg
Igor Levit
© Gregor Hohenberg

Der zweite Teil bot die bereits erwähnte Dritte Symphonie von Anton Bruckner, welche dieser 1873 beendet und seinem bewunderten Zeitgenossen Richard Wagner gewidmet hatte, was ihr den Beinamen „Wagner-Symphonie“ einbrachte. Während die Uraufführung noch gänzlich misslang, da Bruckner das Dirigat eines großen Orchesters unterschätzt hatte und auch die Musiker der vertrackten Komposition nicht besonders aufgeschlossen gegenüberstanden, war die Wiedergabe dieses monumentalen Werks an diesem Abend in München unter Christian Thielemann annähernd perfekt.

Von den ersten mysteriösen Streicherakzenten zu Beginn des ersten Satzes über das wuchtige und nicht minder enigmatische Hauptthema, welches Bruckner ein ums andere Mal harmonisch auflädt, bis hin zur überwältigenden Coda im strahlenden D-Dur: Was der Titan Thielemann in seiner fünften Spielzeit als Chefdirigent der Staatskapelle Dresden und sein Orchester mit diesem Stück wagten, gelang ein ums andere Mal. Ihre Interpretation war transparent und schlank, ohne oberflächlich oder gar dünn zu klingen. Die Fermaten und Pausen im ersten Satz ließen das Stück nicht auseinanderfallen, sondern trugen eher noch zur Verdichtung der musikalischen Gedanken bei. Und dies ist doch gerade die große Kunst bei Bruckner: die unzähligen musikalischen Gedankenfetzen des österreichischen Orgel-Improvisators zu einer großen visionären Narration zu schmieden.

Die Begeisterung der Orchestermusiker für diese seltsam entrückte und süß-melancholisch anmutende Erzählkunst übertrug sich von den ersten Takten an aufs Publikum. Während das Mozart-Klavierkonzert so eingänglich und leicht verdaulich ist wie ein gelungener Hollywood-Film, ist Bruckner doch eher Arthaus und erklingt eher selten aus den heimischen Lautsprechern. Aber wie bei einem Klassiker von Luis Buñuel ist man nachher gewiss, dass die Zeit, die man diesen großartigen Werken widmet, dicht und sinnhaft ist und das Leben ungemein bereichert.