Programmatisch steht der Jahresbeginn bei den Berliner Philharmonikern ganz im Zeichen der großen russischen Komponisten; vergangenes Wochenende standen Tschaikowsky und Rachmaninow am Spielplan, nun folgte ein Abend mit Werken von Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch unter der Leitung von Daniele Gatti.

Daniele Gatti
© Pablo Faccinetto

Strawinskys zweiaktiges Ballet Apollon musagète, ein Auftragswerk, für das der Komponist stilistisch starke Anleihen am französischen Barock nahm, wurde von Orchester und Dirigent in einer ungewohnt schweren Lesart zum Klingen gebracht. Passagenweise wirkten die Musen und der Gott dabei eher depressiv als majestätisch oder ätherisch; allerdings war es durchaus schön, den entrückt und tieftraurig wirkenden Celli beim Klagen zuzuhören. Durch die getragenen bis gezogenen Tempi lag allerdings beinahe ständig eine gewisse Melancholie über dem Parnass, von der Geburt Apollos im Prolog bis hin zur finalen Apotheose – offenbar schlagen Coronakrise und Lockdown-Verlängerungen mittlerweile auch schon den Göttern auf’s Gemüt. Fein herausgearbeitet wurden von den Musikern die verschiedenen Charaktere der drei Musen in ihren jeweiligen Tänzen: Kalliope wurde stilvoll porträtiert und mit zurückhaltendem Charme ausgestattet, Polyhymnia wurde in kecken Klang mit frischen Akzenten gegossen und bei der eleganten Terpsichore schuf das Orchester mit Momenten des Innehaltens eine mystische Aura. 

In die Klangwelt Dmitri Schostakowitschs schienen sich Orchester und Dirigent an diesem Abend jedoch nahtloser einzufügen; die düstere Stimmung, die zuvor bei Strawinsky zuweilen irritiert hatte, passte zur Fünften Symphonie ausgezeichnet. Am Beginn des ersten Satzes changierten die Musiker zwischen latent bedrohlicher Stimmung und resignierender Ruhe, die Streicher erklangen hoffnungsvoll, bevor die Blechbläser unheilkündend, mit steigernder Dynamik und innerem Drängen die Idylle ins Gegenteil verkehrten. Im Allegretto beeindruckten vor allem Klarinette und Flöte mit seelenvoll klagender Emotion und schön phrasierten Klangbögen. Zu effektvollen Piani hielt Gatti das Orchester schließlich im dritten Satz an, wobei er stets darauf zu achten schien, die innere Spannung nicht zu verlieren; selbst wenn die Musiker beinahe unhörbar waren, schwang die ebenso melancholische wie aufgeladene Stimmung in jedem Ton mit. Nuanciert gestaltet wurden auch dynamische Steigerungen, die Tempi hätten für meinen Geschmack jedoch nicht nur hier, sondern den ganzen Abend über etwas forscher sein können. Insbesondere im dritten und vierten Satz schienen die Bläser die Streicher zu überpowern – dieser Eindruck könnte allerdings auch der Übertragung im Livestream geschuldet gewesen sein und direkt im Saal anders gewirkt haben. Ob das Werk nun ein Zugeständnis an den Geschmack des Sowjetregimes war oder doch mehr oder weniger versteckte Botschaften und Kritik zum Ausdruck bringen sollte, sei dahingestellt – der vierte Satz von Schostakowitschs Fünften. Symphonie bietet vielleicht die zehn packendsten und schönsten Minuten, die jemals komponiert wurden. Die Berliner Philharmoniker ließen dabei nochmals die Funken sprühen und stürzten sich energetisch in den (erzwungenen) Jubelmarsch. Letztlich ließ Gattis Interpretation gerade hier jedoch einiges an Kompromisslosigkeit vermissen. Das Orchester wirkte zu kontrolliert, Tempi und Dynamik blieben auf der braven Seite und rauschende Ekstase bzw. der grotesk-überzeichnete Effekt fielen dem Streben nach Perfektion zum Opfer.

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