Mit leisem, intensivem Klarinetten-Solo, das nur begleitet von feinen Paukenwirbeln in der Münchner Philharmonie zu schweben schien, begannen die Münchner Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Valery Gergiev das Hauptwerk ihres Konzertprogramms. Kühl und nordisch präsentiert sich Sibelius in seiner Ersten Symphonie, die Gergiev in ihrer klanglichen Schroffheit sehr umsichtig mit dem satten dunklen Klang der Philharmoniker kombinierte. Organisch dicht entwickelte der Russe das motivische Material, das zum Teil mit romantischem Schmelz aufblühen durfte, zum Teil dank der fabelhaften Solisten kammermusikalische Intensität bekam. Mit dieser Kombination gestaltete Gergiev eine Interpretation von szenischer Intensität, ließ die Musiker mit Andante die großen Melodiebögen elegant aussingen und blieb im Scherzo wunderbar erdig. Im Finale führte er die vielschichtigen Motive zu zwingender Dichte zusammen, ließ das Blech triumphal und rau agieren und endete schließlich umso definitiver mit den zwei düsteren Pizzicato-Akkorden der Streicher, die bereits den Kopfsatz beendet hatten.

Janine Jansen © Marco Borggreve
Janine Jansen
© Marco Borggreve

Ähnliche filmische Klangbildqualität erreichte bereits Violinistin Janine Jansen mit ihrer Interpretation von Max Bruchs Erstem Violinkonzert. Kleinteiligkeit ließ die Niederländerin bei ihrer Darbietung nicht gelten, sondern gestaltete das Werk in üppigen farbenreichen Pinselstrichen. Kraftvoll spielte sie die g-Seite ihres Instruments an und entwickelte mit müheloser Sorgsamkeit große lyrische Bögen, die sie bis ins feinste Piano klanglich rund behielt. Jansen wurde zur Erzählerin, die mit süffigen, prickelnden Läufen und temperamentvoller Gestik das Violinkonzert ganz in seinen rhapsodischen Wurzeln begriff. Bruch hatte sogar überlegt, ob er das Konzert nicht mit „Phantasie“ betiteln sollte, erst der Violin-Großmeister Joseph Joachim überzeugte den Komponisten, dass die Verpackung als Violinkonzert langfristig mehr hermachen würde. Jansens Interpretation schlossen sich das Orchester und Gergiev sehr umsichtig an, ließen nicht nur die ersten beiden Sätze fließend ineinander übergehen, sondern hielten auch vor dem Finale lediglich kurz inne. Der dunkle Klang deutete dabei bereits auf den Sibelius nach der Pause hin. So ließ sich das „Allerweltskonzert“, das Bruch selbst bereits zu seinen Lebzeiten wegen seiner überwältigenden Beliebtheit verbieten lassen wollte, noch einmal aus einer ungewohnten und spannenden neuen Perspektive erleben.

Zum Auftakt des Konzerts entführte Gergiev seine Philharmoniker einmal mehr in dieser Saison aus der romantischen Wohlfühlzone heraus und setzte ein zeitgenössisches Werk aufs Programm. Die Konzertouvertüre Con Brio des Münchner Komponisten Jörg Widmann, die 2008 uraufgeführt wurde, stand mit ihren scharfen Schnitten und Brüchen im deutlichen Kontrast zu den Erzählbögen der beiden anderen Werke des Programms. In kleinteiligen Klangschichten spürt Widmann dem drängenden Gestus der Beethovenschen Musik nach, verzichtet auf direkte musikalische Zitate und lässt doch in kurzen Momenten das Vorbild wie durch einen fernen Schleier hervorblitzen. Gergiev und die Philharmoniker hatten sichtlich Spaß mit den ungewöhnlichen Spielanweisungen, den überlappenden Klangschichten und der permanenten drängenden Innenspannung der Musik. Ein geschickter Auftakt für das Programm, das in der Folge umso bildintensiver und klangfarbiger wirkte.

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