Man kann diese Oper als Liebesdrama interpretieren: Idamante, Sohn des kretischen Königs Idomeneo, liebt die kriegsgefangene Prinzessin Ilia und sie ihn. Und wenn man, wie hier beim Festival d'Aix-en-Provence, einen lyrischen Sopran von der Intensität und Klangschönheit zur Verfügung hat wie den von Sabine Devieilhe, dann wäre es durchaus sinnvoll, diesen Teil der Handlung ins Zentrum zu rücken. Berührend ihr Auftritt gleich zu Beginn, in dem sie ihr Leben beenden will, weil sie für ihre Liebe keine Zukunft sieht, da Idamante durch Übereinkunft der Eltern der Tochter des besiegten Königs Agamemnon, Elettra, versprochen ist; und auch mit der Sängerin dieser hochdramatischen Rolle hätte man für diese Inszenierung kaum eine bessere Sängerin als Nicole Chevalier finden können. Mit furiosem Ausdruck und durchaus scharfen Spitzen gestaltet sie diese Rolle rein musikalisch dennoch klangschön: höchste Dramatik und perfekte Stimmkultur in einem.

Sabine Devieilhe (Ilia) und Anna Bonitatibus (Idamante)
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022

Für Idamante, ursprünglich als Kastratenrolle gedacht und in unserer Zeit meist von einem Tenor verkörpert, hat man sich für eine „Zwischenlösung“ entschieden, die Mezzosopranistin Anna Bonitatibus. Auch ihre Stimme ist geradezu edel, allerdings für diese Rolle ein wenig zu feminin.

Nicole Chevalier (Elettra)
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022

Man könnte die Oper auch als Auseinandersetzung zwischen Menschen und Göttern deuten, zwischen der irdischen und einer höheren Macht, denn Idomeneo hat mit seiner Teilnahme am Krieg gegen Troja Gott Neptun erzürnt und besänftigt ihn, indem er ihm verspricht, den ersten Menschen zu opfern, der ihm an Land begegnet. Das ist zu seinem Schrecken sein Sohn Idamante, und damit wird das Drama zwischen Mensch und Gott auch ein Drama um die Frage, wie weit ein Gelübde den Menschen zwingen kann und soll. Auch dafür wurde sängerisch eine brillante Besetzung gefunden. Michael Spyres ist ein Tenor mit dramatischer Kraft, wenn auch an diesem Abend mit etwas rauer Intonation. Die Oper löst das Dilemma, indem am Ende die Herrschaft wechselt: Idamante tritt an die Stelle seines Vaters als Herrscher.

Michael Spyres (Idomeneo)
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022

Regisseur Satoshi Miyagi hat sich dafür entschieden, das Umfeld und die Vorgeschichte zum Zentrum seiner Inszenierung in Aix-en-Provence zu machen. Es herrscht Krieg, der Chor verkörpert mal das Volk, mal die auf dem Schiff aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten, und er holt mit den Kostümen die Handlung aus der Antike ins 20. Jahrhundert. Die Soldaten tragen alte japanische Uniformen. Es war ein unerbittlicher Krieg, an dessen Ende die Zerstörung einer ganzen Stadt stand: Troja, und der Japaner Miyagi dachte dabei vielleicht zwangsläufig an Hiroshima. So besteht das Bühnenbild von Junpei Kiz aus Türmen, die wie abstrakte Hochhäuser anmuten. Sie werden bewegt von Menschen in den Türmen und sind zugleich Projektionsflächen für Videoeinblendungen, die in einem Fall an die Hiroshima-Gemälde des Künstlerehepaars Maruki erinnern.

Idomeneo
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022

Das sind fein durchdachte Assoziationskomplexe, das Bild mit den von den Herrschenden eingenommenen Türmen ein eindrucksvolles Bild dafür, wie wenig die Oben sich für die Unten interessieren.

Doch eines fehlt in dieser Inszenierung: die Handlung von Mozarts Oper. Die Akteure stehen auf den turmähnlichen Podesten, die sich ständig über die Bühne bewegen. Interaktion zwischen den Figuren ist so unmöglich. Sie stehen  auf ihren Türmen und singen vor sich hin. Gelegentlich fahren die Podeste dabei aufeinander zu, doch szenische Duette entstehen dadurch nicht, können nicht entstehen, denn die Mimik und Gestik ist ohne schauspielerische Interaktion zwangsläufig reduziert. Die Folge ist eine musikalische Darbietung auf höchstem Niveau, zu dem auch das von Raphaël Pichon feinnervig und detailliert geleitete Ensemble Pygmalion wesentlich beiträgt.

Idomeneo
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022

Doch warum die Figuren was singen, warum der Chor nur ein wenig Arme und Oberkörper schwenkt, wenn ein lebensbedrohender Sturm das Schiff zum Kentern zu bringen droht, wenn ein bedrohliches Ungeheuer dem Meer entsteigt, ist nicht erfindlich. Miyagi hat im Grunde genommen eine konzertante Opernaufführung mit bewegten Kulissen auf die Bühne gebracht. Das Drama findet in der Musik statt. Das ist bei dieser Komposition von Mozart durchaus nachvollziehbar, doch sollte es bei einer Oper auch sichtbar werden. Hier singen die Figuren nur von ihrem Leid und ihren Hoffnungen, verkörpert wird nichts, und da kann sich selbst in zweieinhalb Stunden Mozart die eine oder andere langweilige Minute einschleichen.


Die Inszenierung wurde vom Stream auf Arte CONCERT rezensiert.

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Michael Spyres (Idomeneo)
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022
Idomeneo
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Nicole Chevalier (Elettra)
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022
Idomeneo
© Jean-Louis Fernandez | Festival d’Aix-en-Provence 2022
Sabine Devieilhe (Ilia) und Anna Bonitatibus (Idamante)
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