Was beim Bachfest Leipzig 2018 unter „Zyklen“ mit 30 favorisierten Kantaten Sir John Eliot Gardiners, des Intendanten Michael Maul und Archiv-Direktors Peter Wollny als integraler Bestandteil der folgenden Ausgaben mit Kantaten-Ringen begann, erlebte bei jetziger Edition ein monumentaleres Revival. Und ein demokratischeres, waren zu „Im Dialog“ Bachliebhaber aus aller Welt aufgerufen, ihre Top 50 Johann Sebastian Bachs etwas über 200 erhaltenen Kantaten für das Programm selbst auszuwählen.

Circa 7000 Teilnehmer zählte das Voting, das gemäß einer Hitliste, umgeben von 25 Motetten Heinrich Schütz‘, Johann Hermann Scheins, Michael Praetorius', Andreas Hammerschmidts sowie sechs kontrastsensibel registrierten Orgel-Choralbearbeitungen (durch den St. Galler Domorganisten Christoph Schönfelder), in Thomas- und Nikolaikirche präsentiert wurde. In zwölf Konzerten von sechs der weltweit führenden Bach-Ensembles.
Den Anfang machte die Bach-Stiftung St. Gallen, diesjähriger Bach-Medaillen-Gewinner, unter ihrem künstlerischen Kopf Rudolf Lutz. Und das ausgerechnet mit O Ewigkeit, du Donnerwort mit seiner französischen, feierlichen Ouvertüre. Als inspirierte Bach an seiner Wirkungsstätte noch ein Quäntchen mehr, wohnte ihr, wie den anderen von den St. Gallern vorgestellten Platzierungen (49-48 und 33-29), eine beschwingte Frische inne, die in manchen der flüssigen Chöre allein verstärkt dynamik- und balanceoptimierter zum überzeugungsgewinnenderen Vokalausdruck hätte kommen können.

Denn immerhin wartete einerseits das Orchester mit einer einladend gehörigen Portion elastischer Rhythmik auf, aus dem sich neben besonders exquisiten Oboen um Primus Andreas Helm auch die höchst patenten Violin-, Trompeten- und Blockflötensoli Éva Borhis respektive Jaroslav Roučeks und Lea Sobbes sowie die konturfülligen Pauken Inez Ellmanns hervortaten. Andererseits sorgten die sehr wort- und intonationsgewandten Solisten, stupend reine Miriam Feuersinger, noble, farbbedachte, bloß für BWV54 zu volumenrestriktive Margot Oitzinger, plastizitätsphänomenaler, dramatisch-anschaulich rezitierender Daniel Johannsen und jovial-deutlicher, stimmrunder Matthias Helm, für geschliffene, anregende Hörfreuden.
Ihnen folgten die Niederländer um Archiv-Präsident Ton Koopman und sein Amsterdam Baroque Orchestra & Choir mit den Plätzen 47-43, in denen die Interpretation im Vergleich zu später von ihnen aufgeführten, bereits vorab rezensierten Kantaten BWV12 und BWV131 (Plätze 8 und 7) in Bach'schen Originalhallen zu vertrautem Spirit gelang. Nämlich erhebendes Gotteslob durch dynamisch kräftiges Blech und Pauken sowie Bitten, Bedenken und theologsich erwünschte Einsichten in besinnlich-gemessenem Vortrag mittels nuanicert-affektbewusster Dynamik und warmem, artikulationsbefleißigtem Klangkleid jeweils festlich zu beehren.

Dazu verhalfen auch die Solisten, wohlig-eleganter, feiner, ganz überwiegend stilistisch beflissener Sopran Elisabeth Breuers, bestätigend mustergültiger Amelia Berridges, betonungs- und phrasierungserhabener Mezzo Lara Morgers und dynamik- wie ausdrucksgewiefter Tenor Tilman Lichdis. Bass-Institution Klaus Mertens konnte in Ich habe genug seine ganze Erfahrung und Farbigkeit ausspielen, um irdischem Abgesang und Jenseitswunsch beachtliche Würde und herzliche Bewegung zu verleihen.
Gefielen bei Koopman neben BWV82 dadurch BWV34 und BWV130, entpuppten sich alle neun von Lionel Meuniers Vox Luminis gestalteten Kantaten (Ränge 42-38, 24-21) als erbauender Erfahrungsstrom aus tiefer Seligkeit, sakralstimmiger Theatralik und jubillierender Pracht. Als einziger verstand es Bass und Blockflötist Meunier, den Chor konsequent in St. Thomas vor das teils stehende Orchester zu platzieren; mit dem Effekt bestechender, sowieso vorzüglicher Artikulation, vortrefflichster Balance und einer natürlichen Steigerung der Klangintensität.

Das beispielgebend, nutzte Vox Luminis darüber hinaus die Möglichkeit der Bach-Orgel, an der Bart Jacobs und solistische Instrumentalabordnung den überwältigenden, volumen- und textausdeutungsbeschlagenen, exzellent sauberen Countertenor Matthias Dählings in Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust, BWV170, für ein unvergessliches Erlebnis begleiteten. Außerdem beeindruckten die souveränen Soli von Maëlys Robinne, Viola Blache, Kristen Witmer, Sophia Faltas, Raphael Höhn, Florian Sievers, Sebastian Myrus und Felix Schwandtke.
In typisch himmlischer, stilistisch strikter Klarheit und durchaus lebhafter Kultiviertheit, zugleich pointierter Instrumentalbetonung sowie Andacht, textlicher Entschiedenheit, Demut und berühmter Homogenität erfüllte das Collegium Vocale Gent unter Gründer Philippe Herreweghe die publikumsseits ebenso ehrfürchtigen Erwartungen. In den Platzierungen 37-34 und 28-25 stellten dabei engelszarte Grace Davidson, fürstlich-einprägsamer Alex Potter, vorzüglich aufgelegter Guy Cutting und resonanteste, registergenehmste Bass-Erscheinung Johannes Kammler ihre Fähigkeiten erneut unter bestaunten Beweis.

Auch der höhenbrillante, charismatische Sopran Katharina Konradis vermochte das Auditorium mit Jauchzet Gott in allen Landen einzunehmen, die eine der acht durch die Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademann vorgestellten Kantaten (Plätze 20-13) war. Wenngleich Konradis – trotz Reduktionsbemühung gerade dort – ansonsten ausladenderes Vibrato stilistisch aus dem Rahmen fiel. Mit ihr bewährte sich Hans-Martin Rux-Brachtendorf als absolute Trompeten-Größe, außerdem Hannah Freienstein als versiert-couragiertes Continuo-Concertino-Cello. Generell legte Rademann gesteigerten Wert auf einen vollen, emotionalen Orchesterklang, bei dem der Chorausdruck jedoch – abgesehen vom bekenntnissonoren Ein feste Burg ist unser Gott – zu oft in ein Hintertreffen an Kohärenz geriet.

In eigener musikalischer Welt schwebte die Interpretation Gardiners mit dem Constellation Choir & Orchestra, allen voran auch mit den außergewöhnlich genialen, expressionslüsternen Solisten Marie Luise Werneburg und Jonathan Hanley. Sie zelebrierte und kolorierte Bachs Top 12-9, darunter mitreißender BWV19-Eröffnungssatz, und 4-1 sowie die Motetten Praetorius', Schütz' und Scheins in direkt ansprechendster, chiaroscuroprägnanter, dramatischster, inbrünstiger Energie. Auf die Siegertreppen-Kantaten bezogen, gelang es so, Christ lag in Todesbanden noch inniger und kontrastschärfer als bei jedem vorherigen Mal schon vermutet, Ich hatte viel Bekümmernis äußerst eindringlich und Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit fulminant in Szene zu setzen.
Ein erfüllendes Leipziger Bach-Spektakel, an dessen Ende die Nikolaibesucher, wie 2018, ein danksagendes „Gloria“ schmetterten.







