Zumindest da sind Missverständnisse ausgeschlossen: in großen Lettern prangt „Paradies“ über dem Eingang zu Venus’ Lasterhöhle im Bühnenbild der Neuinszenierung von Richard Wagners Tannhäuser am Staatstheater Nürnberg (in Wagners Wiener Fassung von 1875). Das schlauchartig achteckige Scheibenkonstrukt, das sich dahinter dreht und kaleidoskopische Spiegelungen im Raum erzeugt, könnte mit seinen Schlingpflanzen durchaus auch an das Tropenhaus eines Palmengartens erinnern. Ob Gott Vater für Adam und Eva etwa ein solches Ortsschild über ihrem Garten angebracht hatte?

Noch während GMD Roland Böer und das Philharmonische Orchester in der Ouvertüre herrlich samtig und ruhevoll das Motiv der gläubigen Wartburg-Gesellschaft anstimmen, öffnet sich der Vorhang, gibt den Blick frei auf einen vor dem Paradies unstet umherirrenden Tannhäuser, der offenbar gar keine elysischen Gefühle hegt, mühsam in den Tunnel kriecht und sich auch vom erotischen Tanz der siebenköpfigen Ballettgruppe nur kurz in Wallung bringen lässt. Wenn Venus hochschwanger Tannhäuser ihren Babybauch fühlen lässt, spürt er keinen Anlass für Vaterfreuden. Und dass zwischen all den Erdfarben der Bühne ein junges Mädchen in weißem Kommunionkleid fast unbekümmert umherspringt (stumme Rolle super fein gespielt: Aleksandra Gettich), erinnert den Minnesänger immer drängender an die lange zurückliegende Bindung zu Elisabeth, die, zumindest nach Meinung der Regisseurin Barbora Horáková, auch nicht folgenlos geblieben ist.

Horákovás Regieansatz besteht darin, Tannhäusers Konfliktsituation nicht allein zwischen Venus und Elisabeth zu suchen, zwischen Sünde und Reinheit. Seine Sinnlichkeit wie auch Verantwortung kann er nicht als prägende Teile desselben Lebens verbinden. Er pendelt zwischen verschiedenen Welten, ohne in einer wirklich anzukommen. Daher folgt die Inszenierung weniger dem chronologischen Ablauf als einem Puzzle seiner beschädigten Erinnerungen. Da werden Splitter der Lebensgeschichte, von Zeitsprüngen und Traumbildern zusammengesetzt, oft mit seinem Wunsch, dass manches auch anders hätte enden sollen.
So ist auch der Venusberg ein kaum verarbeiteter Raum seines Unterbewusstseins, der ihm Momente des Abstands aus seiner individuellen Geschichte ermöglichte. Doch Verdrängtes wie Familie und Kind beginnen, traumatisch in einen solchen Zufluchtsort einzudringen. An Stelle von Parsifals Erkenntnis „Zum Raum wird hier die Zeit“ erfährt Tannhäuser eher ein „Zum Traum wird hier die Zeit“. Sergio Verdes großformatige Videoprojektionen spiegeln die Bewusstseinsebenen imposant in den Handlungslauf wie fixe Ideen, die man „nicht aus dem Kopf bekommt“, machen das Bruchstückhafte seiner Gedankengänge erlebbar.

„Dein übergroßer Reiz ist’s, den ich fliehe!“ So spricht keiner, der sich wirklich wohl fühlt. Im Zuviel erkennt Tannhäuser, dass auch im Venusberg Verantwortung entstehen kann. Diesen gebrochenen Menschen, der sein gescheitertes Leben als einen Albtraum erlebt, spielt in Nürnberg glühend der amerikanische Heldentenor Bryan Register, sehr eindringlich auf Horákovás Personenregie eingehend. Mit delikater, kraftvoll höhensicherer Stimme und baritonalem Fundament konnte er als Leidender wie Erinnerung Suchender die Empathie der Hörer finden.
„Zieh hin, Wahnbetörter!“ Den Wutausbruch der verlassenen Venus gestaltete die Gastsolistin Dorothea Spilger vehement mit voluminösem Mezzo. Ihre Höhe wirkte an diesem Abend leider etwas schrill. Da gefiel Veronika Loy als junger Hirte in der folgenden Szene mit ihren filigranen Sopran, der leuchtend bis in obere Register ansprach. Als Landgraf von Thüringen beeindruckte Seok-Jun Kim mit geschickt eingesetztem, fülligem Bassvolumen im anschließenden Treffen der Jäger, die in Tannhäuser einen alten Kumpanen wiederfinden.

Im Gegensatz zur ungeordneten Natur des Venusbergs scheint im zweiten Akt das Leben in der Welt der Wartburg geordnet, mit Riten organisiert. Die Gemeinschaft dort will Tannhäuser zwar zurückgewinnen, jedoch auch bestrafen, da er die geltenden Regeln verletzt habe. Es ist auch Emily Newtons große Szene als Elisabeth, die mit Tannhäuser einen kurzen Moment heiler Familie erlebt, die Risse seiner Erinnerung auch nicht kitten kann. Ausgestattet mit dramatischem Sopran und bewegungsreichem Bühnentalent überzeugte sie als Elisabeth mit expressiver Gestaltung der Rolle und bewundernswert vielfarbig nuanciertem Ausdruck ihrer Stimme.

Doch zunächst seziert Horáková das Dreiecksverhältnis aus Tannhäuser, Elisabeth und dem Sängerfreund Wolfram von Eschenbach. Sie beleuchtet dabei, wie Wolfram durchaus nicht nur ein langjähriger Kumpan von Tannhäuser ist, sondern selbst in Elisabeth verliebt ist, ohne dass diese Liebe erwidert wird. Sehr dezent geht Jochen Kupfer mit dem Wechselbad von Regungen freundschaftlicher Hilfsbereitschaft und liebevoller Annäherung an die unerreichbare Elisabeth um, drückt gestisch seinen inneren Kampf aus, die Empfindungen nicht zu offenbaren. Wie er dann vokal vollendet Gefühlen Ausdruck geben kann, zeigte er im dritten Akt bei der Introduktion „Wie Todesahnung Dämmrung deckt“: ein immer stärkeres Aufleuchten seiner profunden Bassfülle, die unangestrengt klar und natürlich schwebend im Gruß an den „holden Abendstern“ mündete.
Der Einzug der Gäste gelingt dank des außerordentlich geschmeidig agierenden Opernchors erhebend, ohne ins Deklamatorische abzugleiten. Im Sängerwettstreit messen sich echauffiert die Minnesänger (Sergei Nikolaev, Wonyong Kang, Julius Steinbach und Qinchuan Lan), philosophierend um das Wesen der wahren Liebe. In festlicher Aura wiederum die Philharmoniker, die sich unter Roland Böer zu meisterliche Klangsphären aufschwangen.

Venusberg und Wartburg fallen bildlich im dritten Akt zusammen; nur unaufgeräumte Reste bleiben auf der Szene zurück. Auch die religiöse Instanz kann Tannhäusers Schuld nicht tilgen. Körperlich noch lebend ist seine psychische Energie aufgebraucht, keine Gnade läuterte ihn seit dem Anfang im Venusberg. Eine mitreißende Inszenierung, wenn man neben gewohnten, dem opulenten Klang folgenden festlichen Spielabläufen Horákovás mehrseitig ausgiebige Gedankengänge im Programmheft aufnimmt, die den Titelhelden, zwischen den Welten von erotischer Wollust und Wartburg-Würde wandernd, aus ungeläufigem Blickwinkel zeigt.




























