Wenn man früh genug am Tag mit Mahlers Achter Symphonie konfrontiert wird, kann man getrost auf den üblichen Espresso am Sonntagmorgen verzichten. Der gewaltige Orgelakkord in Es-Dur zu Beginn weckt garantiert selbst das schläfrigste Matinee-Publikum. Die Zuschauer im vollbesetzten Konzerthaus, die für den Abschluss von Andris Nelsons’ Mahler-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern gekommen waren, erhielten einen kräftigen musikalischen Koffeinkick.

Mahlers Achte Symphonie im Wiener Konzerthaus © Antonia Wechner
Mahlers Achte Symphonie im Wiener Konzerthaus
© Antonia Wechner

Heutzutage sind Mahlers Symphonien in den Konzertsaisons allgegenwärtig, doch die Achte erklingt so selten, dass sie sich immer noch wie ein besonderes Ereignis anfühlt. Ihr Beiname „Symphonie der Tausend“, den der Komponist verabscheute, wurde vom Impresario Emil Gutmann als Werbegag für die Uraufführung 1910 in München geprägt, an der tatsächlich 1030 Personen mitwirkten. Hier waren es deutlich weniger – 371 – aber immer noch genug, um die Aufführung zu einem logistischen Albtraum zu machen: Der Wiener Singverein drängte sich links hinter dem Orchester, die Wiener Singakademie rechts, während die Wiener Sängerknaben in ihren Matrosenanzügen die Orgel flankierten.

Hinzu kommen acht Solisten und die zusätzlichen Blechbläser, die von der Empore über der Bühne spielen – das Dirigieren von Mahlers Achter gleicht der Arbeit eines Verkehrspolizisten. Nelsons fehlten nur noch ein Paar weiße Handschuhe. Stattdessen sorgten ein kräftiger Taktstock und umsichtiges Einsetzen dafür, dass es zu keiner ungewollten Kollision kam. Nelsons’ Dirigat war zielstrebig und hielt alle Fäden geschickt im Griff. Die Ausnahme bildete die gedämpfte Orchester-Einleitung zum zweiten Teil, dem einzigen Abschnitt des Werks, in dem man die raschelnden Anklänge an Mahlers Wunderhorn-Symphonien hören kann. Hier verweilte er atmosphärisch und genoss den warmen Klangteppich der Streicher der Wiener Philharmoniker, während Mahler die Bergschluchten einführt, die seine gigantische Vertonung des Finales von Goethes Faust einläuten.

Andris Nelsons, Solisten und die Wiener Philharmoniker © Antonia Wechner
Andris Nelsons, Solisten und die Wiener Philharmoniker
© Antonia Wechner

Es ist ein unausgewogenes Werk, doch Nelsons gelang es, seine beiden ungleichen Teile zu einem stimmigen Ganzen zu verschmelzen. Die christliche Hymne Veni, creator spiritus aus dem 8. Jahrhundert – Teil der Pfingstliturgie, die die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Jünger feiert – klang gebührend ekstatisch, wobei die drei Chöre eine überwältigende Klangwand bildeten. Der viel längere zweite Teil, in dem Mahler auf die besten Stellen aus Faust verzichtet – was, kein Mephisto? –, kann sich etwas in die Länge ziehen: eine Prozession von Gestalten, die Faust im Himmel willkommen heißen. Viel hängt von den Solisten ab, und hier war Nelsons’ Team mit gemischtem Erfolg gesegnet. Positiv zu vermerken sind der autoritative Pater Profundus des Basses Tareq Nazmi, die volltönende Mulier Samaritana von Beth Taylor und die mühelosen, strahlenden hohen Töne von Jacquelyn Wagner als Magna Peccatrix. Am besten war Ying Fang, die ihre wenigen Zeilen als Mater Gloriosa mit perlender Ausstrahlung hoch über der Bühne schweben ließ.

Ying Fang © Antonia Wechner
Ying Fang
© Antonia Wechner

Weniger überzeugend waren Sarah Wegener als sanfte, wenn auch etwas atemlose Büßerin, Tamara Mumfords blasse Mezzostimme als Maria Aegyptiaca und Michael Nagys Pater Ecstaticus, der seinen Text auf ungeschickte Weise herausschleuderte. Der Tenor Benjamin Bruns sang einen herrischen Doktor Marianus, der besser war, wenn er leise sang.

Alle drei Chöre waren jedoch hervorragend. Das Finale des Chorus Mysticus, als Faust erlöst wird, war erschütternd: Chöre, die das Ewig-Weibliche preisen, das Dröhnen der Orgel, das Läuten von Blechbläsern und Tam-Tam. Definitiv nicht Ihr üblicher Sonntagmorgen.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

Andris Nelsons, Solisten und die Wiener Philharmoniker © Antonia Wechner
Andris Nelsons, Solisten und die Wiener Philharmoniker
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Mahlers Achte Symphonie im Wiener Konzerthaus © Antonia Wechner
Mahlers Achte Symphonie im Wiener Konzerthaus
© Antonia Wechner
Ying Fang © Antonia Wechner
Ying Fang
© Antonia Wechner