„Ich finde nicht, dass es verrückt ist, beides zu machen!”, meint Bryan Hymel, gefolgt von schallendem Gelächter. Als wir uns während der Proben trafen, plante Hymel nur Turiddu zu singen, die Tenorrolle in Mascagnis Cavalleria rusticana, in der Wiederaufnahme von Damiano Michielettos Inszenierung, die die Handlung mit dem regelmäßigen Verismo Doppelopern-Partner, Pagliacci, verflechtet. Canio – Pagliaccis Clown, der durch Untreue seiner Frau dem Wahnsinn verfällt – sollte ursprünglich von Fabio Sartori gesungen werden, aber ein Absage führte dazu, dass Hymel beide Rollen singen sollte, zumindest bis Weihnachten. Aber bevor Cav und Pag im Januar weitergeht, gibt es keine Pause für Hymel, der für vier Vorstellung von La bohème während der Festtage nach München reist. Er ist ein begehrter Tenor und der Großteil seiner Karriere wurde an der Royal Opera in London geschmiedet.

Bryan Hymel (Canio) in <i>Pagliacci</i> © ROH | Catherine Ashmore
Bryan Hymel (Canio) in Pagliacci
© ROH | Catherine Ashmore

Der entscheidende Moment in Hymels Karriere kam 2012 als er Jonas Kaufmann in David McVicars Neuinszenierung von Les Troyens ersetzte. Hymel hatte die Rolle des Énées zuvor schon gesungen – „sie ist zu lang und zu schwer, um sie in kurzer Zeit einzustudieren“ – und nach seinem Erfolg in Rusalka zu Beginn des Jahres gab ihm Musikdirektor Antonio Pappano die Chance einzuspringen. „Es war ein großes Risiko – es hätte so oder so kommen können. Natürlich gibt dir das Publikum einen gewissen Vertrauensbonus, aber es macht einen Unterschied, ob man die Show weiterlaufen lässt oder das Beste herausholt.“ Das war sein ‚Nutze den Tag‘-Moment und Hymel griff ihn mit beiden Händen. „Als ich sah, dass Pappano und McVicar ihr Vertrauen in mich gesetzt hatten, vertraute ich selbst darauf, dass ich das Nötige in mir hatte. Ohne den Covent Garden-Troyens hätte ich mich an der Met niemals so gut geschlagen, denn meine Beziehung zur Met war niemals so gut wie die zu London. Sie haben mich so oft singen gehört, aber wussten nie so recht, was mein Repertoire war oder was sie mir anbieten sollten. Troyens hat mein Debüt an der Met drei Saisonen nach vorne verschoben.“

Bryan Hymel (Énée) in <i>Les Troyens</i> © ROH | Bill Cooper
Bryan Hymel (Énée) in Les Troyens
© ROH | Bill Cooper

Seit 2012 ist Hymel eine Bank am Royal Opera House für diese großen Tenorrollen des französischen Repertoires und begeistert das Publikum mit seinen klingenden hohen Tönen. Neben Énée sang er Robert le diable und Henri in Les Vêpres siciliennes, eine Rolle, die er diesen Herbst triumphal neu aufleben ließ. Arnold in Guillaume Tell ist ebenfalls in seinem Repertoire, Teil eines beeindruckenden Portfolios herausfordernder Rollen, wie Hymel zugibt. „Sie sind alle unglaublich lang und die Stimmlage ist wirklich hoch. Die französische Stimmtechnik liegt etwas höher wegen der voix mixte; Verdi schrieb zum Beispiel Vêpres und Don Carlos komplett anders als seine italienischen Werke. Sogar innerhalb dieses Repertoires gibt es große Unterschiede zwischen Rossini, Berlioz und dann die Evolution bishin zu Gounod, wo es immer noch hoch liegt, aber auch eine vollere, üppigere Orchestrierung aufweist. Das Repertoire hat mich ausgesucht!”

Hymel erklärt, dass der Wechsel zu einem neuen Stimmtrainer vor zehn Jahren ihn zum französischen Repertoire geführt hat, was mich darüber grübeln lässt, wie unterschiedliche Lehrer unterschiedliche Dinge in derselben Stimme hören. Hymel nickt wissend: „Lehrer und Trainer und Dirigenten und Casting Directors und Manager! Und wir reden noch gar nicht vom Publikum oder den Kritikern! Mir wurde tatsächlich mal am selben Tag Nadir in Perlenfischer und der Kaiser in Die Frau ohne Schatten angeboten! Nicht vom gleichen Haus, gott sei Dank, aber am selben Tag! So ziemlich alles liegt zwischen diesen beiden Rollen!”

Bryan Hymel (Henri) und Michael Volle (Montfort) in <i>Les Vêpres siciliennes</i> © ROH | Bill Cooper
Bryan Hymel (Henri) und Michael Volle (Montfort) in Les Vêpres siciliennes
© ROH | Bill Cooper

Die Ansprüche an internationale Opernsänger sind groß. „Immer am gleichen Niveau zu singen, verlangt einem viel ab”, gibt er zu, „wenn man alle drei oder vier Tage eine Vorstellung hat, kommt man nie richtig runter. Es ist, als ob man kleine Halbkilosäcke hebt; sobald man vier oder fünf in jeder Hand hält, wird es anstrengend. Abhängig davon, wie lange man sie trägt – obwohl einer allein eigentlich nicht schwer ist – kann es über eine gesamte Saison erdrückend sein. Häuser bieten oftmals Verträge in kleinen Bündeln, zwei oder drei auf einmal. Es ist niemals ausdrücklich „nimm alle drei oder keinen”, weil sie verstehen, dass man eventuell bereits an einem anderen Haus verpflichtet ist, aber wenn man frei ist und nicht alle übernehmen möchte… dann ist es nicht so toll.”

Hymel sieht Turridu als Vorstoß in die „größere italienische Musik“ nach seinem ersten Don Carlo (ebenfalls in Covent Garden) letzte Saison. Turridu ist ein schwieriger Charakter zu begreifen. Ist er auf der einen Seite nicht Mamis Liebling, der Santuzza betrügt? „Ich weiß nicht, ob das so einen Unterschied macht“, antwortet er. „Ich glaube, dass diese Muttersöhnchen oft mit viel davonkommen und keine Verantwortung gegenüber jemandem tragen, weil sie wissen, dass sie mit allem davonkommen. In dieser Inszenierung wird er in seinen späten Zwanzigern gezeigt, er ist also wirklich impulsiv und leidenschaftlich, stürmt in Situationen und macht was er will. Es ist kompliziert. Man sieht nie etwas zwischen Lola und Turiddu, bis auf einen kurzen Austausch in der Mitte seines Duetts mit Santuzza. Man muss diese heiße Affäre zwischen ihnen erahnen. Das ganze Drama ist mit Santuzza.

Bryan Hymel (Turiddu) und Elina Garanca (Santuzza) in <i>Cavalleria rusticana</i> © ROH | Catherine Ashmore
Bryan Hymel (Turiddu) und Elina Garanca (Santuzza) in Cavalleria rusticana
© ROH | Catherine Ashmore

„Turiddu ist – wie in gewisser Weise auch Pinkerton – nicht alt genug, um die Konsequenzen seiner Handlungen abzusehen. Als er sieht, dass alles bergab geht, betrinkt er sich einfach. Es gibt einen Moment der Reflexion, nachdem er Alfio ins Ohr beißt, wenn er endlich erkennt was passieren wird.“

Das Gespräch über schwereres italienisches Repertoire führt zu meiner prophetischen Frage über die Annahme beider Rollen in Cav und Pag an einem Abend. Hymel war sich sicher – und hat seitdem bewiesen – dass er beide anpacken kann. Tatsächlich fragt er sich, welche die schwierigere Rolle ist. „Nachdem ich das Orchester in der Sitzprobe gehört habe, denke ich, dass Cavalleria genau genommen schwieriger als Pagliacci ist, vor allem mit der Verdoppelung der Streicher bei Mascagni. Ich verstehe, warum schwere Stimmen lieber Canio als Turridu singen, weil es nicht so hoch geht, aber man kann nie wirklich sagen, wie schwer etwas ist, bis man mit dem Orchester in einem Raum ist.“

Bryan Hymel (Canio) und Carmen Giannattasio (Nedda) in <i>Pagliacci</i> © ROH | Catherine Ashmore
Bryan Hymel (Canio) und Carmen Giannattasio (Nedda) in Pagliacci
© ROH | Catherine Ashmore

Es ist also die Verdoppelung der Streicher, die Puccini schwerer als Verdi macht, aber wir einigen uns darauf, dass Verdi schwieriger zu singen ist. „Verdi ist der Mozart des 19. Jahrhunderts“, erklärt er, „man muss seine Stimme wirklich kennen, man muss seine Technik beherrschen, damit man wirklich groß werden kann und zurückkommt. Bei Puccini braucht man genauso viel Technik, aber auf eine andere Weise. Aber ich habe viele Sänger in Puccini mit etwas davonkommen sehen, was bei Verdi nicht möglich wäre: zu offene Stimmen oder zu raue Kanten.“

Flexibilität im Repertoire ist sicherlich ein Schlüssel. „Ich habe mir immer gedacht, dass es hilfreich für mich ist, wenn ich zwischen unterschiedlichem Repertoire wechsle, anstatt andauernd das gleiche zu singen. Es ist wie Stretching, Aufwärmen. Mir wurde früh gesagt ‚Oh, das ist nicht wirklich ein italienischer Klang, aber es ist auch nicht wirklich Deutsch, versuche Tschechisch!‘ Hör zu, das ist meine Stimme, die Farbe ist was sie ist, du kannst sie entweder in unterschiedlichem Repertoire hören oder du kannst einen bestimmten italienischen Tenor im italienischen Repertoire hören oder einen französischen oder deutschen. Wissen Sie, ich erinnere mich, als ich das erste mal eine Aufnahme von Birgit Nilsson hörte. Sie sang Tosca. Ich dachte ,das ist wirklich verdammt gut!’ Wenn ich an Tosca denke, denke ich für gewöhnlich an Tebaldi oder Callas, aber Nilsson sang sie so gut. Ich hätte viel dafür gezahlt, sie diese Rolle singen zu sehen!“

Maria José Siri (Cio-Cio San) und Bryan Hymel (Pinkerton) © Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala
Maria José Siri (Cio-Cio San) und Bryan Hymel (Pinkerton)
© Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala

Eine Rolle, zu der Hymel vermutlich nicht zurückkehren wird ist Pinkerton aus Madama Butterfly. Ich sah ihn letzten Dezember bei der großen Saisoneröffnung an der Scala, was eine große Sache war, da seit Jahren erstmalig ein amerikanischer Sänger eine Hauptrolle an der prima übernommen hatte. „Ich habe sie angenommen, weil es die Saisoneröffnung war… und das war es eigentlich auch schon! Butterfly hat dem Tenor nicht viel zu bieten.” Noch mehr war dies der Fall in Mailand, wo sich Musikdirektor Riccardo Chailly für die originale Version der Oper entschieden hatte, was bedeutet, dass Pinkerton seine kurze Arie „Addio, fiorito asil”, die Pinkertons groben Charakter etwas erweicht, verliert und die Rolle dadurch noch reizloser macht. „Sofern es keine ungewöhnliche Situation ist, in der ich Pinkerton nur nebenbei singen würde, werde ich die Rolle vermutlich nicht mehr annehmen.”

Hymel nennt Jussi Björling und Luciano Pavarotti als seine Tenor-Vorbilder – „ich höre für gewöhnlich immer gewisse Zeitspannen“ – aber ein spontaner CD Einkauf in Italien führte dazu, dass er Tito Schipa erkundete, und frühere Zeiten. „Es war schwer, meine Ohren an diese älteren Aufnahmen anzupassen, über die Kratzer hinwegzuhören, aber dann verbrachte ich viel Zeit damit, Benjamino Gigli und Enrico Caruso anzuhören. Aber der Tenor, den ich am meisten anhöre ist Plácido Domingo. Seine Stimme ist nicht wie meine, aber hat mehr aufgenommen als jeder andere und nachdem ich ihn kennengelernt und mit ihm gearbeitet habe, fühle ich eine gewisse Verbindung.“

Bryan Hymel © Dario Acosta
Bryan Hymel
© Dario Acosta

Ein Tenor für viele Seiten des Repertoires, aber was wäre, wenn Hymel eines Tages als Bariton aufwachte? Seine Augen beginnen zu leuchten. „Scarpia! Er ist so anders als alle Charaktere, die wir Tenöre haben. Ich höre normalerweise Musik, für die ich mich vorbereite, aber wenn ich manchmal nur etwas zum Genießen auflege, dann lege ich für gewöhnlich Robert Merrill, Leonard Warren oder George London auf… alles großartige Baritone. Eine andere Baritonrolle wäre Simone in Zemlinskys Eine florentinische Tragödie und Michele in Il tabarro. Als ich an der Academy of Vocal Arts war, wurde ich von der New Orleans Opera für Trittico angeheuert. Ich lernte Puccini unglaublich zu schätzen. Die Orchestrierung in Tabarro ist großartig und das komische Element in Schicchi… es ist genial. Ich sang sowohl Luigi als auch Rinuccio für drei aufeinander folgende Tage – eine großartige Erfahrung, aber ich würde keinesfalls beide nochmal singen.” Zwei Rollen an einem Abend? Das wäre verrückt, Bryan.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz