Dass Igor Levit ein Grübler-Pianist ist, hat der 34-Jährige mit seinem im September des ersten Coronajahres erschienenen Album Encounter einmal mehr unterstrichen. Levit sucht in jeder Phrase Bedeutung, Tiefe zu finden. Auf der Platte ist auch viel Brahms zu hören. In der Münchner Isarphilharmonie spielte Levit nun an drei Terminen Brahms Erstes Klavierkonzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – den Corona-Bestimmungen angepasst vor nur rund 450 statt der möglichen 1.800 Zuschauern.

Igor Levit und Manfred Honeck
© Astrid Ackermann

Eigentlich müsste dieses großformatige, mit dem Symphonischen liebäugelnde Konzert dem Detailfanatiker Levit liegen. Das tat es auch, allerdings erst ab dem zweiten Satz. Im zerklüfteten Kopfsatz, den die BR-Symphoniker unter der Leitung von Manfred Honeck bereits in der Einleitung schwerblütig eröffneten, wirkte Levit merkwürdig gehemmt. Das lag zum einen Teil sicher an der wuchtigen Begleitung durch das Orchester, das Levit passagenweise regelrecht überlagerte. Levit setzte dem selbst während der Forti des Orchesters nicht mehr als vorsichtige Raffinesse entgegen. Zum anderen fehlte Levit aber der dramatische Zugriff auf das Material. Nur einmal schien er wirklich die dramatische Zuspitzung zu wagen. Dann, als er das Hauptthema regelrecht aus dem Flügel stanzte. Das Versprechen blieb allerdings uneingelöst – gerade die Freude am Detail schien Levit im Maestoso abhanden gekommen zu sein. Kaum überraschende Phrasierungen und wenig inspirierte Läufe tränkte Levit schließlich mit viel Pedal.

Ganz anders wirkte da das Adagio – auch weil Levit sein Spiel weniger im Zwang des Orchesters freier gestalten konnte. Die lyrischen Passagen lud Levit mit teils erschütternder Resignation auf. Jetzt schien jede Phrase intellektuell durchdrungen, Levit schien um jede Note zu ringen – körperlich ganz deutlich zu erkennen, wenn er den Kopf bis zur Brust nach unten beugte. Das Presto gestalteten Levit und die BR-Symphoniker schließlich in rasantem Tempo. Das Thema rückte Levit dabei in die Nähe eines Bach'schen Präludiums. Die Coda steigerte Honeck schwung- und effektvoll, bevor Levit sich dann mit Schuberts Air Russe aus den Moments musicaux beim Publikum bedankte.

Manfred Honeck dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
© Astrid Ackermann

Dem schroff-symphonischen Klavierkonzert stellte Honeck im zweiten Teil Dvořáks heitere Achte Symphonie gegenüber. Die gehört zwar seit Jahrzehnten zum Repertoire des Österreichers, abgenutzt hat sie sich dennoch kein bisschen. Viel mehr schärfte Honeck die dramatische Prägnanz der böhmischen Musik mit geschickten Rubati, räumte aber gleichzeitig den pastoralen Farben Raum zur Entfaltung ein.

Im zweiten Satz wurde das orchestrale Farbenspiel fast schon bekenntnishaft als Ausdruck der Verpflichtung zum Detail. Da fächerte Honeck den Orchesterklang schimmernd transparent auf, um diesen blitzschnell in einen brillant, satten Streicherklang zu überführen. Geschmackvoll tänzelte der Walzer des dritten Satzes dahin. Mit dieser nonchalanten Beiläufigkeit wurde da neben dem melancholischen Vorbild Tschaikowskys auch eine Parallele  zum Weltschmerz im Wiener Walzer hörbar.

Im Finale führte Honeck diese Details zu einer bacchanalen Fanfarenekstase zusammen, mit flatternden Holzbläsern und explosionsartigen Dynamikgegensätzen. Das drohte fast zu überwältigen und der bange Gedanke drängte sich auf, wie wohl eine Schostakowitsch- oder Mahler-Symphonie in dem neuen Saal klingen dürfte. Vorerst bleibt aber die Erkenntnis, dass diesen Dvořák kaum einer so packend interpretieren kann wie Honeck.

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